„Viele Zulieferer stehen zu Unrecht im Schatten“

Das Auslaufen der Verbrennertechnologie wird über Jahrzehnte erfolgen. Um in dieser Zeit Beschäftigten und Herstellern Sicherheit zu gewährleisten, geht jetzt die Best Owner Group (BOG) an den Start. Der Topmanager Frank-Jürgen Weise und sein Team sammeln für diesen Fonds nun Geld ein.

1. Dezember 20201. 12. 2020
Christoph Böckmann


Herr Weise, mit der BOG wollen Sie Zulieferer für Verbrennertechnologien kaufen, denen durch die Transformation hin zur Elektromobilität langfristig die Geschäftsgrundlage wegbricht. Warum?

Frank-Jürgen Weise: In ihren eigenen Konzernen oder bei anderen Investoren stehen solche Firmen oder Einheiten oft im Schatten – das aber zu Unrecht. Denn sie sind profitabel, haben stabile Lieferverträge, ein klar umrissenes Produktportfolio und damit auch eine über Jahre kalkulierbare Auslastung. Es ist doch so: Die großen Autohersteller werden noch über viele Jahre Teile für Verbrennermotoren brauchen. Kurz gesagt: Die BOG wird das strukturelle Problem angehen, das sich aus dem vorhersehbaren Technologiewandel in der Branche ergeben wird, nicht situative Probleme, von denen einzelne Unternehmen kurzfristig betroffen sind, so bedauernswert das in jedem Fall auch sein mag.


Sie springen also da ein, wo der Markt versagt?

Der Grundgedanke der BOG besteht darin, den massiven Umbruch in der Zulieferindustrie in den nächsten Jahrzehnten klug und im Sinne der sozialen Marktwirtschaft zu begleiten. Die BOG kann den Originalteileherstellern und Zulieferern zeitgleich Sicherheit bieten. Dafür werben wir derzeit Kapital bei privaten Investoren ein.


Ganz konkret, was bedeutet es für die Beschäftigten eines Betriebs, dessen Mehrheitsanteile Sie übernehmen?

Die Beschäftigten erhalten Sicherheit. Die langfristige Stabilität der Nachfrage – auch wenn die Absatzmengen allmählich zurückgehen – wird die BOG nutzen, um für alle Beteiligten weitsichtige Entscheidungen verlässlich zu treffen. Das heißt: Zwar werden im Bereich der Verbrennertechnologie langfristig Jobs wegfallen. Der Vorteil durch die BOG als Investor ist dann aber: Der unumgängliche Personalabbau kann durch die noch lange Zeit, die die Betriebe Verbrennerteile produzieren werden, entsprechend der Altersstruktur der Beschäftigten sozialverträglich geplant werden. Die Beschäftigten können außerdem über einen längeren Zeitraum für zukunftsfähige Tätigkeiten qualifiziert werden.


Aber jetzt mal ehrlich: Ein Fonds der Mehrheitsanteile von Betrieben kauft, das klingt wie die Beschreibung einer Heuschrecke. Ist die BOG eine Heuschrecke?

Sicher nicht und hier geht es nicht um Semantik, sondern den Kern der BOG. Es wird in gesunde Unternehmen investiert und die Investoren erhalten stabile Erträge über die gesamte Laufzeit. Und: Ein Wiederverkauf, der oft gefürchtete Exit nach wenigen Jahren und mit großer Prämie, ist gar nicht vorgesehen. Es geht also vielmehr darum, den Betrieben und Beschäftigten auf der Finanzierungsseite eine Alternative zu bieten, einen Schutz vor Übernahmen durch streitbare Hedgefonds mit zumindest zweifelhaftem Geschäftsgebaren.


Die ursprüngliche Idee kommt von der IG Metall und der IG BCE. Die BOG ist aber doch eine unabhängige Unternehmung. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Kooperation und Starthilfe für Ihren Fonds?

