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Arbeitsschutz: Wenn die Krise krank macht. Foto: Radoma / Fotolia.de

Arbeitsschutz

Wenn die Krise krank macht

27.01.2010 Ι Arbeiten bis zum Umfallen - mit der Krise wird das für manche Menschen bittere Wirklichkeit. Denn Krankmacher Nummer eins breitet sich in diesen Zeiten immer weiter aus: die Angst um den Arbeitsplatz.
Der Körper schlug schon seit Monaten Alarm. Tagsüber quälten Ulrike Kaufmann (Name geändert) Durchfall, Schwindel und Kopfschmerzen. Ihr Gedächtnis spielte ihr immer wieder Streiche. Gerade eben hatte sie die Wohnungstür aufgeschlossen, und im nächsten Moment wusste sie nicht mehr, wo sie den Schlüssel hingelegt hatte. Nachts fand sie kaum Schlaf. In ihrem Kopf fuhr ein Karussell, und es drehte sich um die immer gleichen Gedanken: "Ich muss meine Arbeit schaffen, ich darf keine Fehler machen. Sonst werde ich entlassen."

Am Schreibtisch zusammengebrochen

Anfang letzten Jahres war die Mannschaft von Ulrike Kaufmann um mehr als die Hälfte geschrumpft. Auf ihrem Schreibtisch landete immer mehr Arbeit. Ständig stand jemand vor ihr, permanent klingelte das Telefon. "Ich versuchte, 30 Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. " Sie verlor den Überblick, hielt alles für wichtig. Und obwohl ihr Körper unter der Belastung schrie, glaubte sie fest: "Ich schaffe das." Doch dann war Schluss: Ulrike Kaufmann brach an ihrem Schreibtisch zusammen.

Angst macht krank
Arbeitswissenschaftler beobachten seit Jahren, wie die Gesundheit unter Termin- und Arbeitsdruck leidet. Immer mehr Menschen erkranken, weil die Psyche schlapp macht. Während vor 30 Jahren Depressionen, Angstzustände sowie Burn out in den Statistiken der Krankenkassen keine Rolle spielten, belegen sie inzwischen Platz vier. Allein im vergangenen Jahr machten sie zehn Prozent aller Krankentage aus. Bereits 2008 arbeiteten Beschäftigte in vier von fünf Betrieben unter Dauerstress. Doch mit der Krise erreichen die Probleme eine neue Qualität. Als Arbeitspsychologe hört Rolf Satzer aus vielen Betrieben Geschichten wie die von Ulrike Kaufmann. Die Menschen kippen am Schreibtisch um.

Satzer wundert das nicht. In der Krise setzen Arbeitgeber verschärft auf Instrumente, die bei Gesundheitsschützern auf der Liste der Krankmacher ganz weit oben stehen, wie Arbeitsplatzabbau. Unter kaum etwas leidet die Gesundheit mehr als unter der Angst um den Arbeitsplatz. Das gilt überall.

Stress in der Produktion

War Stress am Arbeitsplatz früher eher ein Thema im Büro, klagen inzwischen auch Beschäftigte in der Produktion über psychische Probleme. Frank Preuss arbeitet seit fast 20 Jahren im Werkzeugbau bei Ford in Köln. "Gearbeitet haben wir immer viel", erzählt der gelernte Werkzeugmacher. "Aber früher hatten wir auch viel Spaß dabei." Der Druck steigt seit Jahren, und die Krise hat noch eins draufgesetzt. "Diese Bedrohung, dass morgen ein anderer meine Arbeit macht, wenn ich es nicht schaffe, die ist mit der Krise schärfer geworden."

Doch nicht nur die Angst um den Arbeitsplatz macht krank. Nicht zu wissen, mit wem man morgen woran arbeitet, kann die Gesundheit genauso belasten. Das kennt auch Frank Preuss. Ständig werde irgendein Bereich neu organisiert. "Montags sprechen die Kollegen noch mit ihrem Chef und am Freitag haben sie einen neuen." Druck und Unsicherheit bleiben nicht ohne Folgen. Kollegen klagen bei Frank Preuss über Rückenschmerzen. "Doch wenn man genauer hinschaut, stellt man meist fest: Das Leiden entsteht eigentlich im Kopf."

Verantwortung wächst
Dabei kann Stress auch positiv sein, solange Menschen das Gefühl haben, sie sind Herr der Lage und können zwischendurch durchschnaufen. Zum Problem wird er, wenn sie sichwie ein Hamster im Rad fühlen - ständig getrieben und ohne Chance anzuhalten. Keine neue Erkenntnis. Nur in den Betrieben ist sie immer noch nicht angekommen. Im Gegenteil: Rüdiger Trimpop, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Jena, beobachtet seit etwa zehn Jahren eine völlig andere Entwicklung: "Den Beschäftigten wird immer mehr Verantwortung übertragen. Aber ihre Möglichkeit, selbst etwas zu entscheiden, nimmt ab." Wie das in der Praxis aussieht, weiß Frank Preuss. "Unsere Teamleiter sind dafür verantwortlich, Termine einzuhalten. Aber sie können weder die Termine festlegen, noch bestimmen, wie viele Leute sie brauchen, um die Arbeit pünktlich abzuliefern."

