Arbeiten im Homeoffice gut gestalten

Als die Pandemie kam, wurden viele Beschäftigte von Siemens Leipzig ins Homeoffice geschickt. Dem Betriebsrat war es wichtig, dies gut zu regeln. Er startete eine Befragung. Gemeinsam fand man Lösungen. Das Ergebnis: Die Beschäftigten halten Kontakt und das Büro ist ihnen weiterhin wichtig.


Für Sven Fleißner ist diese Diskussion um mobiles Arbeiten, um Arbeiten im Homeoffice, die seit den Wochen und Monaten der Pandemie durch die Republik schwebt, keine Theorie. „Ich bin mittendrin“, sagt der 42-Jährige. „Ich spüre die Veränderungen mit Haut und Haar.“

Das ist einerseits gut, weil es Sven Fleißner hilft, seine Arbeit als Betriebsrat bei Siemens in Leipzig gut zu machen. Weil es dazu führt, dass er weiß, was es heißt, wenn der Kollege oder die Kollegin etwa über die Anstrengung spricht, die es mit sich bringt, neben der Telefonkonferenz auch Kinder, die Hausaufgaben machen, zu betreuen.

Das ist andererseits aber manchmal auch hart und sehr anstrengend. Arbeiten im Homeoffice, sagt Sven Fleißner, sei eben genau das manchmal auch: hart und sehr anstrengend. „Im März, als viele Kolleginnen und Kollegen ins Homeoffice geschickt wurden, dachten viele: Wunderbar, daheim arbeiten. Keine Anfahrt. Kein Stress. Alles einfach. Die Wirklichkeit war weit davon entfernt.“


Mobiles Arbeiten kann Freiheiten geben

Die Wirklichkeit sah für Sven Fleißner an manchen Tagen so aus: Vier Menschen von morgens bis abends unter einem Dach. Seine Frau telefoniert täglich nahezu durchgängig mit Kunden. Manchmal ist es so voll, so viel, so laut, dass er tagsüber kaum sein eigenes Wort versteht. Und abends zu müde ist, um noch groß etwas zu sprechen. „Das war so“, sagt Sven Fleißner – und betont dann, dass man das auf keinen Fall missverstehen dürfe.

Es gehe ja nicht darum, sich zu beschweren. Und ja, es sei eine gute Sache, im Homeoffice arbeiten zu können. Die Kolleginnen und Kollegen aus der Produktion, das dürfe man nicht vergessen, hatten diese Möglichkeit nicht gehabt. „Mobiles Arbeiten kann Freiheiten geben, ja“, sagt Fleißner. Es könne selbstbestimmtes Arbeiten fördern, flexible Zeiteinteilung ermöglichen. „Das alles entsteht aber nicht von allein. Es muss geregelt werden. Das war uns am Anfang in dieser Dimension nicht so bewusst.“ Am Anfang ging es darum, schnell, umfassend und wirksam auf die Coronakrise zu reagieren. 400 Menschen arbeiten bei Siemens am Standort Leipzig, rund 150 von ihnen in der Fertigung. Die Beschäftigten stellen hauptsächlich Niederspannungsschaltanlagen her. „Als die Pandemie kam, gab es die Devise: Wer immer von zu Hause aus arbeiten kann, soll das tun.“

Mitte März waren 160 von 250 Büroangestellten im Homeoffice – und Sven Fleißner und seine Kollegen im Betriebsrat kümmerten sich darum, dass das nicht überstürzt geschah. „Wir haben darauf gedrungen, dass die Beschäftigten Monitore und Bürostühle mitnehmen konnten. Es war uns wichtig, dass sie gut ausgerüstet waren.“ Und natürlich wollte der Betriebsrat wissen, wie es den Beschäftigten im Homeoffice ergeht. Im Mai starteten sie eine Onlinebefragung: Mehr als 80 Prozent der Beschäftigten gaben Auskunft. „Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen bekommen“, sagt Fleißner. „Die Beschäftigten schätzen am Homeoffice, dass dort ungestörteres Arbeiten möglich ist. Sie sind produktiver, sie können sich die Zeit einteilen. Das Ergebnis war eindeutig: Die überwältigende Mehrheit der Betroffenen befürwortet grundsätzlich Homeoffice. Insbesondere dann, wenn es sich mit Arbeitstagen im Büro abwechselt.“

Diese neuen Freiheiten sind vielen Arbeitgebern ein Graus. „Grundsätzlich gilt, dass der Arbeitgeber bestimmt, wo der Ort der Leistungserbringung ist. Um unsere gesamte Arbeitsorganisation nicht komplett durcheinanderzubringen, muss das auch so bleiben“, sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, hält dagegen: „Eine solche Herr-im-Haus-Mentalität ist echt nicht zeitgemäß. Wir fordern ein Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats über den Ort der Arbeit.“


Der Kontakt zu Kollegen und zum Büro bleibt wichtig

„Das würde in der Tat enorm helfen“, sagt Sven Fleißner. Und dann erzählt er, dass in der Befragung auch deutlich wurde, dass Arbeiten im Homeoffice an Voraussetzungen gebunden sei, damit es funktioniert: Die Kolleginnen und Kollegen bemängelten eine nicht ausreichende IT-Ausstattung, sie sprachen sich dafür aus, dass der Arbeitgeber sie mit Büroeinrichtung unterstützt. „Uns wurde in vielen Gesprächen klar, dass Arbeitsabläufe geregelt, dass Zeiten der Erreichbarkeit benannt sein müssen.“ Sonst entstehe leicht Unzufriedenheit. „Wir als Betriebsrat wollen mobiles Arbeiten am Standort gestalten.“

Fleißner ist es wichtig, dass der Betriebsrat zu den Beschäftigten im Homeoffice stetigen und guten Kontakt hält. „Das haben wir natürlich getan und dabei eine Menge erfahren.“ Viele Beschäftigte betonten, wie bedeutend für sie soziale Kontakte sind – zu Vorgesetzten und zu ihren Kolleginnen und Kollegen im Betrieb. Die Belegschaft, sagt Fleißner, hätte untereinander Kontakt gehalten: Beschäftigte aus der Auftragsabwicklung zum Beispiel hätten im Homeoffice nicht mehr, wie vor Corona, lediglich mit den Kollegen aus der Fertigung telefoniert, wenn es etwas zu regeln gab. Sie konnten sich nun, weil der Arbeitgeber eine IT-Infrastruktur aufbaute, über eingerichtete Videoplattformen austauschen.

„Es war für uns schön zu sehen, dass die Beschäftigten im Homeoffice sich nicht isolieren, dass sie den Kontakt zur Firma und zu den Kollegen dort halten.“ Den Befragten sei wichtig, auch künftig vor Ort im Betrieb zu sein. Das sei gerade jetzt wichtig: „Jetzt ist Tarifrunde“, sagt Sven Fleißner. „Ich habe den Kolleginnen und Kollegen gesagt: Raus aus dem Homeoffice, raus auf die Straße, aber natürlich mit Maske und Abstand.“

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