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Foto: DIW

Klima-Experte im Interview

"Die Märkte der Zukunft bedienen"

07.12.2015 Ι Standorte fit machen, in neue Technologien investieren: Der Energieexperte Karsten Neuhoff hat klare Vorstellungen davon, wie Unternehmen auf den Klimawandel reagieren sollten. Im Interview erklärt er, wo die größten Chancen liegen.

Herr Neuhoff, ist Klimaschutz für die deutsche Industrie ein Job-Killer oder ein Job-Maschine?

Karsten Neuhoff: Es gibt den internationalen Entschluss, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Das bedeutet für die Industrie Veränderungen. Wer jetzt Investitionen in neue Technologien tätigt, kann die Märkte der Zukunft bedienen. Was wir brauchen sind klare Rahmenbedingungen für die Dekarbonisierung der Wirtschaft. Ohne verlässlichen Rahmen werden in vielen Bereichen keine Investitionen stattfinden. Das wäre mittel- und langfristig ein Risiko für die deutsche Industrie.

 

Wie muss der Umbau der Industrie ablaufen, damit es keine negativen Beschäftigungseffekte gibt?

In der Industrie wird es die größten Veränderungen dort geben, wo die Emissionen am größten sind. Das betrifft vor allem Hersteller und Nutzer von Grundstoffen, zum Beispiel Stahl. Solche Materialien werden auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Aber fest steht: Zement- und Stahlproduktion stehen heute für rund 38 Prozent der gesamten Industrie-Emissionen. Dort gibt es also großes Potential für neue Technologien. Das geht nicht ohne die Unternehmen. Aber die Unternehmen können auch nicht investieren, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen fehlen. Hilfreich sind zum Beispiel Mechanismen zur Innovationsförderung.

 

 

 

Zur Person:

Karsten Neuhoff ist Professor für Energie- und Klimapolitik an der Technischen Universität Berlin. Zudem leitet er die Abteilung Klimapolitik  am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).


Mit den Windkraft-Firmen ist eine komplett neue Branche entstanden. Wie gelingt die Umwandlung von traditionellen Industrien in "grüne" Industrien?

Auf europäischer Ebene gibt es die sogenannten "Road Maps". Dort haben verschiedene Branchen gezeigt, wie sie ihre Produkte bis 2050 mit 80 Prozent weniger CO2-Austoß herstellen könnten. Es ist also möglich. Die größte Herausforderung gibt es in Regionen, in denen viel Expertise im Materialsektor existiert. Schaffen es die Unternehmen dort, neue Herstellungsprozesse und Materialien zu entwickeln und herzustellen? Oder wird die Innovation an anderen Orten stattfinden? Die Unternehmen müssen ihre Chancen  in den neuen Bereichen erkennen und nutzen und sollten nicht defensiv agieren.


Neue und ökologische Produkte bedeuten auch neue Märkte?

Ja. Die Nachfrage nach Stahl und Zement ist in Europa in den vergangenen Jahren gefallen. Das heißt, die Produzenten können die Nachfrage mit den vorhandenen Anlagen decken. Das schafft keine langfristigen Absatzchancen oder gar Sicherheit für die Standorte und die Beschäftigten. Besser ist es, zu investieren und die Standorte fit zu machen für neue Herausforderungen und Möglichkeiten.


Was erwarten sie vom Klimagipfel in Paris?

Es wird keine einheitlichen Maßnahmen aller Staaten geben. Dazu sind die Staaten zu verschieden. Es geht darum, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Den Graubereich kann man positiv interpretieren und sagen: Wir sind dabei und leisten unseren Beitrag. Oder man kann sagen: Manche anderen machen nicht so viel für den Klimaschutz, also müssen wir auch nicht so viel machen. Ich hoffe auf deutliche Signale aus Paris. Aber noch spannender und wichtiger ist, wie Unternehmen reagieren.


Sie wollen den Emissionshandel in der EU reformieren. Wie genau?

Der Emissionshandel wurde eingeführt, damit CO2-Emissisonen einen Preis haben und Marktteilnehmer einen Anreiz erhalten, in CO2-arme Technologien zu investieren. Besonders energieintensive Unternehmen erhalten CO2-Zertifikate praktisch umsonst, weil bei ihnen sonst die Gefahr der Verlagerung besteht. Nur ein kleiner Teil des CO2-Preises wird an die Wertschöpfungskette weitergegeben. Das könnte man kompensieren, indem man eine sogenannte Konsumabgabe einführt. Die Nutzer energieintensiver Materialien müssten ebenfalls zahlen. Die Abgabe könnte auf EU-Ebene den Emissionshandel ergänzen.


Was soll diese Abgabe bewirken?

Das Preissignal für CO2-intensive Produkte würde auch für die Zwischen- und Endkunden sichtbar. Die Nachfrage würde ökologisch gesteuert: Im Maschinenbau gäbe es einen größeren Anreiz, Materialien effizient zu nutzen. Im Gebäudebau gäbe es einen größeren Anreiz neue Materialien zu verwenden. Und alle Akteure haben klare Anreize für Investitionen in klimafreundlichere Technologien.

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