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Zu Besuch auf der Meyer-Werft. Foto: Tristan Vankann

Zu Besuch auf der Meyer-Werft

Äußerste Kraft voraus

30.01.2012 Ι Die Meyer-Werft produziert seit über 25 Jahren Kreuzfahrtschiffe. Bevor ein neuer Luxusliner mit Passagieren zur Vergnügungsreise starten kann, haben tausende Beschäftigte auf der Werft bis zu drei Jahre daran geplant und gebaut. Das hat unsere Neugierde geweckt und wir haben uns auf den Weg nach Papenburg gemacht.
Heftiger Wind durchpeitscht das Werksgelände und zerrt an den Schutzhelmen. Menschen in blauen und grauen Overalls erkämpfen sich ihren Weg zwischen langen weißen Hallen und dem riesigen Schiff. Besucher stehen am Hafenbecken und bestaunen den Liner, seine orangefarbenen Ornamente, die Mickeymaus-Figur und geschwungene Aufschrift "Disney Fantasy" auf dem weiß und schwarz gestrichenen Rumpf. Am 8. Januar hatte ein Schlepper das Kreuzfahrtschiff aus dem Hallendock ins Freie gezogen, unter den Blicken tausender Neugieriger.
Seitdem herrscht quirliges Treiben an Bord. Teppiche werden verlegt, Küchen eingerichtet, Lampen angeschlossen, Schauspielerproben ihre Auftritte. Am 10. Februar soll das Schiff einem amerikanischen Reeder übergeben werden. Der hat sich den Liner, der Familien in die Karibik entführen soll, 500 Millionen Euro kosten lassen.

Ozean-Riese "Disney Fantasy"

Es ist das größte Kreuzfahrtschiff, dass die 2850 Beschäftigten der Meyer-Werft je gebaut haben: 340 Meter lang, 37 Meter breit, mit 19 Decks und 1250 Kabinen für etwa 4000 Passagiere. An Bord erwarten sie Spielplätze, Kinderbecken, sechs Restaurants, Pools, Fitness, Wellness, Kino, ein Theater mit 1000 Plätzen - und eine 230 Meter lange Tunnelrutsche aus Acrylglas, die streckenweise über dem offenen Meer schwebt.
Die Disney Fantasy ist das 32. Kreuzfahrtschiff, das die Meyer-Werft verlässt. Im April wird eine neue AIDA ausgedockt. Das Schiffbauunternehmen, 1795 gegründet und seit dem in Familienbesitz, ist ein "global Player": 42 Prozent aller Passagierschiffe, die auf den Weltmeeren kreuzen, sind in Papenburg an der Ems gebaut. Urlaub auf dem Wasser ist ein Markt mit Zukunft, denn das Interesse nimmt zu. Die Meyer-Werft, die pro Jahr drei Schiffe bauen kann, hat schon Aufträge bis 2015.

Manöver proben

An der guten Konjunktur für Kreuzfahrtschiffe werden auch tragische Unglücke wie die Havarie der »Costa Concordia« nichts ändern. So wenig wie entgleiste Züge oder Karambolagen auf Autobahnen Einfluss auf die Zahl der gebauten Waggons oder Autos haben. "Das war eindeutig kein technisches, sondern menschliches Versagen", sagt Thomas Gelder, Betriebsratsvorsitzender auf der Meyer-Werft. Der Kapitän des italienischen Schiffes hatte eine riskante, nicht erlaubte Route genommen. "Es muss aber grundsätzlich darüber geredet werden, wie die Sicherheit verbessert werden kann, vor allem Personal besser geschult wird und Rettungsmanöver geprobt werden" mahnt Gelder.

Wer sieht, was die schwimmenden Luxushotels in Kleinstadtgröße alles bieten, muss sich wundern, dass vom Auftrag bis zur Ablieferung weniger als drei Jahre vergehen. Bis neun Monate dauert die Planung. Etwa 300 Techniker, Ingenieure und Konstrukteure sind damit beschäftigt. 10000 bis 12000 Menschen bauen die Schiffe, in etwa 14 Monaten. 75 Prozent liefern Fremdfirmen zu, Stahlbetriebe, Maschinenbaufirmen, Schiffsküchenhersteller und viele andere. "Unsere Werft gehört technologisch zu den besten der Welt", ist Thomas Gelder überzeugt. Um auf dem hart umkämpften internationalen Markt vorne zu sein, steckt Firmenchef Bernard Meyer viel Geld in die Forschung und Entwicklung. In den letzten drei Jahren hat er über 250 Millionen investiert. Dieses Jahr kommen 30 Millionen hinzu.

