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Arbeit und Aufschwung: Ranklotzen nach der Krise. Foto: Imagebroker.net/Photolibrary

Arbeit und Aufschwung: Ranklotzen nach der Krise

Arbeiten am Limit

11.08.2011 Ι Das Wirtschaftswachstum lässt die Funken sprühen: Viele Arbeitnehmer haben nichts dagegen, dass es nach Krise und Kurzarbeit wieder richtig viel zu tun gibt. Aber allmählich artet die Arbeit in Stress aus. Experten und Betriebsräte befürchten, dass sie immer mehr Beschäftigte krank macht. Dagegen gibt es ein wirksames Rezept: mehr Leute einstellen, mit unbefristeten Verträgen.
Uli Kunz konnte es förmlich spüren, wie die Last der vergangenen Monate von den Menschen im Betrieb abfiel. "Als der Aufschwung kam, haben wir alle aufgeatmet", erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende des Automobilzulieferers Kirchhoff. Der Betrieb im Sauerland hat die Krise ohne Entlassungen überstanden und seit vergangenem Jahr sogar 55 Beschäftigte neu eingestellt. Dennoch beobachtet Kunz, wie sich die Arbeit verdichtet. "Wenn der Kunde Teile braucht, müssen wir liefern." Und im Moment braucht der Kunde viele Teile. In der normalen Arbeitszeit ist das nicht mehr zu schaffen. Viel Luft nach oben sieht Kunz nicht mehr. "Wir arbeiten schon im Drei-Schicht-Betrieb."

Rekordjahr

Die deutsche Wirtschaft produziert seit Monaten eine positive Schlagzeile nach der anderen: "Daimler steuert Rekordjahr an", "BMW steigert Absatz in China deutlich", "Deutsche Stahlindustrie arbeitet weiter am Anschlag" - lauten die Rekordmeldungen aus den Firmenzentralen. Vor allem aus der Autoindustrie. Der Verband der Automobilindustrie rechnet damit, das bisherige Spitzenjahr 2008 noch einmal zu toppen: Knapp sechs Millionen neue Autos werden 2011 die Werkhallen verlassen. Aber auch der Maschinenbau, die Stahlindustrie und andere Branchen arbeiten wieder auf Vorkrisenniveau oder steuern sogar auf neue Höchststände zu. Es gibt zwar auch immer noch Kurzarbeit, zum Beispiel bei Druckmaschinenherstellern wie Manroland in Augsburg. Aber sie sind inzwischen die Ausnahme.

Dass gerade die deutsche Wirtschaft wieder so boomt, liegt vor allem daran, dass ihre Haupt-Exportländer nicht so stark von der Krise betroffen waren. Denn den neuen Aufschwung verdanken die Firmen vor allem Kunden im Ausland. Und da sind es vor allem die "BRIC-Länder", also Brasilien, Russland, Indien und China.

In China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, konnte sich die deutsche Autoindustrie Jahr für Jahr ein immer größeres Stück vom Kuchen abschneiden. Zurzeit haben Autos made in Germany im Reich der Mitte einen Marktanteil von 21 Prozent. In Indien konnten deutsche Pkw-Hersteller dieses Jahr bisher um gut 18 Prozent zulegen, in Russland sogar um 60 Prozent. Auch in den USA wächst der Absatz deutscher Hersteller schneller als der Markt insgesamt.

Noch ist der Aufschwung frisch. Nach Bankenpleiten, Wirtschaftskrise, vielen Monaten in Kurzarbeit und der Angst, dass es noch schlimmer kommt, ist ein sicherer Arbeitsplatz für die meisten Menschen im Moment das höchste Gut. Als sich die Auftragsbücher wieder füllten, standen sie überall in den Startlöchern, bereit, die Ärmel hochzukrempeln.

Ranklotzen nach der Krise: Foto: Imagebroker.net/Photolibrary
Vor allem in der Automobilindustrie brummt es.

Alte Muster

Zum Beispiel Christa Bürzele. Die Ingenieurin bei Bosch in Reutlingen war froh, als es wieder mehr zu tun gab. "Wir haben die Krise ja auch finanziell gespürt", sagt die 47-Jährige. Doch mit den Aufträgen wuchs auch die Arbeit. Acht-Stunden-Tage sind für sie inzwischen die Ausnahme. Zwar sucht Bosch in einigen Bereichen neue Ingenieure. Doch nicht überall werden neue Leute eingestellt, berichtet Christa Bürzele. Noch sei die Unsicherheit groß, wie es im Herbst weitergeht. Wie sehr sie die Arbeit schlaucht, spürt sie abends und am Wochenende, wenn ihr selbst ein Gespräch mit Freunden zu viel ist. Damit ist sie nicht allein. "Die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen wird gereizter. Daran merkt man, dass viele auf dem Zahnfleisch gehen."

