Licht der Zukunft

Die Aurora Lichtwerke haben eine wilde Vergangenheit hinter sich, noch im vergangenen Jahr drohte dem Leuchtenhersteller die Schließung. Jetzt hat das Werk wieder eine Zukunft. Dank einer kleinen LED-Lampe, die Viren und Bakterien zerstört.


Das soll die große Hoffnung sein? Sehr unscheinbar auf den ersten Blick, sehr unspektakulär: eine LED-Lampe, denkt man, normal groß, normal hell, nichts weiter. „Man muss sie einmal einschalten“, sagt Hubert Roßkopf da im milden Ton, in dem er auch den Unterschied zwischen Lampen und Leuchten erklärt – das ist hier wichtig, also, aufgepasst. Eine Leuchte, das ist die gesamte Konstruktion um eine Lichtquelle herum; sie besteht meist aus Halterung, Fassung, Reflektor und Abdeckung. Mit dem Begriff „Lampe“ dagegen wird die Lichtquelle, das Leuchtmittel innerhalb einer Leuchte bezeichnet. Und darauf kommt es hier an. „Das Licht kann phänomenale Dinge.“ Nämlich?

„Viren und Bakterien zerstören.“

Eichstätt in Oberbayern. Hubert Roßkopf hat sich viel Zeit genommen, um am Telefon über seinen Betrieb zu sprechen: die Aurora Lichtwerke, ein mittelgroßes Unternehmen mit rund 330 Beschäftigten und wilder, wechselvoller Vergangenheit. 1990, als Hubert Roßkopf noch nicht Betriebsratsvorsitzender war, sondern ein junger Mechaniker in der Produktion, da hieß das Unternehmen Osram und gehörte zum Siemens-Konzern. Im Werk bauten sie vor allem Halogen- und Auto- sowie Speziallampen für Projektionen und für den Fotobereich. Hubert Roßkopf legt 1994 seine Meisterprüfung ab. Er übernimmt danach einen Schichtleiterposten. LED-Lampen und Leuchten waren noch nicht erfunden. Es ist eine ruhige Zeit. Die Geschäfte laufen gut.

Spätestens Anfang der 2000er-Jahre ändert sich das. Die Lampen- und Leuchtenfertigung wandelt sich: All die Jahre zuvor war eine Leuchte nicht viel mehr als ein Blechkasten mit einer Lampe drin. Mit dem Aufkommen der LED-Technik ändert sich das fundamental. „Um LED-Lampen und Leuchten herzustellen, braucht man neue Fertigkeiten und Kenntnisse“, weiß Roßkopf. „Der Druck in der Branche wurde heftiger. Neue Mitwettbewerber kamen ins Spiel.“

Auch in Eichstätt werden die Zeiten unruhiger, lange Jahre ein Auf und Ab: 2016 schließlich wird der Betrieb von Osram abgespaltet und zunächst an ein chinesisches Konsortium verkauft. Alleiniger Eigentümer war zuletzt der chinesische LED-Produzent MLS. Dieser hatte vor, den Standort zu einem europäischen Leitwerk des Konzerns für neue Lichttechnologien auszubauen. Im März 2020 allerdings kündigte er überraschend die Schließung des Werks zum Ende des Jahres an. „Wir sind aus allen Wolken gefallen“, sagt Roßkopf. „Uns war sofort klar, dass wir für unseren Standort und für unsere Zukunft kämpfen müssen.“


Gemeinsamer Kampf gegen die Schließung

Das haben sie getan. Mit viel Kraft und großer Solidarität. Mit dem Einsatz der örtlichen Politik und der vollen Unterstützung der IG Metall. „Wir haben alle Register gezogen“, sagt Bernhard Stiedl, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ingolstadt. „Von Kundgebungen und Debatten in Aufsichtsratssitzungen mit eigenen Vorschlägen zur Fortführung des Standorts über Hintergrundgespräche mit Mandatsträgern aller politischer Entscheidungsebenen bis hin zu Solidaritätsaktionen war alles dabei.“ Hubert Roßkopf betont: „Ohne die Kolleginnen und Kollegen, ohne ihr schier unermüdliches Engagement wäre es nicht gegangen.“ Zusammen mit den Beschäftigten hat der Betriebsrat bereits ab Mitte 2019, vor der drohenden Schließung, Workshops veranstaltet, Konzepte für den Standort entwickelt, neue Produktideen ausgearbeitet. „Wir hatten eine Vorstellung davon, wie wir unseren Betrieb in die Zukunft führen können.“

Die Zukunft, die hat im August vergangenen Jahres begonnen. Da erwirbt eine Münchner Investmentgesellschaft das Eichstätter Werk und gründet die heutigen Aurora Lichtwerke. Der neue Eigentümer übernimmt alle Beschäftigten und Auszubildenden, er bekennt sich zur Tarifbindung und verpflichtet sich, im Arbeitgeberverband zu bleiben. Vor allem aber bringt er die Zukunft in den Eichstätter Betrieb. „Und das mit diesem kleinen, unscheinbaren Leuchtmittel, das gar nicht außergewöhnlich aussieht“, sagt Jana Rauch, die Vertrauenskörperleiterin am Standort.

„Wir produzieren verschiedene LED-Leuchtmittel und Leuchten mit einer patentierten Kombination von ganz speziellen blauvioletten Lichtwellenlängen“, sagt Hubert Roßkopf. Dieser Mix von Lichtwellenlängen, die teilweise in einem Bereich von 400 bis 420 Nanometer angesiedelt und daher für das menschliche Auge sichtbar sind, haben eine nützliche Eigenschaft: „Sie sind“, betont Roßkopf, „schädlich für Viren und Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze und Sporen. Die Lichtfrequenzen wirken auf die molekulare Struktur von Viren und auf den Stoffwechsel von Bakterien und Sporen und zerstören die Hülle irreversibel.“


Licht, das Viren vernichtet

Licht mit integrierter Virenbekämpfung. Das klingt, gerade in Zeiten der Pandemie, einfach genial. Aber auch ein bisschen nach Science-Fiction. „Das ist es nicht“, sagt Roßkopf. „Die Wirksamkeit des Lichts in Bezug auf Viren ist wissenschaftlich belegt.“ Verschiedene Studien, an der unter anderem das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr mitgewirkt hat, kommen zu einem klaren Schluss. Danach reduziert sich die Anzahl der SARS-CoV-2-Viren durch das Leuchtmittel nach einer Stunde um mehr als 99 Prozent. Eine andere Untersuchung durch das finnische VTT-Institut in der Krankenstation eines internationalen Flughafens ergab, dass sich die Hygiene in dem gesamten Bereich deutlich verbesserte.

Studien sind das eine. In Eichstätt hoffen sie jetzt darauf, dass ihre neue Technologie auf breites Interesse stößt. „Unser Produkt bietet eine riesige Chance, auch weil es im Unterschied zur UV-Strahlung völlig sicher für Mensch und Tier ist“, sagt Betriebsratsvorsitzender Roßkopf.

Die Einsatzmöglichkeiten sind groß: Schulzimmer, Behörden, Büros, Aufzüge. Überall dort, wo Menschen zusammenkommen, überall dort, wo es Viren und Bakterien gibt, die Gefahr der Ansteckung besteht – überall dort kann der Einsatz der LED-Leuchtmittel aus Eichstätt nützlich sein. „Wir können einen wichtigen Beitrag zur Pandemiebekämpfung und Pandemievermeidung in der Zukunft beitragen“, sagt Hubert Roßkopf. „Wir wünschen uns sehr, dass wir erfolgreich sind und unseren Standort Schritt für Schritt ausbauen können.“

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