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EU-Freihandelsabkommen mit Kolumbien

Vor allem multinationale Konzerne profitieren

09.07.2010 Ι Kolumbien ist ein gefährliches Land für Gewerkschafter: Guerilla und Paramilitärs bedrohen sie, die Regierung behindert ihre Arbeit. Allein dieses Jahr starben bis Ende Juni 31 Gewerkschafter eines gewaltsamen Todes. Dennoch will die EU ein Freihandelsabkommen mit Kolumbien abschließen. Nohora Tovar, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Fetramicol, fürchtet, dass davon vor allem multinationale Konzerne profitieren und nicht die Menschen in Kolumbien.

Was spricht aus Deiner Sicht gegen ein Freihandelsabkommen zwischen Kolumbien und der EU, so wie es jetzt geplant ist?
Nohora Tovar: Zwei Gründe. Zum einen gibt es in dem Freihandelsabkommen überhaupt keine Garantien für Arbeitnehmerrechte. Wir befürchten, dass sich die Lage der Beschäftigten dadurch noch verschlimmern könnte.

Warum könnten sie sich durch das Abkommen verschlechtern?
Tovar: Von dem Abkommen profitieren vor allem die multinationalen Konzerne. Sie machen ihren Profit, aber das Geld bleibt nicht bei uns im Land. Was das für die Menschen bedeutet, kann man sich heute schon in Mexiko anschauen. Dort sind die Einkommen gesunken, nachdem sie ein Freihandelsabkommen mit USA und Kanada abschlossen. Vor dem Abkommen lag das Einkommensverhältnis zwischen Mexiko und USA bei 1 zu 5. Heute liegt es bei 1 zu 14.

Und welcher zweite Grund spricht gegen ein Freihandelsabkommen?
Tovar: Die beiden Ökonomien sind sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite Europa mit hochentwickelten Konzernen, auf der anderen Seite Kolumbien mit seinen Kleinbetrieben. Diesen Wettbewerb können kolumbianische Unternehmen nur verlieren. Auch unsere Kleinbauern können mit der subventionierten europäischen Landwirtschaft nicht mithalten. Es würden wieder nur die Großgrundbesitzer profitieren.

Was fordert Ihr als Gewerkschaft, soll das Freihandelsabkommen vom Tisch oder verbessert werden?
Tovar: Es muss nachgebessert werden. Die EU muss an den Handel Bedingungen knüpfen. Zum Beispiel, dass die ILO-Richtlinie eingehalten werden müssen und Gewerkschaften das Recht haben, das auch zu kontrollieren.
Außerdem brauchen wir eine Analyse, welche Branchen bei uns im Wettbewerb mit der europäischen Wirtschaft nicht bestehen können. Sie müssten zumindest eine Zeit lang unterstützt werden. Außerdem brauchen wir bessere Regeln für den Abbau von Rohstoffen. Es kann nicht sein, dass Menschen dafür einfach vertrieben und Natur verwüstet wird.

Für wie wahrscheinlich haltet Ihr es, die EU dahingehend umzustimmen?
Tovar: Wir brauchen die Unterstützung der europäischen Gewerkschaften. Das ist die einzige Chance, die wir haben. Wir in Kolumbien werden es allein nicht schaffen. Dafür ist unsere Gesellschaft zu ängstlich, sind die Gewerkschaften zu schwach und die Regierung zu korrupt.

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Kolumbien in Kürze

Das rohstoffreiche Kolumbien zählt rund 44,5 Millionen Einwohner und gilt als das Tor zu Südamerika. Seit 1986 hat das Land ein präsidentielles Regierungssystem und wurde von 2002 bis 2010 von einer mitte-rechts Koalition unter dem Präsidenten Álvaro Uribe Vélez regiert. Ihm folgte im Mai 2010 sein ehemaliger Verteidigungsminister Juan Manuel Santos im Amt.

Das Bruttoinlandsprodukt lag laut IWF 2008 pro Einwohner nominal bei 4985 Euro (Deutschland: 44660 Euro). Zu den Hauptexportgütern des Landes zählen neben Industriegütern, landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen - eher innoffiziell - Drogen. Einkommen und Vermögen sind in Kolumbien extrem ungleich verteilt. Der Gini-Koeffizient des Landes, lag 2006 bei 0,56. In Südamerika hat nur Brasilien einen höheren Wert.

Gewerkschaften in Kolumbien

In Kolumbien gibt es drei größere gewerkschaftliche Dachverbände: Central Unitaria de Trabajadores (CUT), Confederación de Trabajadores de Colombia (CTC) und die Confederación General del Trabajo (CGT). In der CUT sind laut Friedrich-Ebert-Stiftung etwa 55 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder organisiert, 15 Prozent in der CGT und rund 10 in der CTC.

Jeder dieser Verbände setzt sich aus Hunderten einzelner Gewerkschaften zusammen. Die übrigen 20 Prozent verteilen sich auf über 2800 Betriebsgewerkschaften.  Nach Angaben der Friedrich-Ebert-Stiftung  waren 2007 nur etwa vier Prozent der arbeitenden Bevölkerung gewerkschaftlich organisiert.

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