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Geschlagen, aber nicht besiegt

Sechs Jahre lang haben Betriebsräte beim Logistik-Dienstleister Syncreon gekämpft, für menschenwürdige Arbeit und Löhne, für ihre Kollegen. Dafür nahmen sie ständig Prügel in Kauf: Lohnabzug, Abmahnungen, Kündigungen. Jetzt sind ihre Betriebe zu. Doch sie gehen aufrecht raus.


Neues Jahr, Bude zu. Der Logistik-Dienstleister Syncreon hat den Standort in Wunstorf geschlossen. Bis zu 500 Leute haben hier Autobausätze im Auftrag der Autoindustrie verpackt. Ende August 2019 haben alle die Kündigung bekommen. Kein Auftrag mehr. Aus.

Den Syncreon-Kollegen im 100 Kilometer entfernten Bremen geht es ähnlich. Dort hatte die Werkleiterin im März 2019 verkündet, dass im Juni Schluss sei.

Doch die Betriebsräte setzten durch, dass die Leute einige Monate länger dableiben. Zusätzlich bekommen alle Abfindungen nach einem Sozialplan. „Ohne Betriebsrat hätte es das nicht gegeben“, meint der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Rainer Reising aus Bremen. „Aber unseren Kampf um gute Arbeit haben wir nun doch verloren.“


 

Michael Lang war früher Teamleiter bei Syncreon. Er wollte seine Leute nicht mehr fertigmachen und wechselte in den Betriebsrat. (Foto: privat)

 

Jahrelang haben Reising und die anderen IG Metall-Betriebsräte für menschenwürdige Arbeit bei Syncreon gekämpft. Sie wollten vernünftige Lösungen und bezogen dafür massiv Prügel. Jetzt sind auch sie raus.

Als sie vor 6 Jahren anfingen, bekam ein Packer weniger als 9 Euro in der Stunde. Der Großteil musste zusätzlich Hartz IV beantragen. Und bis zu 80 Prozent der Belegschaft waren Leiharbeiter. Die Beschäftigten setzten mit der IG Metall mithilfe von Warnstreiks Tarifverträge durch. Seitdem ist Leiharbeit begrenzt – und die Löhne sind über 60 Prozent gestiegen.

Doch was sie nie geschafft haben, ist, dass Syncreon die Beschäftigten anständig behandelt. Leiharbeiter werden weiter geheuert und gefeuert. Im Standort Speyer, der weiterbesteht, wurden allein im November 97 an- und 72 abgemeldet.


Knochenjob

Und die Arbeit als Packer ist immer noch knüppelhart. „Sie haben die Stückzahl verdoppelt und verdreifacht und gesagt: Jetzt arbeitet Ihr einfach mal schneller“, berichtet Ruben Trautmann, Betriebsrat in Wunstorf. „Die Leute mussten zehn Tonnen in vier Stunden heben, vom Boden in Kisten. Die sind reihenweise krank ausgefallen. Ich habe die Gewerbeaufsicht gerufen. Aber passiert ist nichts.“

Der Arbeitsschutz wurde ständig missachtet. Hochregallager etwa wurden nicht im Boden verschraubt – oder vor den Notausgang gestellt. Am Betriebsrat vorbei.

Arbeitsunfälle wurden nicht der Berufsgenossenschaft gemeldet. Etwa der Fall der Frau auf dem Elektroschlepper. Die ­Ladung war nicht gesichert und krachte durch die Heckscheibe. Sie zogen der Frau die Scherben aus dem Kopf und schickten sie nach Hause. Erst auf Druck des Betriebsrats meldete Syncreon den Unfall. Gurte für die Ladung wollte man dennoch nicht anschaffen. „Die waren zu teuer“, erzählt Trautmann. „Die mussten wir erst über vier Tage Einigungsstelle mit einem Arbeitsrichter erkämpfen. War deutlich teurer.“


 

Ruben Trautmann setzte sich als Betriebsrat für den Schutz der Gesundheit der Beschäftigten ein. Er wurde dafür schikaniert und getreten. (Foto: privat)

 

