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© Andreas Pleines

Die Chancen von "Handwerk 4.0"

An der Schnittstelle von Analogistan und Digitalien

14.08.2017 Ι Die Digitalisierung ist auch im Handwerk gestartet. Smarte Lösungen gibt es dank interessierter Beschäftigter und engagierter Betriebsräte in allen Gewerken. Sei es im Kfz-Handwerk, im Elektrohandwerk, bei Heizung-Klima-Sanitär, bei den Metallbauern, den Tischlern oder in der Zahntechnik.

An keinem Wirtschaftszweig geht die Digitalisierung spurlos vorüber. Denn in der Digitalisierung stecken viele Chancen wie neue Geschäftsfelder, mehr Qualifizierung für Beschäftigte und interessantere Arbeitsplätze. Die Digitalisierung greift jetzt auch in den Gewerken des Handwerks. Betriebe, Beschäftigte und Betriebsräte sind erfolgreich damit zu Gange, den digitalen Wandel konkret umzusetzen. IG Metall-Vorstandsmitglied Ralf Kutzner forderte eine stärkere Tarifbindung in den Handwerksbranchen und mehr Mitbestimmung, um die die anstehenden Veränderungen durch Digitalisierung zu gestalten. "Die Betriebe müssen sensibilisiert und fachlich unterstützt werden", sagte Kutzner auf der Bundeshandwerkskonferenz der IG Metall.


Nutzfahrzeuge: Zeitvorsprung durch Ferndiagnose

Bei der Mercedes-Benz Niederlassung für Nutzfahrzeuge in Koblenz hat das digitale Zeitalter schon angefangen. Dort ist seit geraumer Zeit eine kleine Wunderbox namens FleetBoard im Einsatz. Damit werden Einsatzdaten von 365 000 Speditionstrucks auf die Ferne erfasst. Der Einsatz von FleetBoard ermöglicht eine vollautomatische Ferndiagnose. Wenn ein Fahrzeug den Verschleiß eines Teils meldet und zum Austausch in die Werkstatt rollt, liegt das Ersatzteil schon parat. Das verkürzt die Standzeiten des Lkw und den ganzen Reparaturvorgang. Die Monteure von Mercedes-Benz in Koblenz sind auf den Einsatz von FleetBoard mit einer passgenauen Weiterbildung vorbereitet. Oliver Lobb, Auszubildender im Betrieb, sieht die Entwicklung ganz optimistisch: "Früher waren wir Schlosser, dann Mechaniker, und jetzt Mechatroniker. Jetzt kommt die Vernetzung hinzu."


Metallbau: Sortiermaschinen für die ganze Welt

Ein Handwerksunternehmen mit herausragender Stellung in seiner Branche ist der Metallbaubetrieb Otto Künnecke in Südniedersachsen. Die Firma mit 140 Mitarbeitern ist spezialisiert auf Kuvertieranlagen und Sortiermaschinen, die in die ganze Welt gehen. Bei Künnecke ist die Entwicklung zur Digitalisierung von Produktion, Vertrieb und Wartung in vollem Gange. Die Geräte sind vollgestopft mit digitaler Technik, die die Mechaniker verstehen und beherrschen müssen. Datentechnik, speicherprogrammierbare Steuerung und der mechanische Maschinenlauf bilden eine funktionierende Einheit.
 

Tischlerei: Individuelle Möbel dank Digitalisierung

Auch das Tischlerhandwerk kann für sich in Anspruch nehmen, inzwischen eine High-Tech-Branche zu sein, wie man das an der Firma Kreienbaum in Warendorf sieht. Der Computer hat bei Kreienbaum das Zeichenbrett ersetzt. Alle Werkzeugmaschinen in dem Unternehmen sind CNC gesteuert. So kommen individuelle Möbel und Einrichtungen zustande. Die Digitalisierung sichert die Existenz des Unternehmens, bekräftigt Betriebsrat Dieter Everwin. "Wir brauchen die digitalisierten Prozesse, sonst wären wir nicht mehr konkurrenzfähig."


