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Unternehmen drohen mit Entlassungen
Deckmantel Konjunkturdelle: Wie Arbeitgeber den Abschwung missbrauchen

Nach zehn Jahren Wachstum flaut die Konjunktur etwas ab - schon drohen Unternehmer mit Entlassungen und Standortverlagerungen. Das ist der falsche Weg und könnte sich bitter rächen.


Der WMF-Betriebsratsvorsitzende Jürgen Peters ist fassungslos. Vor wenigen Tagen wurde er von der Geschäftsleitung des Haushaltswarenherstellers informiert, dass sie die Kochtopfproduktion in Geißlingen schließen wollen. Das skurrile dabei: „Ob es bei der Fertigung von Kochtöpfen wirklich rote Zahlen gibt, weiß man gar nicht“, erklärt Peters.

Seine Vermutung: Die Kochtopfproduktion solle in andere Werke, nach Italien und Frankreich, verlagert werden. Deshalb rede die Geschäftsführung die Produktion in Deutschland künstlich schlecht. Peters will mit Hilfe der IG Metall für den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen. Seine Forderung: „Wenn die Auslastung in der Kochtopfproduktion zu gering ist, dann muss die Geschäftsführung dafür sorgen, dass sie besser wird.“

WMF ist kein Einzelfall. Überall in der Bundesrepublik werden momentan Stellen abgebaut, Standorte geschlossen. Eine aktuelle Umfrage unter 200 Betriebsratsvorsitzenden aus dem industriegeprägten Baden-Württemberg bestätigt das. Die Betriebsräte klagen über „Sparkurs zu Lasten von Beschäftigten und Investitionen“, „Sparkurs auf Teufel komm raus“, „Verlagerung nach Osteuropa“. Aber auch darüber, dass „die Digitalisierung noch ein Stiefkind“ sei, für die es keine Konzepte gibt. Die Geschäftsführer zucken derweil mit den Achseln und stehlen sich aus der Verantwortung. Schuld seien nicht sie, schuld sei die schwächelnde Konjunktur.


Konjunktur ist nur ein Vorwand

Doch zu den Fakten. Die düsteren Wolken, die Arbeitgeber nun gerne an die Wand malen, sind kein aufziehendes Gewitter, sondern werden sich bald verzogen haben und die Sonne wieder zum Vorschein kommen lassen. Das ist die einhellige Einschätzung der Wirtschaftsexperten. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zum Beispiel prognostiziert, dass dieses Jahr das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zwar niedriger ausfallen wird als vergangenes Jahr, aber immerhin noch bei 0,4 Prozent liegen wird.

Und das war es dann auch mit der vermeintlichen „Krise“, meinen die Forscher: Sofern nicht zusätzliche große Rückschläge auftreten, werde die Konjunktur zum Jahresende 2019 die Talsohle durchschreiten und 2020 wieder an Fahrt gewinnen, so die Einschätzung des IAB. Für 2020 sei daher wieder ein etwas höheres Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent realistisch.

Dass viele Geschäftsführungen jetzt dennoch harte Sparmaßnahmen durchdrücken wollen, liegt nicht daran, dass sie schlecht informiert sind. „Manche Arbeitgeber wollen die Konjunkturdelle zu Umstrukturierungen und Personalabbau nutzen“, sagt Jörg Hofmann, erster Vorsitzender der IG Metall. 


Durch Sparprogramme verschlafen Zulieferer die Transformation

Besonders hart gehen aktuell die Firmenbosse der Automobilzulieferer vor. Personalabbau, wohin man schaut: Während Bosch mit einem harten Sparprogramm und Entlassungen droht, hat Schaeffler schon satte 900 Stellen gestrichen. Auch Mahle baut Stellen ab: 380 Beschäftigte in der Verwaltung trifft es und nochmal knapp 250 durch die Schließung eines Werks.

Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, verurteilt die aktuell weitverbreitete Personalabbaustrategie: „Wenn beim ersten konjunkturellen Gegenwind nach Jahren guter Konjunktur und hoher Renditen einige Arbeitgeber nun mit Personalabbau und Standortschließungen drohen, dann ist dies unverschämt. Da werden wir gegenhalten. Mensch statt Marge – das muss auch in der vor uns stehenden Transformation gelten.“

Statt aber die Herausforderung der Transformation anzunehmen und Zukunftskonzepte zu entwickeln, gehen die Geschäftsführer den simplen Weg: Sparen, sparen, sparen – und das an der Belegschaft und an nötigen Investitionen in Weiterbildung und Forschung. Dabei hat die Wirtschaftskrise von 2008 gezeigt, dass Unternehmen, die an ihren Fachkräften festhielten, deutlich schneller wieder aus dem Tal kamen und so rasch wieder gute Umsätze erwirtschaften konnten.


Massiver Umbau bei Continental

Auch Continentals Antwort auf die Herausforderungen der Verkehrswende ist in erster Line ein Sparprogramm. Denn zwar spricht der Zulieferer von „Transformation 2019 – 2029“ und „Strategie 2030“, doch wer die hiermit gemeinten Strategiepapiere des Vorstands liest, der erkennt schnell: Die Konzernchefs wollen langfristig jährlich rund 500 Millionen Euro sparen. Hierzu planen sie, bis zu 7000 Stellen in Deutschland an andere Standorte zu verlegen oder gar ganz zu streichen. Beispiel Babenhausen: Die gesamte Serienproduktion soll geschlossen und auch die Forschung- und Entwicklung von Babenhausen an andere Standorte verlegt werden. Betroffen wären 2200 Beschäftigte.

Und auch andere Werke stehen im Feuer: Am Standort Roding soll die Produktion und Entwicklung von hydraulischen Komponenten für Benzin- und Dieselmotoren eingestellt werden und in Limbach-Oberfrohna das Geschäft mit Dieselinjektoren bis 2028 auslaufen. So lautet jedenfalls der Plan der Konzernchefs, den sie nun dem Aufsichtsrat vorgelegt haben.


Werden geplanten Stellenabbau nicht akzeptieren

Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Continental AG, berichtet aus der letzten Verhandlung: „Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat von Continental haben einer Schließung von Standorten in Deutschland nicht zugestimmt, sondern lediglich einer ergebnisoffenen Prüfung. Den vom Vorstand geplanten gravierenden Stellenabbau werden sie nicht akzeptieren. Hier sollen allein die Beschäftigten für Managementfehler zahlen.

Die anstehende technische Transformation muss mit einer sozialen Transformation einhergehen. Dazu brauchen die Beschäftigten Perspektiven. Wir erwarten von Continental zukunftsweisende Konzepte. Die Beschäftigten müssen qualifiziert werden und auch in der Transformation berufliche Chancen bekommen. Dabei müssen die betroffenen Beschäftigten einbezogen werden. Innovationen im Rahmen von E-Mobilität, autonomen Fahren, Künstlicher Intelligenz und eine moderne Arbeitsorganisation wie agiles Arbeiten gehen nur mit motivierten und qualifizierten Beschäftigen.“

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