Die Bilanz nach einem Jahr Aufschwung: Viele arbeiten inzwischen am Limit. Facharbeiter stehen nachts und am Wochenende an den Maschinen. In den Büros haben die Arbeitstage zehn Stunden. Mit den vollen Auftragsbüchern kehrten viele Unternehmen zu alten Mustern zurück: Wie bereits vor der Krise werden lieber Stundenkonten aufgebaut statt neue Beschäftigung. Diese Personalpolitik geht auf die Knochen der Stammbelegschaft.

Viele Arbeitgeber versuchen, immer noch ein bisschen mehr aus der Belegschaft herauszuholen. Betriebsräte haben alle Hände voll zu tun, Begehrlichkeiten abzuwehren und Vereinbarungen, die etwa Ältere vor Schichtarbeit schützen, zu verteidigen. Dabei sitzen sie immer öfter zwischen den Stühlen. Vielen Beschäftigten kommt die Mehrarbeit recht. Wer aus der Kurzarbeit kommt, freut sich über mehr Geld. Mit Zusatzschichten füllen Arbeitnehmer Stundenkonten wieder auf, die sie in der Krise leer räumen mussten.

Eine Stimmung, die sich nach Ansicht des Arbeitsmediziners Detlef Glomm wieder wenden wird. "Irgendwann wollen die Beschäftigten auch wieder entlastet werden", sagt der Vizepräsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Viele Belegschaften wären zurzeit deutlich überlastet. Am Ende steigt nur der Krankenstand.

Sowie bei Continental im sächsischen Limbach-Oberfrohna und Stollberg. Dort beobachtet Betriebsratsvorsitzender Andreas Richter, dass die Belegschaft an Grenzen stößt, auch gesundheitlich. "Seit letztem Jahr haben wir Aufträge ohne Ende, es gibt keinen Fertigungsbereich mehr ohne 21-Stunden- Schichten und die Zahl der Beschäftigten mit 40-Stunden-Verträgen steigt." Für Richter ist es kein Zufall, dass im gleichen Zeitraum der Krankenstand um etwa drei Prozentpunkte stieg. Zwar stellte der Betrieb seit letztem Jahr 180 neue Leute ein. Dennoch verdichtete sich die Arbeit: "Inzwischen müssen weniger Kollegen mehr Anlagen bedienen." Jetzt arbeitet er an einem neuen Schichtmodell, um die Wochenendschichten für den Einzelnen zu verringern. Er drängt darauf, mehr Leute einzustellen.

Rückenprobleme

Auch Roman Selgrath, der Betriebsratsvorsitzende der Dillinger Hütte, kann ein Lied von überlasteten Kolleginnen und Kollegen singen. Obwohl das Stahlwerk im Saarland schon eine ganze Reihe Neue eingestellt hat, darunter junge ehemalige Leiharbeitnehmer, kommen Kollegen zu Selgrath und klagen über die Arbeitsbelastung, über Schlaf- und Rückenprobleme. Auch registriert er immer mehr psychosomatische Erkrankungen.

Eine mögliche Antwort darauf: Die IG Metall hat in Wolfsburg in vielen Firmen eine Antistress-Kampagne gestartet. Ihre "Stress-Messungen" zeigen eindeutig, dass das Arbeitsvolumen, die Belastungen und der Zeitdruck stark gewachsen sind. Vor allem da, wo der Druck vor dem Boom schon hoch war: bei hochqualifizierten Angestellten in Projektarbeit, bei Entwicklern, Ingenieuren. Für den örtlichen IG Metall-Geschäftsführer Frank Patta ist klar: "Da rollt etwas auf uns zu. Wir müssen unbedingt neue Konzepte gegen den ausufernden Stress entwickeln."

Auch bei VW-Nutzfahrzeuge in Hannover zog der Betriebsrat inzwischen die Reißleine. Seit Oktober 2010 gibt es dort zusätzliche Samstagsschichten, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren es 16. Mehr hat der Betriebsrat nicht zugelassen. "Die Freude über den Zuverdienst endet da, wo die Sonderschichten zur Belastung werden", sagt der Betriebsratsvorsitzende Thomas Zwiebler. Die Belastungsgrenze sieht er jetzt erreicht. Ab Oktober wird wieder in drei Schichten produziert. Für die neue dritte Schicht stellt VW im Hannoveraner Werk 700 Leute ein. Überwiegend Beschäftigte der Verleihfirma Wolfsburg AG, an der der Volkswagen-Konzern beteiligt ist.

Ranklotzen nach der Krise. Foto: Nigel Treblin/dapd
Auch die Stahlindustrie profitiert vom Wachstum. Der Preis dafür: Die Beschäftigten klagen über Rücken- und Schlafprobleme.


