„Gerade in Krisenzeiten brauchen wir starke JAVen“

Wie funktioniert die Jugendarbeit in Zeiten von Corona? Darüber haben sich Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, die Jugend- und Auszubildendenvertreter Cosima Steltner, Thyssen-Krupp in Essen, und Denis Davidoc, Daimler Truck in Gaggenau, ausgetauscht.


Christiane Benner: Ich freue mich, dass wir uns sehen, wenn auch nur per Video. Aber das bringt mich gleich zu einer entscheidenden Frage: Was bedeutet Corona für Eure Arbeit? Wie schafft Ihr es, mit Azubis und dual Studierenden Kontakt zu halten?

Cosima Steltner: Gerade unsere kaufmännischen Azubis sind im Homeoffice. Da ist der persönliche Kontakt schwierig. Deshalb müssen wir aufs Telefon und Videokonferenzen zurückgreifen. Wir haben auch versucht, eine Jugendversammlung online abzuhalten. Leider war die Zahl der Teilnehmenden gering. Vielen fehlt da einfach das Beisammensein.

Denis Davidoc: Die Hygieneregeln erschweren auch die Begrüßungsrunden zum Ausbildungsstart, aber sie werden trotzdem bei uns stattfinden. Wir splitten sie auf, damit die Zahl der Teilnehmenden nicht zu hoch wird. Klar ist aber schon: Den Kontakt während der Pandemie zu den Azubis zu halten, ist schwierig. Wir versuchen es vor allem über eine Whatsapp-Gruppe. Ich spüre gerade deutlich, dass die Azubis sehr froh sind, dass es uns gibt. Viele merken gerade jetzt, dass es mit einer starken Gewerkschaft im Rücken in Krisenzeiten besser läuft und es jemanden gibt, der sich um sie kümmert. Wir erfahren da gerade viel Dankbarkeit.

Christiane: Die gesamte IG Metall macht  in diesem Jahr die Ansprache von Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern zur Chefsache. Weil es anspruchsvoll wird, gibt es das Angebot durch eine Task Force „Begrüßungsrunden“. Es geht um einen guten Start ins Berufsleben und darum, junge Menschen für unsere tolle Organisation zu gewinnen.


Wir wollen eine „Generation Corona“ verhindern, aber stellen fest, dass die Betriebe dieses Jahr deutlich weniger ausbilden. Wie ist das bei Euch?

Denis: Bei uns wurden die Ausbildungszahlen bereits von 105 auf 95 gesenkt. Im Gegenzug konnten wir dafür aber mit dem Arbeitgeber aushandeln, dass wir für die nächsten drei Jahre eine weitere Ausbilderstelle hinzubekommen.

Christiane: Das ist sehr clever, denn so habt Ihr strukturell eine Verbesserung geschaffen. Ich fürchte aber, dass die großen Konflikte uns erst nächstes Jahr bevorstehen.   

Cosima: Das befürchte ich auch. Bei uns in der Thyssen-Krupp AG sind die Ausbildungszahlen stabil, aber  im Konzern sinken sie schon seit Jahren. Ich schätze, dass das nächstes Jahr noch schlimmer wird. Denn die meisten Ausbildungsverträge wurden schon vor der Pandemie unterschrieben. Die Coronakrise wird sich wohl erst nächstes Jahr in den Ausbildungszahlen bei uns richtig widerspiegeln.

Christiane: Die Arbeitgeber sind in der Verantwortung, der jungen Generation eine Zukunftsperspektive zu geben. Dafür müssen sie weiter ausbilden. Vor Kurzem haben sie noch den Fachkräftemangel beklagt, jetzt wollen sie die Ausbildung eben dieser Fachkräfte zurückschrauben. Dagegen wehren wir uns als IG Metall!


Was sind Themen, mit denen Azubis und dual Studierende aktuell zu Euch kommen?

Cosima: Viele haben rechtliche Fragen oder brauchen Beratung, was beispielsweise gerade bei Krankschreibungen zu beachten ist oder was sie tun sollen, wenn sie sich in Onlinesessions der Berufsschule nicht einwählen können. Oder sie haben ganz konkrete Probleme: Eine Werkstudentin hat sich bei mir gemeldet, weil sie unbezahlt freigestellt wurde. Unser Betriebsrat hat dann erreicht, dass das zurückgenommen wurde und die Kollegin nun Homeoffice machen kann.

Christiane: Es ist gut, dass Ihr das Einkommen der Werkstudentin gesichert habt. Werkstudenten- und Ferienjobs sind auch Einstiege für junge Menschen ins Berufsleben. Wenn sie wegfallen oder weniger werden, vermindern sich die Chancen dieser jungen Menschen, überhaupt ins Berufsleben zu finden. Vor allem die Unternehmen sind gefordert, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und langfristig zu denken.

Denis: Positiv zu bewerten ist, dass bisher kaum Auszubildende in Kurzarbeit geschickt wurden. Ich bekomme aber auch mit, dass sich viele Sorgen machen, dass es mit der Übernahme nicht klappen könnte, auch wenn die Debatte von der Arbeitnehmerseite noch nicht gestartet wurde.

Cosima: Das ist bei uns auch so.

Christiane: Die Auszubildenden haben ein Recht auf Übernahme, das regelt der Tarifvertrag. Außerdem haben wir mit dem Tarifvertrag „Zukunft in Arbeit“ zu Beginn der Pandemie weitere Instrumente geschaffen, damit Azubis übernommen werden können: in andere Betriebe oder Unternehmen, in Teilzeit oder in Kurzarbeit. Arbeitgeber haben also wenig Argumente, wenn sie Azubis jetzt nicht übernehmen wollen.


Im Herbst sind die Wahlen der Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV). Wie bereitet Ihr Euch darauf vor?

Denis: Bei uns laufen die Vorbereitungen eigentlich wie gewohnt. Ein paar Anpassungen haben wir aber natürlich vorgenommen: Wir treffen Vorbereitungen für eine Briefwahl, falls es zu einem erneuten Lockdown kommt. Dazu kommt: Die Vorstellung der Kandidaten findet nicht während einer Versammlung, sondern per Video statt.

Cosima: Wir haben den Wahlvorstand früher als sonst konstituiert, damit wir uns gut auf alle Eventualitäten vorbereiten können.

Christiane: Super, dass Ihr Euch in Coronazeiten nicht einschüchtern lasst. Gerade jetzt ist es unglaublich wichtig, starke JAVen in den Betrieben zu haben. Ihr achtet gemeinsam mit den Betriebsrätinnen und Betriebsräten darauf, dass auch in Krisenzeiten die Ausbildung weiterläuft und Qualitätskriterien eingehalten werden. Das hilft Hunderttausenden jungen Menschen!

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