Die IG Metall startet in die Tarifbewegung 2021

Beschäftigung sichern, Zukunft gestalten, Einkommen stärken: Mit diesen Zielen geht die IG Metall in die Tarifverhandlungen. In zwei Wochen geht es los in der Metall- und Elektroindustrie. Parallel starten auch Verhandlungen in der Textilindustrie und bei VW. Die Stahlindustrie folgt im Januar.

1. Dezember 20201. 12. 2020
Dirk Erb und Jacqueline Sternheimer


Heike Schütze misst die Bremsbeläge nach, notiert die Werte und gibt die Teile dann zum Versand frei. Die gelernte Bekleidungsnäherin arbeitet in der Qualitätskontrolle bei dem Reibbelaghersteller Bremskerl in Estorf an der Weser. In kurzen Gesprächen zwischen den Messungen hört sie, dass es ihren Kolleginnen und Kollegen ähnlich geht wie ihr.

„Das Coronavirus zieht uns alle runter“, sagt Heike Schütze. Monatelang waren sie in Kurzarbeit. Sie haben Angst um ihre Zukunft. Sichere Arbeitsplätze – das steht für sie an erster Stelle, auch für die anstehenden Tarifverhandlungen. Seit November wird es wieder etwas besser. In der Produktion sind sie wieder raus aus der Kurzarbeit. Auch Heike Schütze arbeitet wieder voll. Doch wegen der monatelangen Kurzarbeit muss sie den Gürtel enger schnallen. „Ich kann mich im Moment nur dadurch finanzieren, dass ich privat kürzertrete. Das Geld, das ich nicht habe, kann ich nicht ausgeben.“

Heikes Lohn ist während der Kurzarbeit noch knapper geworden. An neuer Kleidung spart sie bereits, „nur was das Essen angeht, da spare ich natürlich nicht.“ Sie weiß, dass sie bei Bremskerl in Estorf noch Glück hatten. Sie sind bislang ohne Entlassungen durch die Krise gekommen. „Ich kenne aus Weiterbildungen einige Kollegen aus anderen Betrieben – da sind der Arbeitsplatzabbau und die Verlagerung ins Ausland längst angekündigt und beschlossene Sache“, sagt Heike. „Wenn man so etwas hört, kriegt man schon Panik.“

Mit 53 Jahren fürchtet Heike, keine Arbeit mehr zu finden. Und sie möchte in dem Betrieb weiterarbeiten, in dem sie seit mehr als 33 Jahren angestellt ist. Heike engagiert sich in der IG Metall und im Betriebsrat und wird auch in der nun anstehenden Tarifbewegung dafür kämpfen, dass die Beschäftigten auch mit einer angemessenen Entgelterhöhung in die Zukunft gehen.  Aber ihre größten Wünsche für die Zukunft sind: „Dass unsere Jobs erhalten und wir gesund bleiben“.


Beschäftigung sichern

Beschäftigung sichern. Das ist auch ein zentrales Ziel der IG Metall für die Tarifverhandlungen. Dazu will die IG Metall neue Möglichkeiten schaffen, um die Arbeitszeiten abzusenken, wenn die Arbeit nicht mehr für alle reicht.

Denn mit kürzeren Arbeitszeiten können Betriebe Arbeitsplätze und Fachkräfte halten. Das zeigen auch die Erfahrungen aus der Coronakrise: Die meisten Betriebe haben den Einbruch der Aufträge über Kurzarbeit aufgefangen und so Entlassungen vermieden. Seit Sommer läuft es wieder besser. Ein Drittel der Betriebe ist bereits wieder gut ausgelastet.  Das bestätigen auch Umfragen unter Betriebsräten

Dennoch bauen immer mehr Unternehmen Arbeits- und Ausbildungsplätze ab. Einige nutzen Corona gnadenlos aus: Sie kürzen, verlagern, schließen. In vielen Betrieben heißt es gerade: Kämpfen, um unsere Arbeitsplätze – jetzt und für die Zukunft.


Zukunft gestalten – Investitionen sichern

Die Betriebe müssen nicht nur die Coronakrise überwinden, sondern auch die Transformation schaffen, den Wandel durch Digitalisierung und den Umstieg auf Elektroautos, um langfristig Jobs zu sichern. Dazu sind Investitionen in neue Technologie und in Weiterbildung nötig.

Doch nur die Hälfte der Betriebe macht das auch, wie Umfragen der IG Metall zeigen. Die andere Hälfte hat keinen Plan für die Zukunft. Welche Produkte hier nachrücken sollen, wenn etwa die Verbrenner auslaufen, ist völlig unklar. Investiert wird hier nichts. Sie quetschen noch die letzten Gewinne aus dem Verbrenner raus.