Zahntechnik: Marktanteile wieder zurückholen

Auch bei den Zahntechnikern ist Computer gesteuertes Handling nicht mehr wegzudenken. Im Labor der Pharao-Dentaltechnik in Bremen beispielsweise wächst analoge Zahntechnik mit der digitalen Welt von Handwerk 4.0 zusammen. Hier harmonieren sozusagen Analogistan und Digitalien, um Brücken, Kronen und Implantate herzustellen. Der Einsatz von Scanner, Computer und halbautomatischer Fräsmaschine war der Anfang. Damit konnte sich das Labor vor dem Aus retten. Viele andere Zahntechnikunternehmen hatten da schon aufgegeben, weil sie den digitalen Weg verschlafen haben. Durch die Digitalisierung verändert sich die Arbeit im Pharao-Dentallabor dynamisch weiter. Sie könnte helfen, verlorene Marktanteile von der ausländischen Konkurrenz zum Beispiel China wieder zurück zu holen. Von daher hat Zahntechniker Yannick Winten keine Angst vor der Digitalisierung. Er hat sich bewusst zum CAD-CAM-Spezialisten ausbilden lassen. "Entscheidend bleiben Fachexpertise und Erfahrung", sagt Winten.


Starker Produktionsschub 4.0

"Was alles durch Digitalisierung im Handwerk schon möglich ist, ist beeindruckend", sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries auf der Bundeshandwerkskonferenz der IG Metall in Frankfurt. Die Bundesregierung unterstütze Digitalisierung durch die Einrichtung von Kompetenzzentren. Dabei gehe es auch darum, Vorbehalte und Ängste abzubauen. Nicht nur aus lauter Technikbegeisterung lassen sich Meister und Gesellen aus den verschiedenen Handwerksbranchen auf das Abenteuer Digitalisierung ein. Es sind auch handfeste wirtschaftliche Gründe, die dafür sprechen. Mithilfe der neuen Techniken können Handwerksbetriebe ihre Produktivität um bis zu 20 Prozent steigern. Prozesse werden beschleunigt und effizienter organisiert. Digitale Produktionsverfahren eröffnen neue Aufgaben und Geschäftsfelder. Den größten Vorteil von Digitalisierung sehen Handwerksbetriebe in der Optimierung von Lagerung und Logistik. Weitere Argumente sind Zeitersparnis, flexible Arbeitsorganisation  und gleichbleibende Qualität. Sie ermöglicht auch neue Wege in der Ansprache von Kunden.

Vor dem Hintergrund relativieren sich manche Ängste und Befürchtungen. Wenn Betriebe und Beschäftigte die Möglichkeiten des digitalen Wandels konsequent nutzen, könnte die Zahl der Arbeitsplätze sogar steigen. Dabei kommt es nicht nur auf die Zahl der Arbeitsplätze an, sondern auf die Qualität der Tätigkeit im Sinne Guter Arbeit. An Qualifizierung führt kein Weg vorbei, um die Beschäftigten auf die Anforderungen durch Digitalisierung vorzubereiten, betont der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. "Wir müssen das Thema Weiterbildung auch präventiv angehen und den Beschäftigten bei beruflicher Neuorientierung helfen. Denn die Strukturumbrüche werden für manche bedeuten, dass ihre bisherige Arbeit sich stark verändert oder ganz entfällt." Es geht nun darum, dass es den Beschäftigten und Betriebsräten zusammen mit der IG Metall gelingt, den Wandel zu gestalten. Dazu haben die IG Metall und der Zentralverband des Deutschen Handwerks anlässlich der Bundeshandwerkskonferenz der IG Metall am 25. März 2017 in einer gemeinsamen Erklärung verabredet, die Herausforderungen der Digitalisierung gemeinsam zu gestalten.

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Tarif-Fluchthilfe ist rechtswidrig

Mit "Mitgliedschaften ohne Tarif" (OT) "befreien" Handwerksinnungen ihre Mitgliedsfirmen von der Pflicht, die mit ihnen vereinbarten Tarifverträge zu übernehmen. Diese Fluchthilfe aus Tarifverträgen verstößt gegen das Gesetz, hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig geurteilt.

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