Transformiert

Seit einem Jahr wird das VW-Werk Zwickau zum Elektrostandort umgebaut. Nun läuft dort die Serien-Produktion des ID.3 an. Damit bei der Transformation keiner der Beschäftigten auf der Strecke bleibt, musste der Betriebsrat genau hinschauen.

1. November 20191. 11. 2019Christoph Böckmann


Hinter dicken Glasscheiben bewegen sich die orangen Kuka-Roboter ruckartig. Sie greifen in kurzen, abgehackten Bewegungen metallisch glänzende Blechteile, bringen sie in die richtige Position und schweißen sie zur Karosserie des ID.3 zusammen.

Vor wenigen Wochen wurde das Auto auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt vorgestellt. Es ist das erste rein elektrische Modell des Volkswagenkonzerns, das nun in Zwickau in Serie geht. Dafür mussten die Beschäftigten und IG Metall-Betriebsräte Pionierarbeit leisten. Seit knapp einem Jahr arbeiten sie an der Transformation des Werks. Der ID.3 und die fünf auf seiner MEB-Plattform konzipierten weiteren Modelle werden Golf und Passat ablösen. Der letzte Verbrenner rollt kommenden Juni in Zwickau vom Band.


Transformation

Die Neuerfindung des VW-Konzerns, die in Zwickau ihren Anfang nimmt, ist ein immenser Kostenfaktor. 1,2 Milliarden Euro wird die Volkswagen AG am Ende in das Werk gepumpt haben. „Da will das Unternehmen natürlich an anderen Stellen gern sparen“, berichtet die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Mandy Anding. Dennoch konnte sie gemeinsam mit den Betriebsratskolleginnen und -kollegen der VW AG eine Beschäftigungsgarantie bis 2029 durchsetzen. Und dass, obwohl für die Montage von Elektromotoren weniger Arbeitskräfte benötigt werden.

Für Auslastung sorgen soll eine Ausweitung der Produktionskapazität. Konkret heißt das: Künftig werden in Zwickau bis zu 330 000 Elektroautos jährlich vom Band rollen statt 300 000 Verbrenner. Dafür stellt der VW-Konzern sogar neue Kollegen ein ― aber bisher fast nur mechanische. 1600 statt bisher 1300 Roboter werden bei der Produktion helfen.

Dass VW im Zuge der Umstellung auf E-Mobilität verstärkt auf Automatisierung setzt, hat für viele Beschäftigte Konsequenzen. Einige Tätigkeitsfelder fallen weg oder verändern sich. Beispiel Karosseriebau: Hier läuft das meiste in Zwickau mittlerweile automatisch. Weg fallen vor allem einfache Tätigkeiten, wie das Einlegen der Bleche in die Maschinen.

Qualifizierung

Ein paar Anlagen, an denen händisch und taktzeitunabhängig eingelegt wird, gibt es aber noch. Relikte aus vergangenen Zeiten? Nein, die Anlagen sind im Einsatz! Dietmar Brüshaber, Betriebsrat aus dem Karosseriebau, erklärt: „Für uns als Betriebsrat war es wichtig, dass wir auch in Zeiten von Industrie 4.0 Arbeitsplätze erhalten, die für Mitarbeiter machbar sind, die nicht umgeschult werden können, die nicht das Know-how haben, Elektroniker zu werden oder sich anderweitig fortzubilden. Das Unternehmen hätte natürlich auch das gern automatisiert.“

Die restlichen Beschäftigten, deren Tätigkeitsfelder sich ändern oder wegfallen, werden in andere Bereiche versetzt und entsprechend qualifiziert. Dazu hat der Betriebsrat in Zwickau mit dem Unternehmen verschiedene Qualifizierungsmaßnahmen erarbeitet und abgestimmt. So wurden 150 Beschäftigte über 18 Wochen zu Elektrofachkräften geschult. 50 haben bis zu 24-monatige Expertenschulungen zum Thema Elektrik/Elektronik erhalten. Und die rund 200 Anlagenfahrer, die perspektivisch zusätzlich im Werk zum Einsatz kommen sollen, werden über mehrere Wochen bis zu Monaten geschult. Neben den fachspezifischen Qualifizierungsmaßnahmen wurden noch jede Menge Produktschulungen für die einzelnen Fertigungsbereiche organisiert.

Für die 28 Kolleginnen und Kollegen, die keinen branchentypi­schen Facharbeiterabschluss haben, wurde darüber hinaus in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit eine Maßnahme begonnen.

Dass der VW-Konzern gerade Zwickau zum Vorreiter der Elektromobilität auserkoren hat, ist trotz Qualifizierungsmaßnahmen nicht bei jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin gut angekommen. „Durch den Umbau werden Teams auseinandergerissen, die bereits seit vielen Jahren gut zusammenarbeiten“, weiß Brüshaber. Auch sei es ein Problem, wenn Beschäftigte vor dem Umbau auf eine Beförderung hinarbeiteten und diese nun nicht bekommen können, da jemand anderes dafür qualifiziert werde, weil dessen ursprüngliche Stelle wegfällt, erklärt der Betriebsrat, der selbst noch am Trabant gelernt hat. Das erzeuge natürlich Unmut. Brüshaber und Betriebsratskollegin Anding verwenden deswegen viel Energie darauf, die Einschnitte für die Beschäftigten so gering wie möglich zu halten.


Bedenken

Um die Belegschaft in Zwickau generell für das Thema Elektromobilität zu sensibilisieren, rief der Betriebsrat gemeinsam mit dem Unternehmen die Change Convention ins Leben. Das ist eine Tagesveranstaltung, bei der die Beschäftigten sich mit den neuen Komponenten wie den Batterien vertraut machen und gemeinsam über das Thema Elektromobilität diskutieren können. Bis Ende des Jahres wird die gesamte Belegschaft die Gelegenheit dazu gehabt haben. Eine Aktion, die bei der Belegschaft gut ankommt, berichtet Anding. Sobald das Thema Elektromobilität greifbar werde, könnten sich die Beschäftigten besser darauf einlassen.

Auch auf den Betriebsversammlungen hat der Betriebsrat das Thema Elektromobilität daher immer wieder auf die Agenda gesetzt. Hierzu lud er Experten ein, die mit Mythen über die Elektromobilität aufräumen konnten.

Dennoch gibt es bei der Belegschaft an einer Stelle noch große Bedenken: bei der Ladeinfrastruktur. Hier fordert der Zwickauer Betriebsrat zusammen mit der IG Metall die Politik auf, die nötigen Investitionen in die Infrastruktur endlich zu tätigen. Betriebsrätin Anding betont: „Wenn wir alles umstellen, um klimafreundliche Autos zu bauen, dann muss die Politik auch ihren Beitrag leisten.“

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