Bericht aus Bezirk Nordrhein-WestfalenIn den Betrieben sind wegen der Wirtschaftskrise Arbeitsplätze in Gefahr. Zuerst trifft es prekär Beschäftigte. Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus Extertal bei Detmold.
Heinz Graf ist seit 28 Jahren Betriebsrat und hat so manche Krise erlebt. „1992, 1996, 1998 ...“ Er rasselt Jahreszahlen herunter: Wirtschaftsflauten, Verlagerungen, Strukturkrisen, Branchenflauten, dann die große Finanzkrise von 2008 und 2009 – immer wieder war der Betriebsrat gefordert, immer ging es darum, Arbeitsplätze zu retten. Viel mitgemacht hat der erfahrene Metaller also. Aber eine Krise wie jetzt durch Corona – „das hab auch ich noch nicht erlebt“.
Um 25 Prozent ist der Umsatz wegen der Corona-Krise bei Lenze Operations und Service in Extertal und Großberkel nahe Detmold eingebrochen, wo Heinz Graf die Interessen der rund 1150 Beschäftigten vertritt. Lenze stellt mechanische Antriebstechnik her – Motoren und Getriebe, die zum Beispiel Förderbänder oder Roboter antreiben. In früheren Krisen, erzählt er, habe es meist einzelne Branchen getroffen, und weil Lenze breit aufgestellt ist und Kunden aus ganz unterschiedlichen Bereichen hat, konnte das Unternehmen schwerere Zeiten jeweils einigermaßen gut durchstehen. Jetzt aber, durch die Pandemie, sind alle Zweige der Wirtschaft betroffen, und die Spuren ziehen sich einmal über den Globus. Das sei das Besondere an Corona. „Das ist schon die schwierigste Krise, die wir je hatten.“
„Die Politik hat viel gemacht“
Die Krise hat Folgen. Bei Lenze – wie in vielen anderen Unternehmen auch – waren Leiharbeitnehmer und befristet Beschäftigte die ersten, die betroffen sein sollten. Am liebsten hätte das Unternehmen vorsorglich wohl alle der rund 100 Leihbeschäftigten auf die Straße gesetzt, wenn da nicht diese wichtige neue Produktion gewesen wäre: Motoren für Roboter für einen bedeutenden Kunden. Diese anlaufende Produktion wollte die Geschäftsführung nicht gefährden – und die erfahrenen Leiharbeiter, die dort eingesetzt sind, nicht vor die Tür setzten.
Na gut, dachte sich der Betriebsrat, dann machen wir doch einen Deal. Wenn der Arbeitgeber Leihbeschäftigte behalten will, dann darf er bei der geplanten Anzahl ein bisschen was drauflegen. So gelang es dem Betriebsrat, dass 75 Leihbeschäftigte – statt der ursprünglich geplanten erst 30, dann 60 – mindestens bis Ende des Jahres bleiben können. „Sie können mit uns durch die Kurzarbeit gehen“, erläutert Betriebsratsvorsitzender Heinz Graf. Das ist möglich, weil die Bundesregierung mit Ausbruch der Corona-Krise die richtigen Weichen gestellt hat: Zuvor war es nicht möglich, dass Leihbeschäftigte in Kurzarbeit gehen können, sie mussten schon per Gesetz nach Hause geschickt werden. „Die Politik hat viel gemacht, das muss man schon sagen“, meint Betriebsrat Heinz Graf.
Auch für die befristet Beschäftigten handelte der Betriebsrat eine Vereinbarung aus: 145 von ihnen konnte der Betriebsrat im Unternehmen halten, zumindest bis zum Jahresende. Und Leiharbeitnehmer, die die Höchstverleihzeit von 24 Monaten überschreiten, werden bei Lenze eingestellt, statt dass sie nach Hause geschickt werden. „Das Beispiel Lenze zeigt: Unternehmen müssen wegen Corona nicht gleich zum Kahlschlag ansetzen, auch nicht bei den prekär Beschäftigten“, sagt Daniel Salewski, Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Detmold. „Es geht auch anders.“
Um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen – darum geht es jetzt aus Sicht der IG Metall Nordrhein-Westfalen, und da sei Lenze ein gutes Beispiel, betont Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW. „Wir müssen Leute in den Betrieben halten, wo immer es geht und so viele wie möglich“. Leider, sagt er, sehen das nicht alle Unternehmen so. „Wir befürchten, dass manchen Unternehmen die Krise gerade recht kommt, um Leute loszuwerden.“ Solche Mitnahmeeffekte „werden wir nicht mitmachen“.
Krise noch lange nicht ausgestanden
Die IG Metall NRW stellt sich deshalb noch auf einen heißen Herbst ein. „Es wird Auseinandersetzungen in den Betrieben geben – und wir werden sie führen“, erklärt Knut Giesler. Und mit dem Herbst sei die Krise noch lange nicht ausgestanden, betont er. Prognosen der Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass die Corona-Wirtschaftskrise noch bis in das Jahr 2022 hineinwirkt.
Lenze-Betriebsrat Heinz Graf sieht derweil erste Zeichen der Erholung. „Wir stellen ja Investitionsgüter her“, sagt er. „Solche Investitionen können unsere Kunden zurückstellen, aber irgendwann muss man sie tätigen.“ Er hofft, dass das Unternehmen mit möglichst vielen Kolleginnen und Kollegen an Bord durch die Krise kommt. „Man kann sich nur wünschen, dass alle gesund bleiben“, sagt er, „und ihren Arbeitsplatz behalten“.
Foto: Stephen Petrat „Man kann nur hoffen, dass alle ihren Arbeitsplatz behalten.“ Heinz Graf ist Betriebsratsvorsitzender bei Lenze in Extertal nahe Detmold.
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