"Marktnahes arbeiten" nennt es die Wissenschaft. Es erhöht den Druck auf die Beschäftigten und nimmt in der Krise verschärfte Züge an. Es gibt immer weniger Personal, das immernäher am Kunden arbeiten muss und für dessen Zufriedenheit verantwortlich ist. Der Mechanismus dahinter funktioniert ganz einfach, erklärt Wissenschaftler Trimpop. "Die Führungskräfte wissen nicht, wie sie mit der Krise umgehen sollen, und geben den Druck nach unten weiter."

Investitionen lohnen sich
Dass es sich gerade jetzt lohnen könnte, Arbeitsbedingungen zu verbessern, klingt für viele wie eine Botschaft von einem anderen Stern. Aber sie ist richtig. Studien aus den USA zeigen: Für jeden Dollar, den ein Unternehmen in Gesundheitsförderung steckt, spart es 2,3 bis 5,9 Dollar bei den Krankenkosten. Eine deutsche Teppichfirma, die 140 000 Euro in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investierte, sparte im gleichen Zeitraum 500 000 Euro für Lohnfortzahlungen. 

Betriebsrat Bernd Theuerkauff. Foto: Rolf DoneckerAngesichts solcher Zahlen müsste das Herz jedes Controllers höher schlagen. Bei diesem Gedanken muss Bernd Theuerkauff (Foto rechts) lachen. "Das wirkt nicht von jetzt auf gleich. Diese Menschen brauchen für ihre Bilanz  kurzfristige Erfolge." Theuerkauff arbeitet bei T-Systems in Karlsruhe in der Großrechnerbetreuung. Zurzeit stehen keine Kündigungen an. Aber wenn nicht genügend Personal abgebaut wird, kann das noch kommen. "So ein Damoklesschwert erhöht natürlich den Druck." Dabei laufen Theuerkauff und seine Kollegen ohnehin schon 24 Stunden am Tag auf Stand-by-Betrieb. In einem globalen Unternehmen gibt es irgendwo auf der Welt immer ein Problem zu lösen.

Man überschätzt sich
Als Betriebsrat beobachtete er, wie sich Fälle von Burn out häuften. Trotzdem erwischte es ihn selbst. Nachdem sein Team auf ein Drittel geschrumpft war und immer noch die gleiche Arbeit schaffen musste, streckte er die Flügel. Drei Monate fiel Theuerkauff aus. "Ich hätte es besser wissen müssen. Aber man überschätzt sich doch selber." Arbeiten bis zum Umfallen - beiVolvo in Köln wurde das bitterer Ernst. Im letzten Jahr fuhr dreimal der Krankenwagen vor, weil Beschäftigte am Arbeitsplatz umgekippt waren, erzählt der Betriebsrat. Alles begann mit einer Entlassungswelle. Von 200 Stellen wurden 40 gestrichen. Betriebsratsvorsitzender Bernhard Brüsselbach wusste, dass die Personaldecke kürzer werden würde. "Aber wenn ein UnternehmenVerluste einfährt, könnenwir schlecht mehr Personal fordern."

Zwar hatte der Betriebsrat mit dem Arbeitgeber vereinbart, welche Arbeiten wegfallen oder anders verteilt werden. Doch im Nachhinein musste er feststellen: "Es wurde nicht alles umgesetzt, wie es auf dem Papier stand." Eine Befragung der Beschäftigten förderte Erschreckendes zu Tage.Viele beklagten, dass die Arbeitseinsparungen nicht stattgefunden hatten. Einzelne Bereiche berichteten sogar über mehr Arbeit. Der Betriebsrat legte dem Arbeitgeber die Ergebnisse vor. "Teils ist es jetzt etwas besser geworden", sagt Brüsselbach. "Aber wir bleiben dran."

Qualität der Arbeit leidet
Mit Sorge beobachtet Günter Voß die Entwicklung. "Wenn wir es weiter auf die Spitze treiben, geht die Qualität unserer Arbeit den Bach runter", fürchtet der Chemnitzer Professor für Industriesoziologie. Eine vernünftige Unternehmensführung achte nicht nur auf ökonomische, sondern auch auf soziale Nachhaltigkeit. Doch auch die Beschäftigten müssten mit sich selbst sorgsamer umgehen. "Wer professionell ist, spricht auch über seine Grenzen."

Eine Einsicht, die Ulrike Kaufmann schmerzvoll lernen musste. Zweieinhalb Monate nach ihrem Zusammenbruch kehrte sie Schritt für Schritt an ihren Arbeitsplatz zurück. Ohne Medikamente geht es immer noch nicht. Aber sie hat gelernt, auf ihren Körper zu hören und rechtzeitig "Nein" zu sagen, wenn die Arbeit zu viel wird.

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