Grafik: Löhne und Gehälter steigen wieder
Foto: panthermedia.net

Für Jochen Homburg, verantwortlich für die Betriebspolitik beim IG Metall-Vorstand, ist klar: "Dem Personalabbau in der Krise muss nun der Aufbau folgen." Schließlich sind auch die Stundenkonten bald wieder voll. Dann droht vor allem in den Entwicklungs- und Verwaltungsabteilungen der Verfall von Arbeitszeiten. "Das müssen Betriebsräte verhindern", sagt Homburg. Und sie dürfen sich auf keinen Fall ihre Mitbestimmungsrechte durch pauschale Vereinbarungen zu Mehrarbeit aus der Hand nehmen lassen." Dass Arbeitgeber ihre Personalpolitik oft mit Facharbeitermangel begründen, hält Jochen Homburg teilweise für vorgeschoben. "Solange Arbeitgeber sich gegen die unbefristete Übernahme ihrer eigenen Auszubildenden wehren, kann der Mangel nicht so groß sein."

Feste einstellen

Statt auf Festeinstellungen greifen Arbeitgeber auch beim Personalaufbau offenbar auf Vorkrisenrezepte zurück. So meldet die Bundesagentur für Arbeit mit über 40 Millionen Beschäftigten zwar einen neuen Rekord. Aber die Statistiken aus Nürnberg haben einen großen Schönheitsfehler. Zusätzlicher Bedarf wird in der Regel durch Leiharbeit, befristete und Werkverträge gedeckt. Eine Umfrage der IG Metall unter 5000 Betriebsräten ergab, dass nur 15 Prozent aller neu Eingestellten unbefristete Verträge erhalten.

In einzelnen Regionen und Branchen blitzt allerdings an einzelnen Stellen auch schon die Sonnenseite des Aufschwungs für Beschäftigte durch. "Den Boom musst du ausnutzen. Jetzt ist Arbeitnehmerzeit", sagt Bruno Frenzel. Er ist Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der Maschinenbaufirma Deckel Maho in Pfronten. Er sagt das zwar schmunzelnd, meint das aber durchaus ernst. Bei der Gildemeister-Tochterfirma im Allgäu, in der Fräsmaschinen hergestellt werden, hat vor einiger Zeit in einer Abteilung jeder Zehnte von sich aus gekündigt. Stress mit Vorgesetzten, Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen - es kam einiges zusammen.Wenn jemand eine qualifizierte Fachkraft ist, muss nur ein anderer Betrieb kommen und bessere Konditionen bieten, und schon ist er weg. Geschäftsleitungen müssen sich also allmählich was einfallen lassen, um begehrte Leute zu binden.


Druckmittel

Deckel Maho Pfronten hat schlechte Zeiten hinter sich. In der Krise ging das Geschäft um 60 Prozent zurück. Es gab Kurzarbeit, die Geschäftsleitung wollte 300 Leute entlassen. Es waren am Ende nur zwölf. Einige andere gingen mit Abfindungen. Der Betriebsrat setzte aber durch: Wenn sich die Konjunktur bessert, werden Ehemalige vorrangig wieder eingestellt. Und jetzt ist die Lage wieder "super", wie Frenzel mit Genugtuung feststellt. Vor drei Monaten genehmigte der Betriebsrat keine Überstunden mehr - als Druckmittel, damit das Unternehmen Neue einstellt. Allein im Juni kehrten 24 Ehemalige, die in der Krise entlassen worden waren, zurück - mit unbefristeten Verträgen.

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Die Arbeit auf dem Schreibtisch türmt sich und in den Produktionshallen laufen die Bänder Tag und Nacht. Die Wissen- schaft weiß, dass belastende Arbeits- bedingungen krank machen. Schichtarbeit lässt sich zwar nicht immer vermeiden. Es gibt aber Möglichkeiten, sie gesünder zu gestalten. Beschäftigte können bei ihrem Betriebsrat oder ihrer IG Metall nachfragen.

  • Acht Stunden reichen
    Die Kurven zeigen in eine eindeutige Richtung. Wer länger als acht Stunden am Tag arbeitet, wird häufiger krank. Beschäftigte mit Arbeitszeiten über 40 Stunden pro Woche leiden deutlich häufiger unter psychischer Erschöpfung als Menschen, die zwischen 35 und 40 Stunden pro Woche arbeiten.

  • Auf die innere Uhr hören
    Jeder Mensch hat eine innere Uhr, die er nicht einfach vor oder zurückdrehen kann. Bei Schichtarbeit gilt: Je mehr Nachtschichten aufeinanderfolgen, desto stärker wird der Tag-Nacht-Rhythmus gestört. Deshalb besser nur zwei, maximal drei Nachtschichten nacheinander. Danach eine lange Ruhephase. Schnelle Wechsel sind auch bei Früh- und Spätschicht besser.

  • Essen nicht vergessen
    Die richtige Ernährung kann Schichtarbeit verträglicher machen. So sollten Schichtarbeiter zu immer gleichen Zeiten essen und die Hauptmahlzeiten möglichst mittags und abends einnehmen.


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