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Gut in Rente mit dem demografischen Interessenausgleich

Demografie "à la carte"

07.11.2012 Ι Der demografische Wandel verändert die Gesellschaft. Der angebliche Fachkräftemangel und alternde Belegschaften sind ein Dauerthema. Trotzdem schauen viele Firmen tatenlos zu. Aber nicht alle. Kluge Unternehmen bauen vor: Sie investieren in alterns- und altersgerechte Arbeitsbedingungen. Davon profitieren Beschäftigte und Unternehmen.

Die Deutschen werden älter und sie werden weniger. Derzeit sind etwa 21 Prozent der Gesamtbevölkerung älter als 65 Jahre. Dieser Prozentsatz wird nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in den nächsten Jahren deutlich ansteigen. Klar ist, dass der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt, voraussichtlich von 50 auf etwa 42 bis 43 Millionen bis zum Jahr 2030.


Diese Berechnung wurde auf Grundlage verschiedener Szenarien erstellt und basiert auf Annahmen zur künftigen Entwicklung der Lebenserwartung, zur Geburtenrate und zur Zuwanderung und ist daher mit erheblichen Unwägbarkeiten verbunden. Aber selbst, wenn diese Szenarien real werden, bedeutet dies nicht, dass die Rente mit 67 die richtige Antwort ist. So könnte die Produktivitätsentwicklung einen möglichen Rückgang der Arbeitskräfte ausgleichen. 


Entscheidend ist auch nicht allein die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter, sondern wie viele von ihnen tatsächlich arbeiten. Eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit und ein Anstieg der Erwerbsquoten können Teil einer Lösung der demografischen Probleme sein.  Dies gelingt aber nicht, wenn man den Entwicklungen tatenlos zusieht.


Die Rente mit 67 ist Gesetz. Tatsächlich schaffen es jedoch nur wenige Arbeitnehmer bis zur Rente. Nur 3,8 Prozent der Beschäftigten in den Firmen des Organisationsbereichs der IG Metall sind älter als 60 Jahre. Viele arbeiten demnach nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter. Das belegt eine Befragung der IG Metall unter den Betriebsräten in mehr als 3500 Firmen. Ursache dafür sind die Arbeitsbedingungen, die Arbeitsorganisation und die Personalplanung in den Unternehmen. Doch bisher tragen die Arbeitnehmer die Folgen eines vorzeitigen Ausstiegs allein: Mit einer verkürzten Rente, Altersarmut oder mit Arbeitslosigkeit.


Möglichst lange gesund bleiben

Die Arbeitsbedingungen so verbessern, damit die Beschäftigten möglichst lange gesund bleiben und ihren Job machen können - das ist eine der Schritte, dem demografischen Wandel zu begegnen. Dafür kann an den unterschiedlichsten Stellschrauben gedreht werden. Doch die Situation ist von Unternehmen zu Unternehmen, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz verschieden. Was in einem Unternehmen funktioniert, könnte in der nächsten Firma als teure und unsinnige Investition verpuffen. Deshalb bietet die IG Metall eine Art Werkzeugkasten an, aus dem sich die betrieblichen Akteure bedienen können. Mithilfe der verschiedenen Bausteine kann ein betriebliches Konzept zusammengestellt werden - "Demografie à la carte". Das entspricht dann der betrieblichen Ausgangslage und der Betriebsrat kann es in einer Betriebsvereinbarung festzurren.


Bedürfnisse besser berücksichtigen

Das Ziel ist, die Bedürfnisse älterer Arbeitnehmer besser zu berücksichtigen und sicherzustellen, dass Jüngere gesund bleiben und länger durchhalten. Beides hat viel mit den Arbeitsbedingungen zu tun - doch einen Königsweg gibt es nicht. Um die richtigen Maßnahmen anzuwenden, empfiehlt die IG Metall, zuerst eine Bestandsaufnahme der betrieblichen Situation zu machen. Arbeits- und Leistungsbedingungen prüfen, feststellen wo wieviele alternsgerechte Arbeitsplätze vorhanden sind, welche Qualifikationen benötigt werden und wo die Schwachstellen liegen. Das kann in einem Unternehmen die Arbeitszeit oder der Schichtplan sein, im anderen sind es vielleicht die ergonomischen Belastungen. Einige Firmen und ihre Betriebsräte sind bereits aktiv geworden.


