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Schöne neue Arbeitswelt

Der Einzug digitaler Technologien und agiler Arbeitsformen in Werkshallen und Büros ist oftmals verbunden mit der Hoffnung auf eine humanere Arbeitswelt. Die aber kommt nicht von allein. Klar ist: Neue Präventionsstrategien müssen entwickelt werden.


Ja, stimmt, sagt Silke Boldt, arbeiten in agilen Teams, die selbst darüber entscheiden, wann und wie sie welche Arbeitsschritte angehen, das hört sich gut an. Und, ja, auch richtig, wenn Kolleginnen und Kollegen gemeinsam diskutieren, wie sie ihre Woche organisieren und danach dann das Volumen der Arbeit angepasst und festgelegt wird, dann klingt das erstmal toll.

„Aber es reicht eben nicht, dass etwas nur gut klingt, wenn wir über neue Arbeitsformen sprechen“, sagt Silke Boldt und atmet hörbar aus. Seit 1986 arbeitet die 58-Jährige bei Dräger in Lübeck, seit 1990 ist sie Betriebsrätin, seit 16 Jahren kümmert sie sich als Schwerbehindertenvertreterin um Kolleginnen und Kollegen mit Behinderungen – und in all den Jahren sind ihr schon viele wohlklingende Begriffe um die Ohren geflogen. „Am Ende interessiert mich einzig, ob eine neue Arbeitsform auch für die Beschäftigten funktioniert. Für sie dürfen keine neuen Belastungen entstehen.“

Das kann, wenn man nicht aufpasst, schnell geschehen. Bei Dräger in Lübeck zum Beispiel arbeiten rund 640 der 1500 Beschäftigten, die in der Produktion Geräte aus der Medizin- und Sicherheitstechnik herstellen, nun in kleinen Gruppen und Teams. Und diese arbeiten agil. Das bedeutet, dass die Gruppensprecher sich jeden Morgen um ein Dashboard zur Konferenz gruppieren. Dass sie dort besprechen, was zu tun ist. Als Gruppe. Dass sie eigenständig einen Plan festlegen, die Arbeit der Woche organisieren – und diese nach eigenen Vorgaben abarbeiten. Ist das Dashboard leer, dann ist die Arbeit der Woche getan. Dann ist Luft zum Durchatmen. Es könnte ein selbstbestimmtes Arbeiten sein, ein angenehmes.

Könnte.

In Wirklichkeit ist es so, dass die Krankenquote in der Produktion gerade in den Bereichen besonders hoch ist, in denen in kleinen Teams gearbeitet wird. Sie liegt dort bei acht bis neun Prozent. In Wahrheit ist es so, dass viele Kolleginnen und Kollegen zu Silke Boldt kommen und klagen. Darüber, dass sie schlecht schlafen können, darüber, dass sie sich gehetzt und erschöpft zugleich fühlen – wie ausgebrannt. Weil sich doch von außen eingemischt wird, weil die Planungen doch umgeschmissen wurden, weil doch neue Aufträge reingekippt werden. „Damit ist es mit der Selbstbestimmung dann vorbei, das erzeugt psychische Belastungen“, sagt Silke Boldt. „Es muss endlich mit der Vorstellung aufgeräumt werden, dass agile Arbeitsmethoden und neue Technologien automatisch zu einer Arbeitswelt ohne übermäßige Belastungen führen. Dem ist nicht so.“


 

Bei Schaeffler in Erlangen haben die Betriebsrat und Beschäftigte agile Arbeitsformen und neue Büroraumkonzepte umgesetzt. (Foto: Schaeffler Sondermaschinenbau)


Neue Belastungen

Eher gilt das Gegenteil, denn mittlerweile ist klar: Im Zuge der Digitalisierung kommen neue Belastungen auf die Beschäftigten hinzu. Das zeigt etwa der Transformationsatlas, den die IG Metall erstellt hat. Für den Transformationsatlas wurden Betriebsräte und Vertrauensleute aus knapp 2000 Betrieben zur künftigen Entwicklung ihres Unternehmens befragt. 77 Prozent gehen davon aus, dass mit der Digitalisierung neue Arbeitsbelastungen entstehen. Fast die Hälfte, 46 Prozent der Betriebe verbindet mit der Transformation eher Risiken hinsichtlich der Entwicklung von Arbeitsbelastungen. Chancen sehen 18 Prozent, 36 Prozent sind unsicher. Die Folgen sind nicht zu unterschätzen: Psychische Belastungen, das haben wissenschaftliche Studien belegt, können krank machen. Und zwar an Körper und Seele.

„Die neuen digitalen Technologien werden allzu oft mit der trügerischen Hoffnung auf eine humanere Arbeitswelt verbunden“, sagt Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. „Einerseits sind die körperlichen Belastungen bis heute auf hohem Niveau, gleichzeitig nehmen psychische Belastungen und daraus resultierende Erkrankungen deutlich zu. Daher ist die Entwicklung neuer Präventionsstrategien zwingend geboten.“

Gerade die Verhältnisprävention, also die Gestaltung der Arbeitsplätze, müsse aufgewertet werden. „Insbesondere die Ermittlung und Beurteilung von Gefährdungen muss vorausschauend angelegt sein, damit gesundheitsgefährdende Belastungskonstellationen gar nicht erst entstehen“, so Hans-Jürgen Urban.


