Neue Chancen und Jobs auf dem Weg zur Klimaneutralität

Für eine CO2-neutrale Industrie ist Wasserstoff der Schlüssel. Nötig sind neue Produkte und Dienstleistungen rund um Wasserstoff. Die bieten eine große Chance, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Doch die weltweite Konkurrenz um die neu entstehenden Wertschöpfungsketten schläft nicht.

1. November 20201. 11. 2020
Christoph Böckmann


Es sind harte Zeiten bei den Deutschen Edelstahlwerken (DEW). Die Elektrostahlwerke in Witten und Siegen fahren Kurzarbeit. „Die Coronakrise schlägt tiefe Kerben in unsere Auftragsbücher“, berichtet Ralf Peine, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der DEW. Und auch beim Blick in die Zukunft plagen ihn Sorgen: „Die Transformation in der Autoindustrie, vom Verbrenner hin zur Elektromobilität, wird Spuren bei uns Stahlherstellern hinterlassen“, weiß Peine: Denn während heute in einigen Verbrennermotoren auf deutschen Straßen Teile aus Siegen und Witten stecken, wird das bei Elektroautos weniger werden. Klar, Türen und Karosserien gibt es dann auch noch. Aber die Kleinteile im Motor, die ganz spezielle Anforderungen hinsichtlich Hitzebeständigkeit und Rostfreiheit verlangen und für die die DEW Spezialisten sind, fallen weg.

Doch es gibt einen Silberstreif am Horizont: Wasserstoff. Der Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft bietet auch Chancen für den Industriestandort Deutschland.


Eine Tonne Wasserstoff vermeidet 25 Tonnen CO2

Wasserstoff kann vielerorts fossile Energieträger ersetzen und dadurch CO2 sparen. Mit seiner Hilfe ist ein klimaneutraler Nutz-, Schwerlast- Schiffs- und eines Tages wahrscheinlich auch Flugverkehr möglich. Zudem kann der Wasserstoffeinsatz bei vielen Industrieprozessen Kohlenstoffdioxid einzusparen, zum Beispiel bei der Stahlgewinnung aus Eisenerz. Dort vermeidet der Einsatz von einer Tonne Wasserstoff 25 Tonnen CO2. Die Deutschen Edelstahlwerke betrifft das nur bedingt. Sie gewinnen ihren Stahl nicht aus Eisenerz, sondern aus Schrott. Der dazu benötigte Elektroofen arbeitet klimaneutral, wenn aus der Leitung grüner Strom fließt. Doch auch wenn der Energiemix in Deutschland rein aus erneuerbaren Quellen bestünde, würden Witten und Siegen den komplett klimaneutralen Herstellungsprozess wahrscheinlich nur mithilfe von Wasserstoff erreichen. Denn um den Stahl für die Weiterverarbeitung warmzuhalten, verfeuern die Stahlarbeiter bislang Erdgas. Unterm Strich ist klar: Eine hundertprozentige Klimaneutralität, wie sie sich Europa bis 2050 vorgenommen hat, erreichen wir nur durch den Einsatz von Wasserstoff.

Dafür muss die Industrie schon heute die Infrastruktur schaffen. Es braucht Elektrolysen, die unter Einsatz von erneuerbaren Energien aus Wasser Wasserstoff gewinnen. Erforderlich sind auch Tanks für die Lagerung und Pipelines für den Transport. Nötig sind darüber hinaus Brennstoffzellen, um die im Wasserstoff gespeicherte Energie wieder freizusetzen. Das ist eine Chance für die deutsche und europäische Industrie, auch für den Stahlhersteller aus dem Ruhrgebiet. Die DEW haben Vorprodukte, die zu Pipelines gewalzt werden können, im Angebot. Sie produzieren Teile für Windräder, die benötigt werden, um den Energiebedarf für die Wasserstoffproduktion zu decken. Sie stellen das passende Vormaterial her und stehen ganz oben auf der Liste der Zulieferer für Hersteller von Wasserstofftanks (RSH-Stähle). Banal ist das alles nicht. Denn Wasserstoff ist ein „Stahlschädling“. Er greift das Material an. Doch mit den Hightechstählen „Made in Germany“ ist das kein Problem.

Allerdings wissen nicht nur die Stahl­experten in Witten und Siegen, dass Wasserstoff der Rohstoff der Zukunft sein wird. Weltweit hat das Rennen um den neuen Markt und die dazugehörigen Wertschöpfungsketten begonnen. Die Bundesregierung will nicht, dass der Wasserstoffzug ohne Deutschland abfährt. Sieben Milliarden Euro möchte die Bundesregierung mit ihrer nationalen Wasserstoffstrategie lockermachen. Doch Betriebsrat Peine kann neben der Ankündigung nicht viel Zählbares erkennen. Ihm geht das alles zu langsam:


Fährt der Wasserstoffzug ohne Deutschland ab?

„Wir lassen uns die Butter vom Brot nehmen, wenn wir zu lange warten. In Asien investieren sie bereits sehr stark in die Wasserstofftechnologie. Wenn wir hier einen gewissen Vorteil und Vorsprung haben wollen, dann müssen wir jetzt schleunigst loslegen“, sagt Peine.

Das sieht auch die IG Metall so. Sie fordert die Politik auf, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Denn die IG Metall will das Thema voranbringen: „Für zukunftsfähige Arbeitsplätze in der Industrie brauchen wir den Wasserstoff in ausreichender Menge, bezahlbar und mit einer guten ­Infrastruktur dahinter“, sagt Daniela Jansen, Projektleiterin Wasserstoffstrategie bei der IG Metall. Aber es geht auch um eine grundsätzliche Entscheidung: „Wir treffen die gesellschaftspolitische Grundentscheidung, wie wir in Zukunft produzieren, wie wir Menschen und Güter ­bewegen“, erklärt Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Hauptkassierer der IG Metall, der für das Thema Wasserstoff zuständig ist.

Die IG Metall sieht die Notwendigkeit, dass Branchen wie Stahl und andere Grundstoffindustrien, die chemische Industrie, der Maschinen- und Anlagenbau und die Mobilitätsbranche zusammendenken. Das will die IG Metall organisieren: „Wir werden das Thema Wasserstoff in unsere Betriebe tragen, mit den Belegschaften diskutieren und Netzwerke  mit Wissenschaft, Unternehmen und Politik knüpfen“, erklärt Jansen das anstehende Vorgehen.

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