Wenn wir uns hinter der These versammeln, dass die Automobilbranche vor der größten Veränderung in ihrer Geschichte steht, dann bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung aller relevanten Interessengruppen, diese für Deutschland so wichtige Branche sicher und erfolgreich in die Zukunft zu führen.


Die IG Metall sitzt im Fachbeirat der BOG. Was bedeutet das für die BOG?

Die BOG verfolgt einen gemeinsamen, einvernehmlichen Ansatz, der auf dem Fundament der sozialen Marktwirtschaft steht. Deshalb ist es ebenso notwendig wie folgerichtig, die besten Experten aus Industrie und Gewerkschaften im Fachbeirat zu haben.


Woher kommt das Geld, mit dem Sie dann in Zulieferbetriebe investieren wollen?

Das Spektrum der potenziellen Investoren ist breit: Wir haben eine Reihe guter Gespräche mit institutionellen Investoren, die infrage kommen: Vor allem sind das Pensionskassen, Versicherungsgruppen, Mittelstandsinvestoren oder Family Offices. Einige der Pensionsfonds kommen übrigens aus der Automobilindustrie selbst. Alle Interessenten haben eins gemeinsam, das zeigt das bisherige Feedback: Sie durchdringen das Konzept der BOG und schätzen stabile, langfristige Erträge.


Auch große Autohersteller sollten den Fonds und damit die Zulieferer unterstützen. Können Sie verhindern, dass die dann nur ihre eigenen Zulieferer retten wollen?

Die Frage nach den großen Herstellern ist legitim – allerdings ist nach den Statuten des Fonds eine direkte Einflussnahme einzelner Investoren auf die Investitionsentscheidungen des Fonds ausgeschlossen. Das würde auch von den übrigen Investoren nicht hingenommen werden.


Alles, was Sie bisher aufgezählt haben, ist privates Geld. Ist staatliches Geld nicht erwünscht?

Das BOG-Konzept schließt das nicht aus, denn der Strukturwandel, den wir sozialmarktwirtschaftlich gestalten wollen, ist ja durchaus auch durch politische Entscheidungen in Brüssel und Berlin getrieben und beschleunigt.


Was bekommen die Investoren?

Die Investoren können während der vorgesehenen langen Laufzeit von mindestens 20 Jahren mit jährlichen Dividendenausschüttungen auf ihr eingesetztes Kapital rechnen. Aber: Am Ende gibt es keinen Exit und damit auch nicht noch mal Geld zurück.


Wer entscheidet, welches Unternehmen gekauft wird und welches nicht?

Die BOG Capital hat eine Reihe von Experten, die in der Auswahl und dem Management von Beteiligungen sehr versiert und erfahren sind. Im Fokus stehen Unternehmen, die heute schon profitabel sind und belastbare Lieferverpflichtungen für die nächsten Jahrzehnte haben. 


Wie viel Geld haben Sie bereits eingesammelt?

Es gibt Zusagen in Höhe von etwa 100 Millionen Euro. Wir sind allerdings noch in der Vorvermarktungsphase, denn zunächst müssen alle regulatorischen Voraussetzungen für den Fonds geschaffen sein. Das soll bis Jahresende geschehen, um ab 2021 aktiv investieren zu können.
 

Ein Fonds zum Schutz von Beschäftigten und Betrieben

  • Die Best Owner Group (BOG) ist ein Fonds, der ab kommendem Jahr Zuliefererunternehmen für Verbrennertechnologie mehrheitlich übernehmen wird, weil diese sich perspektivisch verkleinern müssen. Beschäftigten und Autoherstellern bringt das Sicherheit.
  • Geleitet wird der Fonds von Frank-Jürgen Weise und Bernd Bohr, ehemaliger Vorstand der Fahrzeugsparte von Bosch, sowie einem Team erfahrener Experten und Expertinnen aus Industrie und Kapitalmarkt.
  • Frank-Jürgen Weise war zuvor unter anderem Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit sowie Vorstand des Autozulieferers FAG Automobiltechnik.

 


 

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