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Arbeitsdruck: Psychische Erkrankungen nehmen rasant zu
Wenn der Job einen fertig macht

Für „König Kunde“ ist so mancher bereit, sich für „seine“ Firma aufzuopfern – selbst wenn der Akku schon leer und die Arbeitszeit längst überschritten ist. Viele arbeiten ständig über das erträgliche Limit hinaus. Die Folgen: Erschöpft, kaputt und ausgebrannt. Burnout ist das Ende einer Spirale.


Das Thema Burnout steht hoch im Kurs. Selbst Prominente outen sich mittlerweile wie zum Beispiel die Sängerin Mariah Carey, der Profifußballer Sebastian Deisler oder Ex-SPD-Bundesvorsitzender Matthias Platzeck. Sie alle hat es erwischt.

Ständige Erreichbarkeit, häufige Überstunden, wechselnde Arbeitsorte und lange Anfahrtswege zur Arbeit: Der aktuelle AOK-Fehlzeitenreport skizziert ein komplexes Belastungspanorama der Beschäftigten, das für die heutige Arbeitswelt prägend ist und viele Fachleute und Gewerkschaften bestätigt: Die Arbeitsbedingungen spielen bei Ausgebranntsein eine zentrale Rolle. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Störungen mehr als verdoppelt. Sie sind die häufigste Ursache für Frühverrentungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat beruflichen Stress zu einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts erklärt.


Schöne neue Arbeitswelt

In der Tat: Die Situation in den Betrieben hat sich gravierend verändert. Mit neuen Produktions- und Managementkonzepten versuchen Unternehmen ständig, mit noch weniger Personal noch mehr Leistung herauszuholen. Der Mensch hat sich dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens unterzuordnen. Viele sind mittlerweile chronisch erschöpft und laufen Gefahr, ernsthaft krank zu werden. Für viele enden diese Krankheiten nicht selten in einer Lebenskrise.

Unternehmen reagieren oft hilflos auf die zunehmende Zahl von Burnout-Fällen und glauben, Gesundheits- oder Sportappelle an die Beschäftigten reichten aus und helfen. Die Arbeitsbedingungen als Hauptverursacher für Burnout bleiben jedoch außen vor.

Wen kann es treffen?

Besonders betroffen sind die „aktiven Typen“: engagierte, motivierte und pflichtbewusste Menschen. Menschen, die sich voll einsetzen für eine Sache und innerlich beteiligt sind. Menschen, die nicht Nein sagen können, alle Aufgaben an sich ziehen und sich viel zu enge Terminpläne setzen. Burnout ist ein schleichender Prozess. Je früher erste Anzeichen wahrgenommen werden, desto besser sind die Chancen, entgegenzusteuern. Deshalb ist es wichtig, die Warnsignale rechtzeitig zu erkennen.

Vor allem in der Anfangsphase sind die Übergänge zwischen starkem Engagement und einer möglichen Hyperaktivität fließend. Ständige freiwillige Mehrarbeit und ein Gefühl der Unentbehrlichkeit, der Eindruck, nie Zeit zu haben, sind Merkmale. Dabei verleugnen Betroffene oft eigene Bedürfnisse, verdrängen Misserfolge und Enttäuschungen und schränken soziale Kontakte ein.

Was tun?

Klingt einfach, doch Burnout-Gefährdete tun sich schwer damit: Abschalten und auftanken – empfehlen die Experten. Ganz konkret: Handy und Computer ausschalten. Niemand muss permanent erreichbar sein. Nach der Arbeit Dinge tun, die Freude machen – sei es Sport oder ein Hobby oder sich mit Freunden treffen. Dazu gehört auch, brachliegende persönliche Interessen wieder zu beleben, verschüttete Bedürfnisse zu entdecken, soziale Kontakte zu pflegen und wieder zu genießen. Auch die Ess- und Trinkgewohnheiten, die sich unter Burnout eingeschlichen haben, sollten überprüft werden.

Oft können Betroffene den Burnout-Kreislauf nicht mehr durchbrechen. Hier können Kolleginnen und Kollegen oder Freunde helfen, das Bewusstsein dafür zu schärfen. Wer aber bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ausgebrannt ist, sollte dringend einen Arzt aufsuchen oder psychologische Hilfe annehmen, um den Kreislauf zu durchbrechen.

Prävention im Betrieb

Wenn der Arbeitgeber von selbst nicht darauf kommt, dass sein Betrieb nur von gesunden Mitarbeitern provitiert, müssen Beschäftigte und Betriebsräte selbst initiativ werden und vorbeugend handeln. Denn wer, wenn nicht die Betriebsräte, können Burnout im Betrieb zum Thema und deutlich machen, dass es weder um Einzelfälle geht noch um individuelles Fehlverhalten. Doch sind Betriebsräte weder Seelsorger noch Diagnostiker. Sie können Betroffene in akuten Fällen unterstützen. Und sie können ein Früherkennungssystem im Betrieb entwickeln und langfristig die Arbeitsbedingungen verbessern.

Dabei hilft ihnen das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG). Das schreibt dem Arbeitgeber vor, Gefährdungen zu ermitteln und zu beurteilen mit dem Ziel, die Arbeit menschengerecht zu gestalten. Die Gefährdungsbeurteilung ist hierfür das zentrale Instrument, mit dem körperliche und psychische Belastungen am Arbeitsplatz reduziert und menschengerecht organisiert werden können.

Gesetzgeber gefordert

Die IG Metall sieht auch den Gesetzgeber in der Plficht zu handeln. Die gesetzlichen Regeln müssen verbindlicher, konkreter, transparenter und praxisnah umsetzbar sein. Damit Beschäftigte und Betriebsräte wissen, wie sie das Stress-Problem lösen können. Unternehmen wären zum Beispiel dann verpflichet, dafür zu sorgen, dass die Schichtsysteme gesundheitsverträglich sind. Und auch die ständige Erreichbarkeit durch Handys und Laptops müssten sie dann so regeln, dass sie Arbeitnehmer nicht gesundheitlich belasten.

Eine Anti-Stress-Verordnung könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten. Sie wäre für alle Firmen verpflichtend, die dem Arbeitsschutzgesetz unterliegen. Und das trifft fast auf alle deutsche Unternehmen zu. Die IG Metall hat ein Anti-Stress-Verordnung entworfen, indem sie den betrieblichen Akteuren Werkzeuge an die Hand gibt. Denn Gute Arbeit braucht klare Regeln – auch bei Stress und psychische Belastungen.

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