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Smartphone Made in Germany

Das gab es noch nicht: In Bocholt entwickelt und montiert Gigaset ein Smartphone. Möglich macht das auch die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter. Nach Jahren des Überlebenskampfs sind Betriebsrat und IG Metall wieder optimistischer und arbeiten an einem Zukunftstarifvertrag.


Es klingt, als spräche Bahar Liyan über ein Kind, das gerade die Welt entdeckt. „Er weiß, ob er ein Display oder eine Schraube hält“, sagt die 26-Jährige. Bahar Liyan arbeitet bei Gigaset in Bocholt. Sie spricht über einen Roboter, etwa 50 Zentimeter groß, mit fünf Gelenken und einem kleinen Köpfchen mit einem Werkzeug. Bahar Liyan berührt den Roboter leicht mit der Hand. Die Gelenke drehen sich, der Greifer nimmt ein Display und hält es ihr entgegen. „Er arbeitet wie ein Kollege, reagiert auf Berührungen und Gesten“, sagt sie. Die beiden montieren Hand in Greifer ein Smartphone.

Ein Smartphone made in Germany ― das gab es noch nicht. Auch Mobiltelefone wurden in Deutschland nicht mehr hergestellt, seit Nokia vor zehn Jahren den Betrieb in Bochum schloss. Die Einzelteile für das Gigaset-Smartphone kommen zwar aus Asien, entworfen und montiert wird es aber am Standort in Bocholt, der lange Zeit ums Überleben kämpfte. 2004 fing der Kampf an. Damals gehörte das Werk noch zu Siemens und beschäftigte 4 000 Menschen in der Region.

Der Betriebsrat machte Zugeständnisse, die Beschäftigten verzichteten auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld, arbeiteten 40 Stunden pro Woche und die Ausbildung wurde 2015 eingestellt. Die Zahl der Beschäftigten schrumpfte auf 670. Inzwischen blickt Betriebsrätin Monika Orschulik wieder optimistisch in die Zukunft. Der Abwärtstrend ist gestoppt. Die Kehrtwende begann 2015. Die IG Metall in Bocholt begleitete die Beschäftigten in den vergangenen Jahren und holte mit ihnen einiges zurück.

Roboter werden nicht müde

Bei Gigaset arbeiten sie inzwischen wieder 38 Stunden pro Woche. Es gibt zwar kein Weihnachts- und Urlaubsgeld, aber einen Sockelbetrag von 650 Euro pro Quartal. Mitglieder der IG Metall erhalten einen Bonus und 2018 stellte der Betrieb wieder Auszubildende ein. Gemeinsam mit den Beschäftigten arbeitet die IG Metall nun an einem Zukunftstarifvertrag. Die Gewerkschaft hat sie gefragt, was ihnen wichtig ist, was in den Zukunftstarifvertrag gehört. Ganz oben stand bei allen: sichere Arbeitsplätze.

 

Die Zukunft, das ist auch die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter, bei der jeder seine Stärken einsetzt. Roboter werden im Gegensatz zum Menschen nicht müde, die immer gleiche Schraube zum 500. Mal mit dem immer gleichen Drehmoment festzuziehen. Dafür fehlt ihnen ein filigranes Werkzeug wie die menschliche Hand. Nur sie kann die dünne Folie fassen und vollständig abziehen, ein Display schräg ins Flachbauteil stecken oder
das Antennenkabel verbinden und den Kontakt prüfen.

Dafür lässt die Aufmerksamkeit eines Roboters im Gegensatz zum Mensch nie nach. Die Roboter wissen, ob sie die richtige Schraube gegriffen haben, sie reagieren auf Berührung und stoppen, wenn eine Hand sie an der falschen Stelle berührt. Wer Bahar Liyan zuhört, gerät leicht in Versuchung, die Roboter mit menschlichen Eigenschaften zu belegen. Wissen, reagieren, Gefahr erkennen ― Eigenschaften, die man nur einem Menschen zusprechen würde.

Aber sie spricht von Maschinen. Wenn die Roboter bei Gigaset ankommen, sind sie unreif wie ein Neugeborenes. Ihre Prozesse und ihr Wissen bekommen sie von den Entwicklern in Bocholt. Die Zusammenarbeit mit den Menschen läuft über Sensoren, die permanent die Kraft in ihrer Umgebung überwachen. Wenn sie Druck von einer Hand bekommen, bewegen
sie sich so lange in die andere Richtung, bis wieder Druck kommt. Die Programmierung definiert Kräfte in verschiedenen Richtungen. Das gelingt inzwischen so genau, dass der Roboter mit einer Bleistiftspitze einen Luftballon berühren kann, ohne dass der platzt.


Schneller und flexibler

Ein Vorteil dieser Prozesse: Wenn Roboter ein neues Produkt montieren sollen, müssen sie nicht aufwendig umgerüstet werden. Sie brauchen lediglich ein neues Programm. Das macht die Produktentwicklung deutlich schneller und flexibler. Betriebsrätin Monika Orschulik ist zuversichtlich, dass sie sich in Bocholt mit ihren Produkten auf dem internationalen Markt behaupten können. „Wir können kleine Stückzahlen in kurzer Zeit liefern. Das kann China nicht“, sagt die Betriebsrätin.

Bevor Bahar Liyan in die Smartphone-Produktion wechselte, arbeitete sie in Halle 50, wo schnurlose Festnetztelefone hergestellt werden. „In der Produktion der schnurlosen Telefone ist die Arbeit monotoner“,sagt sie, „für Menschen und Maschinen.“ Während in der Smartphone-Produktion gut 30 Beschäftigte im Einsatz sind, ein Gerät von Anfang bis Ende montieren, und an der kurzen U-förmigen Linie nebeneinanderstehen, arbeiten in der Produktion der Festnetztelefone rund 300 Menschen.

Doch sie verschwinden in der riesigen Halle zwischen den Anlagen, die sich über 90 Meter ziehen. Wer aus der Smartphone-Linie in Halle 50 wechselt, dem fällt zuerst der Lärm auf. Während Roboter und Mensch still zusammenarbeiten und im Hintergrund leise Musik läuft, dröhnen in der großen Halle die Maschinen. Sie sind hinter Glasscheiben gesperrt, bewegen sich kantig und unerbittlich: rauf, runter, vor, zurück, zur Seite. Sie halten nicht automatisch an, wenn eine Hand dazwischenfährt. Sie kann nur der Ausschalter stoppen. Die Glasscheibe schützt die Menschen vor der Maschine, die unaufhaltsam im immer gleichen Rhythmus Telefonteile zusammensteckt.

In der Smartphone-Produktion muss Bahar Liyan keine Angst haben, wenn Sie Ihre Hand zwischen den Robotern bewegt. Im Gegenteil: Sie muss sie berühren und vertraut ganz auf die Programmierfähigkeit ihrer Kollegen. Sanft tippt sie den Roboter an die Stirn. Er dreht sich zur Seite, greift ein Teil und hält es ihr so freundlich entgegen, dass man sich fast bedanken möchte.


Wir verlosen zwei Gigaset-Smartphones „Made in Germany“ mit persönlicher Gravur. Um an der Verlosung teilzunehmen, müsst Ihr nur folgende Frage richtig beantworten:

Wie groß ist der Roboter, der in Bocholt Smartphones montiert?
Die Antwort findet Ihr oben im Text.

Schreibt eine E-Mail mit dem Stichwort „Verlosung“ im Betreff an metallzeitung@igmetall.de.
Einsendeschluss ist der 22. März 2019. Die Gewinner werden von uns per E-Mail benachrichtigt.

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