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Wir brauchen kühle Köpfe und heiße Herzen

Bericht aus Bezirk BayernWohin steuern bei den Umwälzungen unsere Jobs? Bayerns IG Metall-Bezirksleiter Johann Horn sagt, was und wer sich jetzt bewegen muss.


Wie werden wir in Bayern in zehn Jahren arbeiten?

Johann Horn: Eine Glaskugel habe ich nicht und ich bin auch kein Fan von Horrorfilmen. Aber schon der Blick aus dem Fenster zeigt: Die Umwälzungen in der Autoindustrie und mit der weiteren Digitalisierung sind gewaltig. Wir stehen am Scheideweg und haben noch die Wahl zwischen Fort- und Rückschritt. Ein Beispiel: Die mitdenkende Fabrik etwa kann das Arbeiten einfacher und gesünder machen – oder den Menschen zum austauschbaren Arbeitsobjekt. Der Wandel in der Industrie ist keine Naturkatastrophe, sondern steuerbar. Also: Der Wandel wird dann gut, wenn der Beschäftigte im Mittelpunkt steht.

 

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Sieht den Wandel als Chance für ein besseres Arbeiten: Johann Horn


Welche Signale kommen hier von der Regierung?

Da will die bayerische Staatsregierung etwa im Auftrag der Arbeitgeberlobby das Arbeitszeitgesetz rupfen oder gar ein Bündnis für mehr Freiheit in der Wirtschaft schmieden. Wie absurd! Niemand in diesem Land ist freier als die Wirtschaft. Andererseits erleben wir eine Staatskanzlei, die unsere Initiative eines Zukunftsforums für die Automobilindustrie fortführt. Das kann gut für Beschäftigte werden. Nicht gut wäre eine Schaufensterveranstaltung.


Wie erlebst Du hier die Unternehmen?

Kurzsichtig und geradezu selbstzerstörerisch ist, wer jetzt wieder kurzfristige Profite über die Perspektive für ein langfristiges und nachhaltiges Wirtschaften stellt. Wer beim Diesel betrogen hat, darf nicht seine Beschäftigten dafür bestrafen. Wer durch die Digitalisierung noch produktiver wird, muss auch die Beschäftigten mit besseren Arbeitsbedingungen, mehr Geld und mehr Zeit davon profitieren lassen. Ich bin überzeugt davon: Umwelt- und Klimaschutz können zur Jobmaschine werden.


Also ist Elektromobilität die Antwort?

Hier ist die Welt weiter als wir und der Verbrennungsmotor wird uns nicht ewig so erhalten bleiben. Für saubere E-Autos muss auch der Strom sauber sein, ihre Rohstoffe und ihre Entsorgung. Darum sehe ich nicht die einzig wahre Lösung, sondern einen passgenauen Mix: Hier der hocheffiziente Verbrenner mit alternativen Kraftstoffen, dort verschiedene Antriebssysteme. Und beides in modernen, vernetzten Verkehrssystemen. In die Zukunft führen uns nicht ein paar E-Autos für Millionäre, sondern bezahlbare Mobilität für Millionen. Wer jetzt nicht massiv investiert, lässt andere für sich bezahlen: die Beschäftigten mit ihren Arbeitsplätzen.


Was bedeutet das jetzt für die Beschäftigten?

Ich spüre und verstehe die große Verunsicherung. Darum nehmen wir als IG Metall aktuell die einzelnen Betriebe für einen Transformationsatlas unter die Lupe. Wir wollen Antworten: Wo und was ändert sich im Unternehmen? Wo gibt es Zukunftskonzepte und wo nicht? Die Menschen wissen genau: Wenn es nur nach den Unternehmen geht, werden die von ihnen er wirtschafteten Profite abgeschöpft und der Wert einer Arbeitskraft richtet sich nach ihrem aktuellen Nutzwert. Das ist das Gegenteil davon, was sie mit der IG Metall in den vergangenen Tarifrunden erkämpft haben: mehr Selbstbestimmung, mehr Bildungschancen, mehr Sicherheit, mehr vom Kuchen.


Was brauchen wir, um da auch in Zukunft stark zu sein?

Kühle Köpfe und heiße Herzen. Unser heißes Herz zeigen wir am 29. Juni, wenn wir mit tausenden bayerischen Kolleginnen und Kollegen bei unserer zentralen Kundgebung in Berlin Politik und Unternehmen aufwecken. Und kühle Köpfe, wenn es um jeden einzelnen Betrieb und die Zukunft der Beschäftigten geht. Und bei allem Respekt: Kein Unternehmer kann so schlau sein wie seine Beschäftigten. Deshalb brauchen wir gerade bei den tiefgreifenden Änderungen jetzt mehr Demokratie statt einsame Entscheidungen: mehr Mitbestimmung auch in kleineren Unternehmen, mehr Mitsprache der Betriebsräte und Beschäftigten.


Was heißt das konkret?

Warum sollen Betriebsräte im Sinne einer Wirtschaftsdemokratie nicht auch über Produkte an den Standorten, Investitionen und Innovationen mitbestimmen? Unser Interesse ist: Beschäftigung und das zu guten Bedingungen. Sozial, ökologisch und demokratisch. An mehr Demokratie führt kein Weg vorbei: Über wessen Kopf hinweg bestimmt wird, der wendet sich ab – vom Unternehmen, aber auch gesellschaftlich.


Unternehmen drohen dann gerne damit, ins Ausland zu verlagern...

Ja, das Kapital ist schon längst international und versucht mit einer Abwärtsspirale bei den Arbeitsbedingungen Länder und Standorte gegeneinander auszuspielen. Deshalb arbeiten wir als IG Metall Bayern immer enger mit ost- und südeuropäischen Gewerkschaften zusammen. Mein Traum: europäische Tarifverträge. Dafür arbeite ich.

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