Leiharbeit und Fremdvergabe
So beuten dubiose Leihfirmen osteuropäische Leiharbeiter aus

Ein Job bei VW in Deutschland: Damit locken manche Leihfirmen Beschäftigte aus Osteuropa an. Doch dann werden sie in vergammelte Sammelwohnungen gesteckt und warten monatelang auf Lohn. Die IG Metall Emden holt sie da raus, vermittelt sie in gute Jobs – und verklagt die Leihfirmen.

28. Juni 202328. 6. 2023


Leihbeschäftigte leben in vergammelten, verschimmelten Sammelunterkünften und warten monatelang auf ihren Lohn – während sich der Firmenchef in Kitzbühel Kaviar und Austern gönnt: So beuten fragwürdige Leihfirmen Beschäftigte aus Osteuropa aus. Nicht irgendwo, sondern bei Subfirmen von Volkswagen in Emden.

Die IG Metall Emden hat ihnen geholfen: Viele Leihbeschäftigte sind jetzt direkt bei der VW-Tochter Autovision eingestellt worden. Zudem hat die IG Metall über den DGB-Rechtsschutz Klagen gegen diese Leihfirmen eingereicht.

Auf die Leiharbeiter wurde die IG Metall Emden über ihre Vertrauensleute bei VW aufmerksam. Sie luden die Leihbeschäftigten zu Treffen ein, gemeinsam mit den Beratern und Übersetzern des Netzwerks „Faire Mobilität“ des DGB.

Przemyslaw Juszczyns, Leiharbeiter aus Polen


„Dass so etwas in Deutschland möglich ist“

Przemyslaw „Greg“ Juszczynski aus Polen (Foto oben) ist einer von ihnen. Er hat auf der ganzen Welt gearbeitet, aber eine solche Ausbeutung wie bei der Leihfirma Wenzel in Emden hat er noch nie erlebt. Wir haben mit ihm gesprochen –  mit Unterstützung von Piotr Mazurek, Berater von der „Fairen Mobilität“.

Greg, wie bist Du an den Job bei der Leihfirma Wenzel geraten?

Przemyslaw „Greg“ Juszczynski: Ich habe mich im Internet auf eine Anzeige bei einer polnischen Agentur beworben: Arbeiten in Deutschland bei VW in Emden. Ich bekam den Job. Der 20. November war mein erster Arbeitstag. Der Ärger ging schon vorher los. Ich bekam kein Geld für die Fahrt nach Emden. Ich musste Geld von meiner Freundin dafür leihen.

Wie war dann Dein Start in Emden?

In Emden traf ich den Personalverantwortlichen der Leihfirma Wenzel. Er hat mich zur Unterkunft gebracht. Ich war schockiert: alte vergammelte Büroräume, die notdürftig zu Schlafsälen umgemodelt wurden. Ich sagte: Was ist das hier? Der Wenzel-Vertreter versprach, das sei nur vorübergehend.

Wie war die Arbeit im VW-Werk?

Der erste Arbeitstag im VW-Werk war noch vielversprechend. Wir hatten erst einmal eine Schulung und bekamen 200 Euro Vorschuss. Doch als wir Ende Dezember unseren ersten vollen Lohn bekommen sollten, kam der nicht. Ich musste Geld von meiner Schwester leihen und Pfandflaschen sammeln, um leben zu können. Dann kam die IG Metall und hat uns geholfen. Wir konnten uns direkt bei Autovision bewerben.

Wie ging das weiter? Habt Ihr Euren Lohn doch noch bekommen?

Im Januar sind die Geschäftsführer von Wenzel mit dicken Autos angekommen, um die Sache zu klären. Da wussten wir schon, dass wir zu Autovision wechseln. Ich habe gefragt: „Haben Sie Geld mitgebracht?“ Ihre Antwort: „Wir haben kein Geld, aber das wird schon. Kommt mal nach Köln zu Ford, da habt ihr bessere Arbeit.“ Unser Geld haben wir erst im Februar bekommen, nach drei Monaten.

(Anmerkung der Redaktion: Ford war nie Kunde von Wenzel. Wir haben bei den IG Metall-Vertrauensleuten bei Ford in Köln nachgefragt – und diese wandten sich an ihre Geschäftsführung. Die Firma Wenzel musste Ford von ihrer Webseite nehmen.)

