Erst frieren im Zelt, dann Unterricht

Mehrmals im Jahr reisen angehende Bootsbauer zum Blockunterricht in die Berufsschule Lübeck-Travemünde. Die Unterkunft müssen die jungen Leute selbst zahlen. Viele können das nicht – und schlafen in Zelten.

1. November 20201. 11. 2020
Jan Chaberny


Zelten auf der großen Apfelbaumwiese. Frühmorgens hoch der Blick in den wolkenlosen Himmel, spätabends gelbes Taschenlampenlicht. Ist das nicht schön? „Klingt romantisch, nach Urlaub“, sagt Hanna Holler, 25 Jahre alt, angehende Bootsbauerin. „Es ist aber kein Urlaub. Es ist ernst.“ Und übrigens sei es kein bisschen romantisch, Dixiklos vorzufinden und morgens in die Berufsschule zu dackeln, um sich noch schnell am Waschbecken die Haare zu waschen.

Genau das aber muss Hanna. Genau das müssen viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Junge Menschen wie sie, die ihre Ausbildung zum Bootsbauer, zur Bootsbauerin machen – und die hier, auf einer Apfelbaumwiese am Stadtrand von Dassow, campieren. Acht Kilometer entfernt von ihrer Berufsschule in Lübeck-Travemünde. Mehrmals im Jahr reisen junge Menschen aus mehreren Bundesländern zum vierwöchigen Blockseminar an. Unterkunft und Verpflegung müssen sie selbst bezahlen.

„Für viele ist das eine finanzielle Belastung“, sagt Hanna Holler. 429 Euro kosten Unterkunft und Verpflegung im Internat. Das ist mehr als die Ausbildungsvergütung der angehenden Bootsbauer. Die beträgt bei einigen Auszubildenden mit alten Verträgen gerade mal 311 Euro pro Monat und sieht bei Verträgen ab diesem Jahr die Mindestausbildungsvergütung von 518 Euro im Monat im ersten Ausbildungsjahr vor. „Für viele bleibt nichts anderes übrig, als im Zelt zu schlafen“, sagt Hanna Holler. „Das darf nicht sein.“


Im kalten November droht Azubis wieder das Zelten

Das sieht Hendrik Matz von der IG Metall Lübeck-Wismar auch so. Gemeinsam mit Robert Peter von der Geschäftsstelle Kiel-Neumünster und Kollegen der IG Metall Rendsburg hat Matz einen Aktionstag ins Leben gerufen: „Zu wenig Geld – pennen im Zelt“, unter diesem Motto versammelten sich Anfang September die Auszubildenden. „Notwendig ist politischer Druck“, sagt Gewerkschafter Matz.

Nötig ist der auch deshalb, weil die jungen Bootsbauer kein unterstützendes Geld von der Agentur für Arbeit erhalten: Die Arbeitsagentur bezuschusst nur, wenn der Ausbildungsbetrieb weit entfernt vom Wohnort liegt. „Blockunterricht ist von Zuschüssen im Rahmen der Bundesausbildungshilfe ausgenommen“, sagt Hendrik Matz. Einige Bundesländer unterstützen die Azubis daher aus eigenem Antrieb. „Es gibt aber sehr unterschiedliche Arten, die Unterkunfts- und Verpflegungskosten zu übernehmen“, sagt Gewerkschaftssekretär Peter. Die jetzige Situation sei untragbar.

Das sagt auch Henning Groskreutz, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Lübeck-Wismar: „Grundsätzlich wollen wir, dass die Ausbildungsbetriebe die Kosten der Ausbildung zu tragen haben. Wenn das in kleinen Betrieben finanziell nicht geht, muss die Landesregierung helfen.“

Stephanie Schmoliner, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Kiel-Neumünster, betont: „Wenn wir die Ausbildung im Bootsbauhandwerk attraktiver machen wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen für die Auszubildenden besser gestalten. Dazu gehört auch, dass sie kein Geld mitbringen müssen, um ihre Ausbildung zu finanzieren.“

„Da muss schnell etwas geschehen“, sagt Hanna Holler. Beim letzten Blockseminar zelteten 25, 30 Auszubildende. „Das ging, es war ja warm.“ Der nächste Unterricht ist im November. „Da sieht die Situation anders aus.“ Viele seien seit Wochen dabei, nach Unterkünften zu suchen. Mühsam sei das. „Wir Bootsbauer arbeiten mit vielen Materialien, mit Holz, mit Metall, mit Kunststoffen. Wir bekommen Wissen für Faserverbundkunststoffe, die auch im Flugzeugbau eingesetzt werden“, sagt Hanna Holler. „Wir brennen für unseren Beruf. Doch wir haben keine Lust, in Zelten zu campieren. Das ist absurd.“

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