„Da geht noch mehr!“

Torsten Wagner wünscht sich eine gleichberechtigte Beziehung. Als ­Privatperson will er daran arbeiten und als Betriebsrat sieht er auch die Arbeitgeber in der Pflicht. Trotz aller Fortschritte ist der 35-Jährige sicher: Da geht noch mehr!

1. März 20201. 3. 2020
Jens Knüttel


Torsten Wagner bleibt nach der Arbeit oft keine Zeit zum Durchschnaufen. Der 35-Jährige schwingt sich dann aufs Fahrrad, hetzt durch den turbulenten Feierabendverkehr Frankfurts, vorbei an hupenden Autos, um die Jüngsten, vier und sieben Jahre alt, gerade noch rechtzeitig vor 17 Uhr von der Kita abzuholen. „Es ist oft ein krasser Spagat zwischen Privatleben und  Beruf.“

Wagner ist zweifacher Vater. Seine Freundin bringt ein weiteres Kind mit in die Beziehung. An den Tagen von Freitag bis Montag arbeitet er im 15-Schicht-Betrieb an einer Linie bei Continental Teves in Frankfurt, um elektronische Bremssysteme zu fertigen. Von Dienstag bis Donnerstag ist Wagner als Betriebsrat aktiv. Hinzu kommt das Ehrenamt – er ist Mitglied der Vertrauenskörperleitung der IG Metall. Und einmal die Woche ist Wagner für die IG Metall unterwegs.

Eigentlich wolle er mit seiner Freundin eine gleichberechtigte Beziehung führen, also keiner konservativen Rollenverteilung folgen. Sie ist im Beruf Teilzeit beschäftigt, 30 Stunden sind es in der Woche. Zu Hause bleibt die Arbeit überwiegend an ihr hängen: Essen kochen, Einkäufe erledigen und die Kinder – 14, 7 und 4 Jahre alt – versorgen. „Trotz des Versuchs schaffen wir es bisher leider nicht, die Arbeit zu Hause gleichmäßiger aufzuteilen“, sagt Torsten Wagner. „Ich arbeite daran, dass es besser wird.“ Gerade in den Ferien stößt die Familie auf Vereinbarkeitsprobleme. „Denn mit sechs Wochen Jahresurlaub kann man allenfalls theoretisch sechs Wochen Sommerferien abfedern.“ Persönlich entgegen kommt Wagner da, dass er statt Geld acht zusätzliche Tage frei nehmen kann.


Acht zusätzliche freie Tage für Eltern sind eine große Hilfe

Diese Option hatte die IG Metall in der Metall-Tarifrunde 2018 für Beschäftigte erstritten, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder in Schicht arbeiten. „Das hilft uns, zum Beispiel, wenn Sonderschließtage im Kindergarten anstehen.“ Dennoch sieht Wagner die Notwendigkeit, die Arbeitszeit weiter zu verkürzen – insbesondere um Beschäftigung, nicht nur in der Krise, zu sichern. Auch bei seinem Arbeitgeber erkennt Torsten Wagner Unterstützungsangebote, um Beruf und Privates besser vereinbaren zu können: Es gibt ein Eltern-Kind-Arbeitszimmer und zum Beispiel auch Ferienspiele in den Sommerferien. Aber: „Da geht noch mehr!“

Der Betriebsrat betont: „Für viele Beschäftigte, gerade für die im Schichtbetrieb, ist die Lage der Arbeitszeiten häufig ein großes Problem.“ Individuelle Absprachen unter Kollegen seien zwar möglich, aber wegen geringer Personaldecke oft schwer umsetzbar. „Einige haben so gut wie kein komplett freies Wochenende“, sagt Wagner. Für Schichtler seien Modelle erforderlich, mit denen sie zwischen dieser oder jener Schicht wählen sowie der Arbeitsbeginn beziehungsweise das Arbeitsende angepasst werden könnten – ganz nach der persönlichen ­Situation und der Lebensphase des einzelnen Schichtlers. „Die Spätschicht ist nun mal sehr ungünstig, um eine Beziehung zu pflegen, gesellschaftlich aktiv zu sein oder seine Kinder zu betreuen.“

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