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Demo vor Staatskanzlei in Düsseldorf
thyssenkrupp Steel: Jetzt muss der Staat einsteigen

IG Metall und Beschäftigte fordern eine staatliche Beteiligung an thyssenkrupp Steel. Es geht um die Zukunft von 27 000 Beschäftigten sowie um die Zukunft des Klimaschutzes und des Industriestandorts Deutschland.


Über 3000 Beschäftigte von thyssenkrupp Steel zogen heute vor die Düsseldorfer Staatskanzlei. „Jetzt muss der Staat ran“, war ihre Forderung. Die Stahlarbeiterinnen und Stahlarbeiter haben über Jahre alles getan, um den Konzern zu stützen. Sie machten Restrukturierungen mit, übten Verzicht und schufteten immer hart. Aber sie alleine haben es nicht mehr in der Hand. Die Coronakrise trifft das Unternehmen hart. Jetzt muss der Staat einsteigen, fordern deswegen IG Metall, Betriebsrat und Beschäftigte. Der Staat kann so die Zukunft von 27 000 Beschäftigten sowie die Zukunft des Klimaschutzes und des Industriestandorts Deutschland sichern.

Noch zu Beginn des Jahres sah es eigentlich ganz gut für den Konzern aus. Der Verkauft der Aufzugssparte spülte Geld in die Kassen. Die IG Metall und der Betriebsrat konnten gemeinsam einen Zukunftstarifvertrag mit thyssenkrupp Steel aushandeln, der für einen großen Teil der Beschäftigten Sicherheit durch den Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen bis 2026 und festgeschriebene Investitionen bedeutete. Doch dann, dann kam Corona.


10 Milliarden für klimaneutrale Stahlproduktion

Das Virus und die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise machen es thyssenkrupp Steel unmöglich, seine anstehende Transformation anzugehen. Der Konzern hat eigentlich eine Mammutaufgabe vor sich, wie die anderen Stahlhütten in Deutschland auch: Sie müssen ihre Stahlproduktion auf klimaneutral trimmen. Dafür brauchen sie neue Anlagen. Langfristig gesehen müssen sie die Hochöfen durch Direktreduktionsanlagen ersetzen. Das kostet jede Menge Geld. 10 Milliarden Euro wird der Umbau mindestens kosten, schätzt thyssenkrupp Steel. Geld, das das Unternehmen nicht mehr hat. Denn Corona verbrennt jeden Tag Cash. Die Auftragsbücher sind leer. Die größten Kunden des Stahlherstellers kommen aus der Autoindustrie. Doch der Absatz von Neuwagen ist seit Monaten massiv eingebrochen und so bestellen die Hersteller natürlich auch viel weniger an Rohmaterial bei thyssenkrupp Steel.

Beim von „Vorerkrankungen geplagten“ Risikopatienten thyssenkrupp Steel gibt es jetzt nur noch eine Medizin, die wirken würde: Ein verlässlicher Partner muss her. Doch der ist nicht in Sicht. Jürgen Kerner, Hauptkassierer der IG Metall und Aufsichtsratsmitglied bei der thyssenkrupp AG, erklärt: „Wir lehnen eine Übernahme aus dem Ausland nach wie vor ab. Um die vielfältigen Probleme zu lösen, braucht thyssenkrupp steel keinen neuen Eigentümer, sondern Kapital. Insbesondere die Umstellung auf klimaneutrale Stahlproduktion erfordert Investitionen, die kein Unternehmen der Branche stemmen kann.“ thyssenkrupp steel sei nicht irgendein Unternehmen, sondern für den Industriestandort Deutschland systemrelevant und sichere die Existenz von zehntausenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Für eine sichere Zukunftsperspektive des Unternehmens und der Arbeitsplätze dort wird es ohne die Hilfe des Staates nicht gehen. Eine Übernahme aus dem Ausland ist keine Alternative dazu.


Klimaschutz geht nur mit Stahl aus Deutschland

Die Lage ist also dramatisch und das aus drei Gründen: Es geht um die Zukunft von 27 000 Beschäftigten und weitere 150 000 indirekt betroffene Arbeitsplätze. Es geht um die Zukunft des Klimaschutzes. Und es geht um die Zukunft der Stahlindustrie, die für Deutschland systemrelevant ist und von der thyssenkrupp Steel einen riesen Teil ausmacht.

Doch warum ist thyssenkrupp Steel für den Klimaschutz wichtig und warum ist die Stahlbranche systemrelevant? Zum Klimaschutz: Die heimischen Stahlhersteller können es schaffen, klimaneutral Stahl zu produzieren, nur muss der Staat die Unternehmen dabei unterstützen. Lässt er die Branche sterben, dann kommt der Stahl künftig aus China, Russland oder der Türkei. Klimaneutral produziert wird er dann aber nicht sein, ganz im Gegenteil. Daraus folgt: Der Klimawandel wird sich nur aufhalten lassen, wenn Deutschland seine Unternehmen bei der klimaneutralen Stahlproduktion unterstützt.


Stahl ist systemrelevant

Und warum ist die vergleichsweise kleine Stahlbranche systemrelevant? Die Antwort ist einfach: Die geschlossene Wertschöpfungskette von der Grundstoffindustrie bis zum fertigen High-End-Produkt, wie zum Beispiel dem Automobil oder im Maschinen- und Anlagenbau würde massiv gefährdet, wenn man sich von der Stahlindustrie verabschiedet. Alles klar oder war das zu abstrakt formuliert? Tekin Nasikkol, Betriebsratsvorsitzender von Thyssen-Krupp Steel, kann es ganz anschaulich machen: „Wenn VW einen neuen Golf konstruiert, kommen die zu uns, um die Außenhaut zu planen. Wir wissen also zwei, drei Jahre bevor ein neues Modell vom Band läuft, wie es aus­sieht. Da braucht es Vertrauen und verlässliche Zusammen­arbeit. Wenn es keine Stahlproduktion in Deutschland gäbe, müssten das die Autohersteller zum Beispiel mit den Chine­sen machen. Ich glaube kaum, dass sie das wollen.“


Staatliche Beteiligungen sind eine gängige Praxis

Für die Zukunft von 27 000 Beschäftigten bei thyssenkrupp Steel, für den Klimaschutz und für den Erhalt geschlossener Wertschöpfungsketten kann es also nur eine Lösung geben: Der Staat muss bei thyssenkrupp Steel einsteigen. Aber wie könnte das konkret aussehen? Die staatliche Beteiligung ist in der Stahlindustrie überhaupt nichts ungewöhnliches: Niedersachsen ist an der Salzgitter AG beteiligt, das Saarland war an Saarstahl beteiligt und hat seine Anteile in eine Stiftung überführt. „Schaut man sich die Landschaft der Stahlunternehmen in Deutschland an, liegt eine Beteiligung des Landes NRW an thyssenkrupp Steel auf der Hand“, betont Kerner.

Bislang hat sich NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zwar schon dazu bereit erklärt, thyssenkrupp Steel beim Umbau hin zur klimaneutralen Produktion helfen zu wollen, gegen eine Beteiligung wehrt er sich aber noch. Doch wenn er heute vor seine Staatskanzlei schaut, sieht er was er für sein Geld bekommen würde: Zukunft. Zukunft für 27 000 Beschäftigte, für eine klimaneutrale Stahlproduktion und für den Industriestandort NRW und Deutschland. Eine bessere Investition kann es wohl kaum geben.

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