„Wir haben mehr Arbeit als vor der Coronakrise, zu viel für zu wenig Leute“, meint Sebastian Krems. „Es sind schon wieder jede Menge Leiharbeiter hier. Wir finden nicht genügend von ihnen.“ Sebastian arbeitet als Servicemechaniker bei Bosch in Eisenach. Die rund 1650 Beschäftigten fertigen hier vor allem Sensoren für Autos. Im Frühjahr waren sie ein paar Wochen in Kurzarbeit, doch seit drei, vier Monaten brummt es wieder. Die Autohersteller ordern ohne Ende.

Doch die Beschäftigten sind unsicher. Wie geht es in Zukunft weiter? Ihre Sensoren werden fast ausschließlich in Verbrennern verbaut, im Motor, im Getriebe. Sie bekommen die Fertigung der 48-Volt-Batterie, die vor allem in Hybrid-Autos zum Einsatz kommt. Doch die vielleicht 100 Arbeitsplätze, die dadurch geschaffen werden, sind nicht genug. Was nach dem Verbrenner kommt, weiß niemand.

„Klar kriegen das alle mit, dass wir da ranmüssen, um langfristig unsere Arbeitsplätze zu sichern“, meint Sebastian Krems, der seit einem Jahr auch Leiter der IG Metall-Vertrauensleute im Betrieb ist. „Deshalb wäre es wichtig, dass wir einen Zukunftstarifvertrag bekommen, in dem wir Investitionen in neue Produkte festschreiben.“

Genau das fordert auch die IG Metall nun in den Tarifverhandlungen: tarifliche Rahmenregelungen für Zukunfts­tarifverträge in den Betrieben. Diese Zukunftstarifverträge will die IG Metall dann Betrieb für Betrieb durchsetzen, mit konkreten Investitionen in den Standort, in neue Produkte, Maschinen und die nötige Qualifizierung.

Den Beschäftigten ist das besonders wichtig: 88 Prozent sprachen sich in der Beschäftigtenbefragung dafür aus, dass die IG Metall Zukunftstarifverträge durchsetzt.

Allerdings: Der Wandel dauert oft Jahre, in denen weniger Arbeit da ist. Das lässt sich mit Kurzarbeit nicht mehr überbrücken. Zwar hat sich die IG Metall erfolgreich für eine Verbesserung und Verlängerung der gesetzlichen Kurzarbeit eingesetzt, doch mehr als 24 Monate sind nicht drin. Ende 2021 laufen die Sonderregeln aus.

Was tun? 2012 hat die IG Metall Tarifverträge zur Beschäftigungssicherung durchgesetzt: Die Arbeitszeit kann vorübergehend um bis zu 20 Prozent abgesenkt werden. Währenddessen sind die Beschäftigten vor Kündigung geschützt. Aber das geht für höchstens ein halbes Jahr.


Den Wandel überbrücken – Arbeitszeiten absenken

Daher fordert die IG Metall in den Tarifverhandlungen neue Möglichkeiten zur Absenkung von Arbeitszeiten, die Betriebe wählen können, um einen längeren Wandel zu überbrücken. Sie verteilen die knappere Arbeit, statt zu entlassen, sparen Kosten für Abfindungen und können ihre Fachkräfte halten. Dafür sollen die Beschäftigten nicht allein die Zeche zahlen. Gerade die unteren Einkommensgruppen können es sich nicht leisten, über Jahre auf das Geld  für die gekürzten Stunden zu verzichten.

Daher sollte es zumindest einen teilweisen Lohnausgleich geben. Als ein mögliches neues Modell schlägt die IG Metall eine 4-Tage-Woche mit Teilentgeltausgleich vor. In der Beschäftigtenbefragung der IG Metall favorisierten über zwei Drittel der Beschäftigten dieses Modell. So wie Heike Schütze bei Bremskerl in Estorf haben viele Beschäftigte durch die monatelange Kurzarbeit infolge der Coronakrise weniger Geld verdient und können weniger kaufen.

Die Folge: Der private Konsum stürzt ab. Das wiederum hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Wirtschaft im Jahr 2020 so eingebrochen ist wie nie zuvor. Die Wirtschaftsforscher prognostizieren für 2021 zwar wieder Wachstum. Dabei rechnen sie aber schon ein, dass der private Konsum deutlich steigt.

Das muss von irgendwoher kommen. Daher fordert die IG Metall ein Volumen von 4 Prozent.

Die Lage der Betriebe ist allerdings sehr unterschiedlich. Ein Drittel läuft ebenso gut wie vor Corona – oder sogar besser, etwa in der Medizintechnik, in der Energietechnik und bei den Baumaschinenherstellern. Dort erwarten die Beschäftigten eine faire Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg – eine ordentliche Entgelterhöhung.


Einkommen stärken: mehr Geld, wo es gut läuft – Ausgleich, wo Arbeit fehlt

Andere Betriebe kriseln. Dort soll das Volumen von 4 Prozent auch zur Beschäftigungssicherung zur Verfügung stehen, etwa für einen Teilentgeltausgleich bei Arbeitszeitabsenkungen wie der 4-Tage-Woche. Bei Bosch in Eisenach brummt es. Im Moment haben sie genug Arbeit. Doch wer weiß, wie es nächstes Jahr aussieht – oder in fünf Jahren? Spätestens dann müsste man auch mal über Arbeitszeitverkürzung nachdenken, um Arbeitsplätze zu sichern, findet Sebastian Krems.