Über 100 Verfahren beim Arbeitsgericht mussten die Betriebsräte führen, weil Syncreon konsequent Arbeitnehmerrechte missachtet. Die neue Deutschland-Personalchefin hat ihnen das bei ihrem Amtsantritt im Juni 2018 auch klar verkündet: „Das Betriebsverfassungsgesetz ist ja schon alt, da werden wir uns nicht dran halten.“

Die Personalchefin ist längst wieder weg. Das kennen die Betriebsräte so. In Wunstorf hatten sie in den letzten drei Jahren fünf verschiedene Werkleiter und neun Personaler. „Es war auch mal ein vernünftiger Werkleiter dabei“, meint Trautmann. „Der war dann ganz schnell wieder weg.“

Führungskräfte bei Syncreon müssen hart sein. Betriebsrat Michael Lang hat das früher selbst als Teamleiter in Wunstorf erfahren. „Sie wollten, dass ich immer mehr von meinen Leuten fordere und mit Kündigungen drohe. Ich habe es nicht mehr ausgehalten – und die Seite gewechselt.“

Der Wechsel hat Lang massiven Ärger eingebracht. In ein paar Tagen muss er erneut zum Gericht – obwohl er längst nicht mehr bei Syncreon arbeitet. Trotzdem wollen sie ihn nachträglich aus dem Betriebsrat herausklagen, wegen „Erpressung“ und „Nötigung“: Nach den Kündigungen im August sollten doch noch mal Leiharbeiter kommen. Lang forderte, stattdessen lieber die Festen länger zu beschäftigen, und schlug dazu eine Lösung vor.

Am liebsten hätten sie Lang direkt per einstweilige Verfügung entfernt, doch ihr Antrag scheiterte krachend vor Gericht – so wie fast immer. Das Arbeitsgericht Hannover schrieb in seinem Urteil: „Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass es die Antragstellerin [Syncreon] war, die in der Vergangenheit durch massive und klare Verstöße gegen die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats diverse Verfahren – und Kosten – produziert hat.“ Betriebsrat bei Syncreon zu sein ist kein Zuckerschlecken. Allein Reising bekam 2019 fünf Kündigungen. Die letzte wird im März verhandelt – über drei Monate nach seinem Ausscheiden. Sie ziehen es durch.


Für die Kollegen 

Doch auch die Betriebsräte haben etwas erreicht: Kurz vor Schluss haben sie mit der IG Metall nach vier Jahren Verhandlung einen Erfolg für alle Arbeitnehmer errungen: Der Bundesgerichtshof entschied, dass Leiharbeiter bei der Wahl eines Aufsichtsrats mitzählen, auch wenn sie weniger als sechs Monate da sind. Syncreon muss nun einen Aufsichtsrat mit Arbeitnehmervertretern wählen. Kein Unternehmen kann künftig mehr Leiharbeiter missbrauchen, um die Mitbestimmung auszuhebeln.

Persönlich haben Reising, Trautmann und Lang nichts gewonnen. Jeder Arbeitgeber, der sie googelt, weiß Bescheid. Aber sie haben sich nicht unterkriegen lassen. Das liegt auch daran, dass sie Hilfe gefunden haben, bei der IG Metall, bei Experten – und in Netzwerken gegen Union Busting. „Aus anderen Unternehmen kriegen wir da noch krassere Fälle mit, zugrunde gerichtete Menschen, kaputte Familien“, meint Rainer Reising. „Wir jedoch haben Widerstand geleistet – und etwas erreicht für unsere Kolleginnen und Kollegen.“
 


Union Busting: Arbeitgeber bekämpfen Betriebsräte

Immer öfter bekämpfen Arbeitgeber Gewerkschafter und Betriebsräte. Ihre Strategie ist meist, Betriebsräte und Belegschaft zu spalten nach dem Motto: „Schaut, die machen nur Ärger und kosten Euer Geld.“ Dabei sind Betriebsräte die gesetzliche Instanz, die die Arbeitnehmerrechte im Betrieb überwacht. Wer sie behindert, begeht eine Straftat – die jedoch kaum vom Staat verfolgt wird. Die IG Metall hat auf dem Gewerkschaftstag beschlossen, Betriebsräte noch mehr zu unterstützen und Union Busting noch massiver zu bekämpfen.

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