Offshore-Windkraft: Wind Mulitiplikator
Offshore-Windkraft boomt – Reiches „Netzpaket“ bedroht Zukunft

14,4 Prozent mehr Geld beim Offshore-Windkraftdienstleister Wind Multiplikator dank Tarifvertrag. Das Unternehmen wächst und sucht Fachkräfte. Doch Pläne von Wirtschaftsministerin Reiche bedrohen die Branche. Bei der Maritimen Konferenz nahmen die Beschäftigten Bundeskanzler Merz in die Pflicht.

5. Mai 20265. 5. 2026


Drinnen in der Nordseehalle in Emden berät Bundeskanzler Merz auf der Nationalen Maritimen Konferenz mit Unternehmen und der IG Metall über die Zukunft der maritimen Industrie. Draußen haben sich Demonstranten Merz-Masken aufgesetzt, mit langen Pinocchio-Nasen. Sie demonstrieren für den Erhalt des Sozialstaats – „Rote Karte dem Kahlschlag“ steht auf ihren Transparenten – und für die Zukunft von Schiffbau, Meerestechnik und Offshore-Windkraftindustrie.

Bei der Demo und auf der Konferenz sind auch die Beschäftigten des Offshore-Windkraftdienstleisters Wind Multiplikator. Anfang 2025 haben die Beschäftigten gemeinsam mit der IG Metall Lohnerhöhungen von insgesamt 14,4 Prozent in 20 Monaten durchgesetzt. Die Branche boomt, Wind Multiplikator wächst und stellt ein. Doch der Boom könnte schnell wieder vorbei sein, denn die Pläne von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bedrohen die Offshore-Windkraft. Die Beschäftigten fordern ein klares Bekenntnis vom Kanzler.

 

Demo vor der Nationalen Maritimen Konferenz in Emden


Mit Tarif mehr Fachkräfte gewinnen

Die Beschäftigten von Wind Multiplikator warten Offshore-Windräder weit draußen in der Nordsee, reparieren, tauschen aus. Die Servicetechniker sind dazu 15 Tage am Stück auf dem Schiff – und arbeiten dort in 12-Stunden-Schichten, nach einer speziellen Offshore-Arbeitszeitverordnung. Danach haben sie 13 Tage frei. Für größere Instandhaltungen demontieren und montieren sie tonnenschwere Naben, Gondeln und Flügel – und transportieren sie in die große Halle am Emdener Freihafen zu ihren Onshore-Kollegen.

Das Unternehmen hat weitere Windparks dazugewonnen – jetzt sind es fünf – und wächst: von 175 Beschäftigten 2021 auf heute 420. Und es sollen weitere 30 bis 50 eingestellt werden. Wind Multiplikator sucht dafür dringend Fachkräfte.

Bei der Suche nach Fachkräften hilft ihnen ihr neuer Tarifvertrag: Die erste Tariferhöhung von 4 Prozent gab es im Mai 2025, die zweite von 6,6 Prozent kommt jetzt im Juni. Ab Januar 2027 gelten dann die Tarif-Grundentgelte der Metall- und Elektroindustrie. Noch vor fünf Jahren bekamen Servicetechniker hier oft noch deutlich unter 3000 Euro brutto im Monat. Jetzt sind es fast 4000 Euro.

Arbeit beim Offshore-Dienstleister Wind Multiplikator

Gondel eines Offshore-Windrads in der Halle von Wind-Multiplikator in Emden

Wartung einer Nabe eines Offshore-Windrads bei Wind Multiplikator in Emden

Beschäftigte beladen das Arbeitsschiff „Norwind Maestro“. 15 Tage am Stück bleiben sie auf See.

Servicetechniker von Wind Multiplikator in Emden gehen an Bord des Arbeitsschiffs „Norwind Maestro“

Großkomponenten werden von den Offshore-Windrädern abmontiert und zur Halle in Emden transportiert

Großkomponenten werden mit einer „Jack-up-Barge“ vom Windrad abmontiert

Warnstreik bei Wind Multiplikator auf dem Arbeitsschiff

Warnstreik bei Wind Multiplikator vor der Halle

14,4% mehr Geld bei Wind Multiplikator - ab Januar 2027 Metall-Tarif

Die Arbeit in der Offshore-Windkraft wird besser, attraktiver. Neben Wind Multiplikator hat die IG Metall Emden vor zwei Jahren bereits beim Offshore-Windpark-Betreiber Ørsted einen Tarifvertrag durchgesetzt.