Osten mit Westen gleichstellen

Vor allem ist es höchste Zeit, dass die Arbeitszeit bei ihnen im Osten erst mal von derzeit 38 auf 35 Stunden in der Woche verkürzt wird – wie im Westen. Das würde nicht nur Arbeitsplätze sichern, sondern auch die Lebensqualität verbessern. Freie Wochenenden. Da die 38 Stunden rechnerisch in kein Schichtmodell passen, müssen Sebastian Krems und seine Kollegen immer wieder samstags Zusatzschichten schieben. „Warum arbeiten wir im Osten immer noch drei Stunden mehr?“ Das muss sich endlich ändern.

Seit Jahren verhandelt die IG Metall mit den Arbeitgebern über eine Angleichung. Doch die Arbeitgeber mauern und behindern die Lösungsvorschläge der IG Metall.

Daher verlangt die IG Metall in den Tarifverhandlungen von den Arbeitgebern Anpassungsschritte, um die Schlechterstellung der Beschäftigten in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie endlich zu beseitigen – über 30 Jahre nach der Einheit.

Aber Sebastian Krems weiß auch: Um als IG Metall Forderungen durchzusetzen, brauchst Du auch die nötige Stärke in den Betrieben, um notfalls dafür streiken zu können. Um möglichst stark zu sein, wirbt der IG Metall-Vertrauensmann in seinem Betrieb Mitglieder für die IG Metall.

„Wie willst Du streiken, wenn ein Großteil der Belegschaft nicht in der Gewerkschaft ist und nicht mitstreikt? Das erzählen mir Bekannte aus Betrieben ohne starke Gewerkschaft: Da machen die Arbeitgeber, was sie wollen. Sie treten aus dem Tarif aus – und alles wird schlechter.“

„Bei unseren neuen Auszubildenden musste ich kaum die Werbetrommel anwerfen“, sagt Kai Girlinger, Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung bei Ford in Saarlouis. „Alle waren schnell bereit, in die IG Metall einzutreten und gemeinsam für ihre Zukunft zu kämpfen. Für unsere Auszubildenden und auch für unsere dual Studierenden ist es das Allerwichtigste, dass ihnen eine unbefristete Übernahme nach der Ausbildung garantiert wird.“

Bislang gelten die Tarifverträge der IG Metall inklusive Übernahme in der Regel nur für die beruflichen Auszubildenden, nicht jedoch für die wachsende Zahl der dual Studierenden in den Betrieben, die laut Gesetz keine Auszubildenden sind. Das will die IG Metall ändern – und die unbefristete Übernahme sowie Verbesserungen für alle Auszubildenden erreichen, auch für die dual Studierenden.


Ausbildung und Übernahme sichern

Bei Ford in Saarlouis haben der Betriebsrat und die IG Metall Völklingen in den letzten Jahren durchgesetzt, dass alle nach ihrer zwölfmonatigen Befristung  unbefristet übernommen wurden. Die Auszubildenden haben dafür mit Aktionen Druck gemacht. Und sie werden weiter Druck machen müssen, macht Kai Gierlinger klar. „Für die Zukunft müssen wir kämpfen, dass wir die Übernahme erhalten und verbessern – unbefristet und für alle.“

Doch für die Zukunft braucht es erst mal überhaupt eine Ausbildung. Neben der Übernahme geht es daher auch um den Erhalt der Ausbildungsplätze. Viele Betriebe bauen ab. Auch Ford in Saarlouis hat weniger Auszubildende als vor zwei Jahren.

Der Betriebsrat hat jedoch durchgesetzt, dass das Unternehmen weiter in das Ausbildungszentrum investiert – und in Qualifizierung. Über 70 Beschäftigte können dadurch einen Berufsabschluss erwerben und sich fit machen – für die Arbeit der Zukunft.

Aber für welche Arbeit der Zukunft – und wann kommt sie? Zwar hat der Betriebsrat eine Standortsicherung mit Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen ausgehandelt, doch die gilt nur bis 2022. Der aktuelle Ford Focus soll noch bis 2024 in Saarlouis produziert werden. Was danach geschieht, ist völlig unklar. Der Betriebsrat drängt, doch noch hat das Management nicht bekanntgegeben, welche Verbrennermodelle weitergebaut werden, oder welche Zukunftsmodelle sie ersetzen sollen.

„Wenn es keine Zukunft für den Standort gibt, wird es auch eng für unsere Auszubildenden“, macht Kai Girlinger klar. „Das wissen die Auszubildenden – und deshalb würden sie, wenn nötig, gemeinsam mit den Beschäftigten für die Fortführung unseres Standorts kämpfen.“

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