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Mode per Mausklick

Als Ellen Götz anfängt, bei Betty Barclay zu arbeiten, gibt es im Werk eine Näherei, ein Stofflager. Heute entwerfen Expertinnen Mode am Computer. Und morgen könnten Kundinnen ihre Kollektion eigenständig zusammenstellen.


Früher war alles ganz anders: Ellen Götz musste, bevor sie einen neuen Entwurf sah, erst einen Schnitt zeichnen, diesen mit der Schere ausschneiden und die zugeschnittenen Teile mit der Hand zusammenstecken. Sie musste falten, nähen, anpassen. Dauernd liefen Frauen mit Stoffballen über Flure. In der Luft das Sirren der Nähmaschinen. „Das ist heute nicht mehr so. Entwürfe machen wir am Rechner“, sagt Ellen Götz, die Betriebsratsvorsitzende des Modelabels Betty Barclay. „Es hat sich alles verändert hier.“

Hier, das sind die Büroräume, Werkstätten, Lagerhallen von Betty Barclay in Nußloch, einer kleinen Gemeinde kurz hinter Heidelberg. Hier, auf diesem Areal, entwerfen die Mitarbeiterinnen Hosen, Röcke, Blusen und Blazer. Und das seit 65 Jahren. Ständig gibt es neue Farben, Formen, Schnitte – alles wie immer. Also, was soll das heißen: Alles verändert?

Dafür braucht Ellen Götz nicht viele Worte. Es genügt, dass die 53-Jährige aufsteht, durch Gänge führt, Türen öffnet, hinter denen Kollektionen entstehen: Lichte, aufgeräumte Großraumbüros. Computerarbeitstische — lose verteilt im Raum. Still vor sich hinarbeitende, meist junge Menschen. Es wirkt, als sei man versehentlich in eine Werbeagentur gestolpert oder in die Kulisse eines Imagefilms über ein hippes Start-up. Nach Arbeitsräumen, in denen Kleidungsstücke entstehen, sieht es nirgends aus.

Als Ellen Götz als Näherin zu Betty Barclay kam, im Sommer 1988, war das anders. „Damals gab es eine Näherei. Mehr als 1 000 Kolleginnen arbeiteten an den Maschinen. Wir hatten ein eigenes Stofflager. Zweimal im Jahr packten wir unsere neue Kollektion in Kartons, die Lastwagen zu Modemessen fuhren.“ Ellen Götz war damals 21 Jahre alt. Sie liebte es, mit Stoffen zu arbeiten. „Ich dachte, ich habe eine Tätigkeit gefunden, in der ich lange Jahre würde arbeiten können“, sagt sie. „Aber das war nicht so.“ Wenn Ellen Götz von ihren Jahren im Unternehmen erzählt, dann erzählt sie die Geschichte des ununterbrochenen Wandels. Die Modebranche, seit jeher global vernetzt und international ausgerichtet, steigert von Jahr zu Jahr ihr Tempo: Die Zahl der Kollektionen wächst und wächst. Früher hatte das Jahr für Betty Barclay nicht zwölf Monate, sondern zwei Kollektionen: Frühling-Sommer, Herbst-Winter. Heute wechseln Trends übergangslos. Heute gibt es neue Mode im Wochentakt.

Mit dem Wandel der Branche verändern sich die Strukturen des Unternehmens. Zusätzlich zur Mode entwirft Betty Barclay seit Anfang der 90er-Jahre auch Schuhe, Parfüm und Uhren. In den 2000er-Jahren führt Betty Barclay neue Marken und Labels ein. Das Ausweiten und Auffächern des Produkt-Portfolios wird begleitet vom kontinuierlichen Wandel – und von Brüchen.

Harte Umbrüche: Die Modebranche steigert von Jahr zur Jahr ihr Tempo

1988 arbeiten deutschlandweit rund 2 500 Menschen im Unternehmen. Es gibt Nähereien, Stofflager, eine Kürschnerei. Derzeit sind 500 Beschäftigte am Standort in Nußloch. Die letzte Näherei wird 2002 geschlossen. „Viele Kolleginnen haben ihren Job verloren.“

Diejenigen, die noch da sind, mussten sich verändern, mussten sich qualifizieren. Entweder um neue Arbeitsplätze auszufüllen, oder weil sich ihre Tätigkeiten gewandelt hatten. „Qualifizierung ist wichtig“, sagt Ellen Götz. „Aber man braucht Unterstützung.“

Diese will Ellen Götz als Betriebsrätin geben. „Der Einsatz von Computern hat viel verändert, das Zusammenspiel der Gewerke hat sich dadurch grundlegend gewandelt.“ Plötzlich wurde es möglich, Skizzen in den Rechner zu übertragen. Die Designerinnen können nun detaillierte Angaben zu ihren Entwürfen festhalten, den Verlauf von Nähten beispielsweise. „Das war vorher die Aufgabe der Schnittabteilung. Sie war dafür verantwortlich, dass aus einer zweidimensionalen Skizze ein dreidimensionaler Prototyp wird.“

Und dann verrät Ellen Götz ein Geheimnis: Der Entwurf einer Kollektion habe nichts mit diesem von Karl Lagerfeld inspirierten Bild zu tun: ein schöpferisches Genie, das allein am lampenbeschienenen Holztisch in seinem verdunkelten Arbeitszimmer sitzt, Skizzen mit Bleistift auf dicke Papierbögen wirft – et voilà! Fertig ist die neue Kollektion. „In Wirklichkeit ist das ganz anders“, sagt Ellen Götz. In Wirklichkeit entsteht eine Kollektion im Zusammenspiel unterschiedlicher Abteilungen. Außerdem ist es nicht so, dass die Designer, unantastbar wie Könige, vor sich hin entwerfen. Sie sind eingebunden in einen „Kollektionsrahmenplan“, der Vorgaben über Anzahl, Art und Preisgestaltung der neuen Kollektion gibt. Sie sind im Austausch mit dem Produktmanagement, das seinerseits Verbindungen zum Einkauf unterhält. „Unsere Arbeit war schon immer Teamarbeit“, weiß Ellen Götz. „Mit dem Einsatz neuer digitaler Techniken aber wird sie in Zukunft interaktiv sein.“

Die Zukunft – das ist die 3-D-Entwicklung, Programme, mit denen es möglich ist, ein Kleidungsstück komplett am Rechner zu kreieren. Ohne Prototypen zu nähen. „Das wird es bald nicht mehr geben“, weiß Ellen Götz. Was es stattdessen geben wird? Kunden werden in Zukunft, statt zu einer Modemesse zu fahren, einen virtuellen Showroom betreten. Dort wird jede Kollektion vorgestellt. Dann ist der Kunde dran: Per Mausklick kann er etwa Ausschnittform, Farbe, Länge bestimmen, sich sein Kleidungsstück individuell zusammenstellen. „Es eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten“, sagt Ellen Götz. „Unsere Arbeit wird sich weiter wandeln.“

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