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Corona bedroht Wirtschaft und Arbeitsplätze

Wie sehr die Wirtschaft und damit die Beschäftigten unter der Coronakrise leiden werden, haben die verschiedenen Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland berechnet. Wir haben die Studien für Euch gescannt.

1. Mai 20201. 5. 2020
Christoph Böckmann


Wie schlimm wird die Krise?

In ihrer aktuellen Gemeinschaftsdiagnose gehen die fünf größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4,2 Prozent in diesem Jahr aus. Doch ganz einig sind sich die Experten nicht, was die Einzelgutachten der Institute zeigen. Während beispielsweise das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung davon ausgeht, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 4 Prozent schrumpft, bricht im negativsten Szenario des ifo-Instituts die Wirtschaft sogar um bis zu 20 Prozent ein. Übersetzt hieße das: Bis zu 1,8 Millionen Beschäftigte würden ihre Jobs verlieren und mehr als 6 Millionen von Kurzarbeit betroffen sein. In der Finanzkrise 2008/2009 waren es nur 1,5 Millionen Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter. Nach dem ifo-Institut werden die Kosten der Coronapandemie alles übersteigen, was Deutschland seit dem Krieg durch Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen erleiden musste.


Warum kommen die Forscher zu so unterschiedlichen Ergebnissen?

Das liegt daran, dass die Institute verschiedene Szenarien des „Shutdowns“ berechnet haben. In ihre Prognosen flossen also unterschiedliche Annahmen darüber ein, wie lange die Ausgangs- und Kontaktsperren gelten, Unternehmen ihre Werkshallen zusperren, die Bänder stillstehen und wie rasch oder langsam ein Wiederhochfahren der Wirtschaft möglich sein wird. Klar ist: Je länger der Ausnahmezustand anhält, desto größer werden die negativen Auswirkungen.


Wann geht es endlich wieder bergauf?

„Voraussetzung für eine Rückkehr auf den Wachstumskurs ist die Eindämmung der Coronainfektionen, sodass sich das soziale und wirtschaftliche Leben normalisiert“, erläutert Lars P. Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrats der Wirtschaftsweisen, die mit ihren Gutachten die Bundesregierung beraten. Auch die anderen Experten sehen das so. Die meisten Institute gehen von einer Shutdowndauer von zwei bis vier Monaten aus.

Wie lange die Beschränkungen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft bestehen und wann sie aufgehoben werden, entscheiden die Bundesregierung und die Landesregierungen. Sie verlassen sich auf das Urteil der Virologen und Epidemiologen, die nun beobachten, wie sich die Infektionszahlen entwickeln.


Welche Faktoren spielen sonst noch eine Rolle?

Nicht nur die Maßnahmen der Bundesregierung treffen die Wirtschaft und die Beschäftigten. Einige Unternehmen haben ihre Produktionsbänder angehalten, da es an Zulieferprodukten aus dem Ausland fehlt. Oder sie meldeten Kurzarbeit an, weil die Nachfrage im Zuge der Coronakrise eingebrochen ist. Entscheidend für die heimische Wirtschaft und viele Betriebe ist daher nicht nur, wie sich die Lage hierzulande entwickelt, sondern auch, wie lange und stark das Coronavirus den Rest der Welt lähmt. Denn: während in China die Produktion wieder hochfährt, steht Teilen Europas, den USA und wichtigen Schwellenländern das Schlimmste noch bevor.

Wichtig wird sein: „Nur wenn es gelingt, das Hochfahren der Volkswirtschaften zu synchronisieren, ist eine rasche Erholung denkbar“, schreiben Wilfried Kurtzke und Beate Scheidt, die Konjunkturexperten der IG Metall aus dem Ressort Koordination der Branchenpolitik, in der Publikation »Wirtschaft aktuell« der IG Metall (siehe QR-Code).

Gerade für die M+E-Industrie sind die in Italien erbrachten Vorleistungen größer als die in China. Das erfordert ein koordiniertes europäisches Vorgehen. Die beiden Makroökonomen bezweifeln die Zuverlässigkeit der Szenarien nicht zuletzt auch deshalb, weil die in vielen Ländern angelaufenen wirtschafts­politischen Maßnahmen darin nicht adäquat abgebildet werden können.


Welche Wirtschaftszweige trifft die Krise besonders?

Viele würden jetzt wohl Restaurants, Kneipen und den Einzelhandel nennen. Aber Fakt ist: Auch die Industrie trifft es hart. Sie schneidet verglichen mit der Gesamtwirtschaft sowohl im positiven wie auch im negativen Szenario des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) deutlich schlechter ab. Während nach Berechnungen des IW die Wirtschaft in ihrem Negativszenario 10 Prozent an Wert verlieren würde, wären es bei der Industrie 18 Prozent.


Wie bewerten die Wirtschaftsinstitute die Maßnahmen der Politik und was empfehlen sie?

„Bund und Länder, aber auch die Europäische Zentralbank, haben auf vielen Feldern schnell das Richtige getan, um die ökonomischen Folgen dieser dramatischen Krise zu mildern“, sagt Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des IMK. Verbesserungsbedarf sieht er an der gleichen Stelle wie die IG Metall: Das Arbeitslosengeld I sowie das Kurzarbeitergeld sollten aufgestockt werden, um die Einkommensverluste von Betroffenen zu begrenzen.

Es könnten aber noch weitere Maßnahmen erforderlich werden. Die Wissenschaftler gehen bei ihren Berechnungen von einer bis Anfang Mai stillgelegten Wirtschaft aus und betonten, sollte es länger ­dauern, sei es extrem wichtig, die Wirtschaft so schnell wie möglich wieder auf Touren zu bringen. „Dabei spielt der private Konsum eine entscheidende Rolle, er ist die zentrale Starthilfe für den Konjunkturmotor“, erklärt Sebastian Dullien. Auch das IW betont: Je länger sich die Wirtschaft im Ausnahmezustand befinde, desto erforderlicher sei es, wirtschaftspolitisch mehr zu tun.

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