Und die Arbeitsbedingungen im Offshore-Service insgesamt haben sich deutlich verbessert: In den Anfangszeiten mussten sich bis zu vier Mann eine Kabine teilen, oft auf provisorisch umgebauten alten Pötten. Heute sieht das ganz anders aus. „Das liegt vor allem auch am Druck der IG Metall“, meint Henrik Köller, der bei der IG Metall Emden die Windbranche betreut. Unter anderem wurden die Standards bei der Arbeitssicherheit deutlich verbessert und die Kontrollen der Gewerbeaufsicht ausgebaut.

Nun fordert die IG Metall auch ein modernes Konzept für die Offshore-Rettung, etwa Helikopter, die rund um die Uhr für die Rettung verunglückter Offshore-Servicetechniker*innen zur Verfügung stehen. „Hier ist es wichtig, dass Bund und Länder zügig eine gemeinsame Regelung einer modernen Rettungsstruktur und ihrer Finanzierung treffen“, meint Thomas Preuß, Geschäftsführer der IG Metall Emden. „Hier geht es nicht nur um Profite, sondern um die Sicherheit der Kolleginnen und Kollegen.“


Pläne von Reiche bedrohen Offshore-Windkraft

Die Offshore-Windkraft boomt. Doch der Boom wird nun durch das geplante „Netzpaket“ von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bedroht, das Risiken zu den Windkraft-Betreibern verschiebt und dadurch Investitionen gefährdet. Die Beschäftigten sehen Parallelen zum Abwürgen der Solarindustrie 2012/2013 durch den damaligen Wirtschaftsminister Altmaier.

„Nach der Altmaier‑Delle reden viele jetzt schon vom Reiche‑Tal“, ärgert sich Holger Cramer, Betriebsratsvorsitzender von Wind Multiplikator. Er hat bereits Anfang der 1990er-Jahre als Elektroniker in der Windbranche angefangen und hat als Servicetechniker, Meister und Offshore-Manager bei mehreren Firmen schon einige Boomphasen erlebt – aber auch Massenentlassungen. „Dieses Hin‑und‑Her in der Energiepolitik ist eine Katastrophe. Wir haben bereits unsere komplette Fertigung und damit den Großteil unserer Wertschöpfung an China verloren. Das darf so nicht weitergehen. Wir brauchen endlich Planungssicherheit.“


IG Metall fordert langfristige Strategie und verlässlichen Rahmen

Nicht nur die Windkraft, sondern die gesamte maritime Industrie boomt – und kann nach Berechnungen der IG Metall in den nächsten Jahren tausende Arbeitsplätze schaffen. Aber nur wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Gemeinsam mit dem Land Niedersachsen fordert die IG Metall daher eine langfristige politische Strategie und einen verlässlichen Rahmen für Unternehmen und Beschäftigte: Investitionen in die Infrastruktur, in Häfen, mit verbindlichen Mindestanteilen deutscher und europäischer Wertschöpfung, eine gesicherte Finanzierung eine Offshore-Rettungsstruktur und ein Fachkräfteprogramm.

„Auf den Werften und bei den Zulieferern sind die Auftragsbücher gut gefüllt – teils sogar bis in die 2040er-Jahre. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren 5000 neue Jobs geschaffen werden. Wenn wir die Abgänge von Menschen, die in Rente gehen, berücksichtigen, werden insgesamt mehr als 8000 Leute gesucht“, meint Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste. „In der Zeitenwende braucht es Anstrengungen der gesamten Branche, ein neues Miteinander und natürlich Tarifverträge, die Arbeitsplätze und Auslastung für alle Werften und Zulieferer absichert. Jetzt muss auch klar benannt werden, wer diese Branche stark gemacht hat: die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften.“


Mehr Infos zur Aktion vor der Nationalen Maritimen Konferenz bei der IG Metall Emden.

Gemeinsames Positionspapier der IG Metall Küste und der Landesregierung Niedersachsen.

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