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Neue Herausforderungen für den betrieblichen Gesundheitsschutz. Foto: Thomas Gasparini/Volkswagen

Neue Herausforderungen für den betrieblichen Gesundheitsschutz

Mensch mit Maschine

06.01.2015 Ι Industrie 4.0 ist mehr als ein Schlagwort. Vernetzung und Digitalisierung werden die Rolle menschlicher Arbeitskraft in der Produktion verändern. In welche Richtung, ist ungewiss. Sicher ist: Auf den betrieblichen Gesundheitsschutz kommen neue Aufgaben zu. Die Zusammenarbeit mit intelligenter Technologie kann zu Gefährdungen für die Gesundheit führen.

Wenn heute über die Zukunft der Industriearbeit diskutiert wird, fällt schnell der Begriff "Industrie 4.0". Arbeitswissenschaftler, Gewerkschafter und Politiker verbinden damit eine völlig veränderte Arbeitswelt: Kernstück ist eine rundum vernetzte und voll automatisiert gesteuerte Produktion. Sie beruht auf technologischer Intelligenz, die in Produkten und Maschinen eingebunden wird. Es gibt Produkte, bei denen schon der Rohling weiß, was er einmal werden soll, und sich eigenständig seinen Weg durch die Produktion sucht. Dabei wird er von Maschinen unterstützt, die untereinander und mit dem entstehenden Produkt kommunizieren.

 

So verstanden bedeutet Industrie 4.0 nichts weniger als den Abschied von grundlegenden Prinzipien der industriellen Produktion. Aufgegeben wird die Linienfertigung mit einer festgelegten Bearbeitungsreihenfolge. Aufgegeben wird darüber hinaus das Ziel einer zentralen Steuerung. Entscheidungen darüber, was zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort und mit welchen Werkzeugen gefertigt wird, fallen künftig technologisch automatisiert an vielen Stellen direkt in der Produktion. Den Menschen braucht diese Fabrik nur noch für die Systemgestaltung, Überwachung, Wartung, Störungsbeseitigung sowie für nicht automatisierbare Fertigungsaufgaben.

 

Ob das alles exakt so eintritt, ob es tatsächlich jemals so weit kommt, kann heute niemand mit Gewissheit sagen. Sicher aber ist: Wird die Industrie 4.0 Realität, hat dies weitreichende Veränderungen von Arbeit zur Folge. Weitreichend wären auch die Auswirkungen auf die Aufgaben des betrieblichen Gesundheitsschutzes. Grund dafür ist, dass die Industrie 4.0 die Rolle der menschlichen Arbeitskraft in der Produktion erneuert. Im günstigen Fall wird der Mensch zum Herrscher über die Produktion. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass er zum bloßen Anhängsel der Technologie wird.

 

Noch ist nicht ausgemacht, in welche Richtung die Entwicklung geht. In jedem Fall aber werden Menschen in der Industrie 4.0 in sogenannten hybriden Systemen arbeiten. Hybride Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass neben den Arbeitskräften, den Beschäftigten, auch die Technologie Prozesse steuert. Bekannt ist die Zusammenarbeit von Mensch und automatisierter Steuerung etwa durch die Arbeit von Piloten. Bekannt ist zudem: Die Zusammenarbeit mit intelligenter Technologie kann neue Ursachen psychischer Belastungen mit sich bringen. Menschen werden in hybriden Systemen eine hohe Verantwortung tragen, während sie zugleich der Technologie unterlegen sind. Sie können weit weniger Daten verarbeiten und weniger Komplexität berücksichtigen als Maschinen - zugleich aber wird von ihnen erwartet, Fehler der technologischen Systeme schnell zukorrigieren. Dies können sie aber immer weniger, weil ihnen durch die Automatisierung eigene Erfahrungen mit der Prozesssteuerung und damit Kompetenzen verloren gehen. 

 

 

 

Extrem flexibel arbeiten

Eine weitere Gefährdung entsteht, wenn die Industrie 4.0 mit dem Ziel einer nahezu unbegrenzten Flexibilität der Produktion verbunden wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die technologischen Systeme bestimmen werden, wann die Beschäftigten welche Aufgaben bearbeiten. Arbeitskräfte in der Industrie 4.0 werden voraussichtlich extrem flexibel arbeiten, jedoch kaum über ihre Zeit bestimmen können.

 

Schon heute erleben wir eine rasche Verbreitung unterschiedlicher Formen von Automatisierung. Und auch diese sind in der Lage, den Gesundheitsschutz vor große Herausforderungen zu stellen. Ein Beispiel sind Roboter, die nicht mehr innerhalb von Schutzkäfigen eingesetzt werden, sondern als "kollaborierende Roboter" Hand in Hand mit den Beschäftigten arbeiten. Diese Leichtbauroboter können Zusammenstöße und Quetschungen verursachen. Solche Unfälle zu verhindern, ist derzeit eine große Aufgabe für die Arbeitsgestaltung. Der Arbeitsschutz fordert, dass Menschen nicht durch die Technologie gefährdet werden.

 

Denken ist nicht nötig

Ein zweites Beispiel sind Assistenzsysteme, die den Beschäftigten Daten, Diagnosen und Arbeitsanweisungen präsentieren. Assistenzsysteme können Arbeit erheblich erleichtern. Es zeichnet sich jedoch gegenwärtig ab, dass ein Teil der Assistenzsysteme mit dem Ziel entwickelt wird, jegliche Denkanforderung im Arbeitsprozess zu beseitigen.

 

Industrie 4.0 und andere Formen der Automatisierung können so gestaltet werden, dass sie mit guter Arbeit vereinbar sind. Voraussetzung ist, dass Gewerkschaften mit den Beschäftigten den technologischen Wandel gestalten, Vorstellungen einer wünschbaren Arbeit durchsetzen und konsequent das Mittel der Gefährdungsbeurteilung nutzen.

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