Gezielte Maßnahmen

Bei Dräger in Lübeck machen sie genau dies: eine vorausschauende Beurteilung von Gefährdungen, die es möglich macht, rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen. „Wir haben herausgefunden, dass viele Belastungen einerseits in der Gruppe selbst entstehen und andererseits durch unklare Rollenverteilungen, unartikulierte Erwartungen und falsches Führungsverhalten verursacht werden“, sagt Silke Boldt. „An diesen Punkten können wir ansetzen.“

Konkret bedeutet das, dass Silke Boldt und ihr Team in Produktionsgruppen gehen, dass sie die Beschäftigten beteiligen, mit ihnen sprechen – über gegenseitige Erwartungen und Enttäuschungen, darüber, dass Selbststeuerung gut klingt und gut ist, dass sie aber auch gelernt werden muss. „Gute Arbeit lässt sich nur unter Einbindung der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen erreichen“, sagt Hans-Jürgen Urban.

„Die Kolleginnen und Kollegen müssen sich selbst ermächtigen“, sagt Silke Boldt, „sie müssen hinter ihren Beschlüssen stehen, sie dürfen sich von Führungskräften nicht aus dem Tritt bringen lassen.“ Und die Führungskräfte müssten lernen, weniger zu kontrollieren und Freiheit zuzulassen. Nur so könnten Räume entstehen, in denen eigenverantwortlich und ohne übermäßige Belastungen gearbeitet werden könne.

Aber natürlich, sagt Silke Boldt, sei nicht einzig und allein eine gute Arbeitsorganisation wichtig. Wichtig seien auch gute Arbeitsräume. Und genau an dieser Stelle kommt Peter Neubauer ins Spiel.

Peter Neubauer ist 41 Jahre alt und Betriebsrat beim Automobilzulieferer Schaeffler in Herzogenaurach. Rund 11 000 Menschen arbeiten am Standort, 65 Prozent von ihnen außerhalb der Produktion. Seit Langem schon arbeiten ganze Abteilungen mit agilen Methoden – und von Anfang an war Peter Neubauer klar, dass das Einführen neuer Arbeitsformen einhergehen muss mit der Gestaltung neuer Arbeitsplätze. „Agile Arbeitsformen und innovative Büroraumkonzepte müssen Hand in Hand gehen“, sagt er. „Vor allem muss sichergestellt sein, dass die Regeln und Richtlinien etwa zur Gestaltung von Arbeitsstätten auch in der digitalen Arbeitswelt gelten.“


Gemeinsam umsetzen

Ein paar Kilometer vom Standort in Herzogenaurach entfernt, in Erlangen, haben Neubauer und sein Team gezeigt, wie es gehen kann: Eine alte Halle wurde dort vollständig umgebaut, zu einer Arbeitsstätte, in der 570 Beschäftigte im Bereich des Sondermaschinenbaus arbeiten, Entwickler oben, Kollegen der Produktion in der unteren Ebene. Hier ist es gelungen, die neue agile Arbeitswelt mit den grundlegenden Regeln des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu verbinden.

Wie das aussieht? Stylish, hübsches Interieur, doch das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass zwar ein Desk-Sharing-Modell durchgesetzt wurde, es nun rechnerisch nicht mehr für jeden Beschäftigten einen eigenen Arbeitsplatz gibt – dass diese Maßnahme aber nicht über Abteilungen übergestülpt und zudem von weiteren Maßnahmen begleitet wurde. „Jeder Bereich hat selbst analysiert, ob sich Desk-Sharing für seine Arbeitssituation eignet. Das lief alles beteiligungsorientiert. Dann haben wir eine gute Home-Office-Regelung abgeschlossen, die den Beschäftigten Freiräume gibt“, sagt Peter Neubauer. Schließlich wurde, unterstützt vom Betriebsrat, das Büroraumkonzept ausgearbeitet und umgesetzt: Büroflächen, die Platz zum ungestörten Arbeiten wie zum Konferieren bieten, die viele Rückzugsmöglichkeiten haben und dabei so offen gestaltet sind, dass sie die Kommunikation fördern.

„Wir haben darauf geachtet, dass alle Anforderungen an die Raumabmessung, an die Verkehrs- und Fluchtwege eingehalten, dass alle Aspekte zur Beleuchtung, zur Raumtemperatur und Akustik beachtet und alle Gestaltungsregelungen für Bildschirm- und Büroarbeitsplätze umgesetzt werden“, sagt Peter Neubauer. Eine harte, aufreibende Arbeit sei das manchmal gewesen, das schon. „Aber sie hat sich gelohnt.“

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