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Soziologe Dr. Thomas Goes über Werkvertragler bei Porsche und BMW in Leipzig

"Menschen wollen nicht wie Nummern behandelt werden"

25.09.2015 Ι Geht es um das Thema Werkverträge, dann fallen oft Begriffe, wie Flexibilisierung, Wertschöpfung oder Effizienz. Aber was bedeutet es eigentlich für die Menschen, Werkvertragler zu sein? Wie erleben sie diese Situation? Der Soziologe Dr. Thomas Goes hat mit Beschäftigten gesprochen und es herausgefunden.

Sie haben im vergangenen Jahr zahlreiche Gespräche mit Beschäftigten der Werkvertragsfirmen im Umfeld von Porsche und BMW am Standort Leipzig geführt. Wie bewerten die Kollegen ihre Arbeitsbedingungen?
Viele Beschäftigte bezeichneten ihre Löhne als "Witz", weil sie so niedrig sind. Sie kritisieren die aus den niedrigen Löhnen folgende eingeschränkte soziale Teilhabe. Sie beschweren sich auch über die Arbeitsqualität und die vielfach hochgradig flexiblen Arbeitszeiten. In den Diskussionen wurden immer wieder das Schichtmodell oder die Wochenendarbeit und damit zusammenhängende Probleme bei der Lebens- und Alltagsplanung thematisiert.

Foto: IG Metall
Dr. Thomas Goes arbeitet am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 2014 hat er zahlreiche Gespräche mit Beschäftigten der Werkvertragsfirmen der Leipziger Automobilindustrie geführt und für die IG Metall ausgewertet.

Was folgt daraus?
Für viele Kollegen ist es ein Problem, dass sie weder eine Perspektive haben noch verlässliche Arbeitszeiten, um Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Normalerweise gibt es bei Beschäftigten der Automobilindustrie einen verhältnismäßig hohen Identifikationsgrad mit dem Unternehmen. Das findet sich bei den jüngeren Leuten bei den Leipziger Werkvertragsfirmen nicht.

Weil Identifikation nur entstehen kann, wenn die Beschäftigten eine Perspektive haben?
Nicht nur. Identifikation hat auch nicht nur mit materieller Anerkennung zu tun. Sondern auch mit Annerkennung über Lob oder Würdigung der Arbeit. Selbst diese Erfahrungen machen die Beschäftigten bei den Werkvertragsunternehmen nicht. Das hat natürlich auch mit den Beziehungen zwischen diesen Unternehmen und BMW und Porsche zu tun. Da werden die Verträge sehr hart verhandelt. Die Unternehmen geben den Druck an ihre Beschäftigten weiter. Das äußert sich zum Beispiel in starker Kontrolle am Arbeitsplatz, weniger Entgegenkommen gegenüber der Belegschaft oder vielen Überstunden, die oft nicht mehr abgebaut werden können.

Wie reagieren die Beschäftigten darauf?
Ein Muster kam in den Gesprächen immer wieder heraus: Wenn irgendetwas auf der Arbeit schief geht, sei es eine Havarie, ein Unfall oder ähnliches, dann heißt es: Ihr habt schlecht gearbeitet. Das kränkt die Kollegen. Sie fühlen sich vom Arbeitgeber ausgenutzt. Außerdem folgt aus diesen Formen des Missmanagements Mehrbelastung für die Beschäftigten. Bei Leiharbeitern kommt noch dazu, dass ihnen immer praktisch vermittelt wird: Ihr seid ersetzbar, wenn ihr nicht mehr kommt, nehmen wir eben die Nächsten.

Was hat Ihre Gesprächspartner am meisten gestört?
In den Gesprächen waren von den Beschäftigten immer zwei Sachen zu hören: Zum einen gibt es durchaus Verständnis für die Situation des Arbeitgebers. Man akzeptiert, dass er im harten Wettbewerb um Ausschreibungen steht usw. Zugleich empört es die Kollegen aber, dass sie wie Nummern behandelt werden. Sie empfinden das als Kränkung, es geht gegen ihr Gerechtigkeitsgefühl.

Und das ist der Auslöser, gewerkschaftlich aktiv zu werden?
Ja, aber etwas Wichtiges kommt noch dazu: Die Überzeugung, dass man ähnlich schlechte Arbeitsverhältnisse überall in Leipzig wiederfindet. Das Risiko, dass man als Beschäftigter eingeht, wird also geringer. Wenn es boomt, aber die Arbeitsverhältnisse weiterhin prekär bleiben, dann werden Menschen aktiv, wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Die entscheidende Frage ist: Glaubt man, dass man diese Bedingungen verändern kann? Und an dieser Stelle kommen positive Beispiele ins Spiel. Wenn die Menschen sehen, es geht auch anders, wird ihnen klar, auch sie müssen sich nicht alles gefallen lassen. Dann heißt es auf einmal: Im Nachbarbetrieb haben es die Kollegen geschafft, 80 Cent mehr zu verdienen. Dann können wir das auch.

Schauen die Beschäftigten auf die anderen Unternehmen? Spricht sich so etwas herum?
Ja, offensichtlich. In den Diskussionen gab es Deutungskämpfe. Da sitzt dann zum Beispiel jemand mit antigewerkschaftlichem Standpunkt und sagt, höhere Löhne werden das Unternehmen kaputt machen. Ein Anderer argumentiert mit Beispielen, die bewiesen haben, dass es geht, Kunden nicht wegrennen und die Arbeitsplätze nicht verloren gehen. Das wird dann aufgegriffen, das interessiert die Leute.


Das Interview ist erschienen im Sozialreport Automobilcluster Leipzig der IG Metall.

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Wann hört die Ungerechtigkeit bei Werkverträgen auf?
Was ist ein Werkvertrag?

Ein Werkvertrag ist ein Vertrag, bei dem sich der Auftragnehmer (Hersteller) ver-pflichtet, ein Werk gegen Zahlung (Werk-lohn) durch den Auftraggeber (Besteller) herzustellen. Im Werkvertrag wird die Arbeit nach dem Ergebnis beurteilt und nicht nach dem Aufwand der geleisteten Arbeit.

Werkverträge können von natürlichen Personen (Werkvertragsnehmern) und von juristischen Personen (Unternehmen) geschlossen werden. Die meisten Solo-Selbstständigen erbringen ihre Leis-tungen auf Grundlage von Werkver-trägen, besonders im IT- und Medien-bereich. Vergibt ein Betrieb Werkverträge an andere Unternehmen, ist das eine Auslagerung der Tätigkeit an eine Fremd-firma. Diese lässt die Arbeiten entweder durch ihre eigenen Beschäftigten durch-führen oder beauftragt Subunternehmer damit.

Ein Werkvertrag dient also dazu, einen Teil der Tätigkeiten eines Unternehmens an eine Person oder einen anderen Betrieb auszulagern.

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