Jetzt arbeitet Ihr bei Autovision, mit einem Tarifvertrag der IG Metall. Wie ist die Arbeit?

Die Behandlung durch die Vorgesetzten war sehr freundlich, sie unterstützen uns. Und wir bekommen unseren Lohn pünktlich, sogar früher. Wir können uns da sicher sein. Und es gibt 3 Euro mehr in der Stunde. Außerdem erhalten wir bis September noch eine Mobilitätsprämie von 1000 Euro im Monat obendrauf, um uns bei der Wohnungssuche zu unterstützen. Das hat die IG Metall Emden für uns ausgehandelt.

Was denkst Du über Leihfirmen wie Wenzel?

Wir hätten nie gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist. Wenn es polnische Leiharbeitsfirmen wären, würden sie sofort Probleme mit der polnischen Arbeitsinspektion bekommen. Aber in Deutschland gibt es dafür keine Behörde. Die Arbeitsagentur hilft den unseriösen Firmen sogar.

Wie hat Euch die IG Metall geholfen?

Ohne die IG Metall und die Faire Mobilität hätten wir gar nichts bekommen und wären nach Weihnachten weg gewesen. Ich habe mir schon überlegt, mich auf Schiffen zu bewerben. Ich habe 20 Jahre als Schiffskoch gearbeitet. Da gab es so eine Ausbeutung wie hier nicht. Das Problem ist ja auch, dass viele von uns kein Deutsch und kein Englisch können. Wenn irgendetwas ist, dann wissen die Leute nicht mal, wen sie ansprechen sollen.

Welches Fazit ziehst Du aus der Geschichte bei Wenzel? Hast Du eine Botschaft an andere Beschäftigte aus Polen?

Zunächst mal habe ich eine Botschaft an die Deutschen: Sie sollen nicht denken, die Polen kommen, um den Leuten hier was wegzunehmen. Wir wollen ganz normal hier arbeiten. Jeder sucht sich seinen Weg. Beschäftigten, die Arbeit in Deutschland suchen, rate ich: Mach das nie über Internetanzeigen, über Recruiter, sondern such Dir Arbeit direkt bei Unternehmen wie Autovision. Dann weißt Du, mit wem Du es zu tun hast – und gerätst nicht an eine dubiose Firma, die morgen wieder weg ist. Ich habe überall, auf der ganzen Welt gearbeitet. So etwas wie bei Wenzel ist mir noch nie passiert. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist.

„Wir haben noch viel krassere Fälle“

Die 20 Beschäftigten der Leihfirma Wenzel sind die ersten, denen die IG Metall Emden geholfen hat – gemeinsam mit den Betriebsräten, der Fairen Mobilität des DGB und dem DGB-Rechtsschutz

 „Wir haben eine super Zusammenarbeit – ein Beispiel dafür, was Mitbestimmung bewirken kann“, meint Henrik Köller von der IG Metall Emden. Doch die Arbeit geht weiter. „Wir haben noch viel krassere Fälle, an denen wir noch dran sind. Wir haben Leihfirmen, die schon seit Jahren da sind, aber eben nicht direkt bei der VW Service Group, wo wir nicht so den Zugang haben. Leihfirmen, die Löhne nicht bezahlen und keine Sozialversicherungsbeiträge, die Mieten nicht bezahlen – und wo die Leute deshalb aus ihrer Unterkunft rausfliegen. Der Wenzel hat auch schon wieder neue Firmen gegründet.“

Das Problem sind jedoch nicht die Leihfirmen allein, sondern auch die Kunden – die Unternehmen, die Leihbeschäftigte bestellen.

„Dem Billigsten wird der rote Teppich ausgerollt“, kritisiert Henrik Köller. „Vor der Gesetzgebung Anfang der 2000er Jahre hat es in Deutschland Gesetze gegeben, die den Missbrauch der Leiharbeit in dieser Form und durch solche Arbeitgeber verhindert haben. Leiharbeit darf maximal eingesetzt werden, um Auftragsspitzen abzuarbeiten, doch im Grundsatz gehört Leiharbeit verboten. Die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte bei der Leiharbeit müssen erweitert werden. Die staatlichen Aufsichtsbehörden müssen regelmäßig kontrollieren und auch mal Verleihfirmen die Genehmigung entziehen. Die Politik muss den Missbrauch der Leiharbeit eindämmen.“

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