Beispiel Schichtarbeit. Bei Hydro Aluminium in Hamburg werden Beschäftigte, die älter als 55 Jahre sind und Schicht arbeiten von drei Nachtschichten befreit. Ab dem 57 Lebensjahr sind es sogar sechs Nachtschichten im Jahr.

Beispiel Arbeitsbedingungen. Im Rahmen eines Demografie-Projektes "Heute für morgen" hat der Autobauer BMW rund 70 Maßnahmen umgesetzt: Eine größere Schrift auf dem Bildschirm, spezielle Bodenbeläge und besondere Sitzgelegenheiten - wie beispielsweise Stühle zum Hinsetzen und Abstützen wie bei den Friseuren. Auch im Mercedes-Werk in Sindelfingen wurden Anpassungen vorgenommen. Dort wurden Hängedrehförderer, Hubschwenkplattformen und Mitfahrbänder installiert. So wird körpergerechtes Arbeiten im Stehen und auf Schulterhöhe einfacher.


Produktiver sein

Dass solche Maßnahmen Geld kosten, liegt auf der Hand. Aber: Von den Erfolgen profitieren nicht nur die Menschen, indem sie länger ihren Job machen können. Auch dem Unternehmen bringen diese Investitionen Vorteile: Ältere Mitarbeiter bringen nicht nur mehr Erfahrung mit. Eine Studie des Research Institute for the Economics of Aging hat herausgefunden, dass ältere Arbeitnehmer besser mit Stress umgehen können, weniger grobe Fehler machen und besser improvisieren können als jüngere.

Alternsgerechte Arbeitsbedingungen - das hat zur Folge, dass Ältere genauso produktiv sind wie Jüngere, wenn ihre Arbeitsplätze dementsprechend gestaltet werden. Und es bedeutet, dass die jüngeren, wenn sie an diesen Arbeitsplätzen arbeiten, nicht aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig ausscheiden müssen.


Auch die Politik muss handeln

Dass sich in den Unternehmen etwas ändern muss, ist die eine Seite der Medaille. Aber nicht nur. Gleichzeitig muss auch die Politik handeln. Die IG Metall wendet sich gegen die Rente mit 67 und alle weiteren Versuche die Lebensarbeitszeit darüber hinaus zu verlängern. Sie fordert mehr Wahlmöglichkeiten für Beschäftigte, die nicht mehr arbeiten können oder wollen. Diese Arbeitnehmer müssen zu fairen Bedingungen aus dem Job aussteigen können, statt erst mit 67 in Rente zu gehen. Die IG Metall will, dass die Voraussetzungen für einen flexiblen Altersausstieg weiterentwickelt und neue Möglichkeiten geschaffen werden. Konkret fordert die IG Metall von der Politik, dass

  • es nach 45 Versicherungsjahren möglich sein muss, ohne finanzielle Einbußen früher in Rente zu gehen
  • ab einem Lebensalter von 60 Jahren und 40 geleisteten Versicherungsjahren ein Ausstieg ohne finanzielle Einbußen ebenfalls möglich sein muss  
  • eine neue öffentlich geförderte Altersteilzeit geschaffen wird
  • der Rentenzugang für Erwerbsgeminderte erleichtert wird und die Abschläge bei der Erwerbsminderungsrente gestrichen werden
  • die Menschen ab 65 abschlagsfrei in Rente gehen können.

Die Arbeitswelt demografisch umbauen - das ist jetzt notweniger denn je. Nur die Situation beklagen, bringt keine Lösung. Unternehmen und Politik sind in der Pflicht, die Arbeitswelt gerechter zu machen, Möglichkeiten zu schaffen, damit die Menschen gesund in Rente gehen können und jedes Lebensalter mit seinen Bedürfnissen anerkannt und respektiert wird. Das ist nicht nur human, das ist auch produktiv.

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