Gearbeitet wird in zwei komplett überdachten Docks. Das macht die Produktion wetterunabhängig. Die zweite, über einen halben Kilometer lang, 125 Meter breit und 75 Meter hoch, kam vor einigen Jahren dazu.

Die Beschäftigten bauen die Schiffe nicht in einem Stück, sondern nach dem Lego-Prinzip in einzelnen Teilen, die später zusammengesetzt werden. In einer Vorfertigungshalle entstehen die Stahlgerüste, die dann in etwa 70 Blöcken, jede fünf Decks hoch, in der Halle neben dem Baudock komplett ausgebaut werden, angefangen von den Rohren und Leitungen bis zu Balkonen und dem Außenanstrich. Der ganze Prozess ist computergesteuert. Kräne, die 600 bis 800 Tonnen Gewicht heben können, transportieren die Blöcke aufs Dock und schieben sie nach und nach aneinander. Und so wächst langsam das Schiff zusammen. Diese Methode spart Zeit und Wege. "Schlanker Schiffbau" ist die Devise. Das Ziel: besser und produktiver sein als die anderen.

Plus für Beschäftigte

Viele Arbeiter mussten sich bei den Umstrukturierungen auf neue Arbeitsabläufe und Versetzungen einlassen. "Bei manchen Kollegen führte das zu Ängsten, dass ihre Arbeit nichts mehr wert ist", berichtet Ralf Bernhardi, Rohrschlosser auf der Werft. "Wenn so gravierende Veränderungsprozesse stattfinden, müssen Betriebsrat und Beschäftigte beteiligt werden", sagt Evelyn Gerdes, die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Leer-Papenburg.

Und das sieht der Betriebsrat genauso. Er und die IG Metall Küste haben im Dezembe rmit der Geschäftsleitung einen "Zukunftstarifvertrag" geschlossen. Darin akzeptieren sie Veränderungen, die die Produktivität steigern. Doch künftig gibt es in allen Abteilungen Workshops, in denen die Belegschaft über ihre Arbeit mitreden kann. Außerdem wurde eine 1000-Euro-Prämie für alle vereinbart, eine Jobgarantie bis Sommer 2016, 100 Neueinstellungen und eine bis zu sechsjährige Altersteilzeit für alle Älteren, die früher ausscheiden möchten.

Darüber hinaus haben Betriebsrat und IG Metall Vereinbarungen zu zwei Themen erreicht, die die IGMetall auch in der nächsten Tarifrunde regeln will: Ausgelernte Azubis werden gleich fest eingestellt. Bei Meyer sind es 35.
Auch in Richtung Mitbestimmung bei Leiharbeit haben IG Metall und Betriebsrat einen ersten Schritt geschafft. Ein "Kapazitätsausschuss" aus Betriebsrat und Geschäftsführung wird in allen Abteilungen checken, ob die Leiharbeit verringert werden kann.

Endlich AIDA

Am Freitag, den 13., ist das Konstruktionsbüro "Maschinenbau" bunt geschmückt. Es duftet nach Essen. Abschiedsfeier für Meyer-Urgestein Hermann Haarmann, der in Altersteilzeit geht, nach 46 Jahren auf der Werft. "Ich bin noch nie auf der AIDA gefahren", sagt er. "Jetzt habe ich endlich Zeit dafür."

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Kreuzfahrtschiffe sind Energiefresser
Der Naturschutzbund NABU hat Kreuzfahrtschiffen den unschmeichelhaften Preis "Umwelt-Dinosaurier des Jahres 2012" verliehen. Schwerster Vorwurf: Ein Schiff stößt mehr Schadstoffe aus als fünf Millionen Autos auf gleicher Strecke. Vor allem Schwefeldioxid aus dem Schweröl-Kraftstoff belastet die Umwelt.

Die IG Metall setzt sich seit langem für mehr Umweltfreundlichkeit im Schiffbau ein. Auch, weil sie darin eine große Chance sieht, den Schiffbau wettbewerbs- und zukunftsfähiger zu machen.

Möglichkeiten gibt es viele, die zum Teil auch auf der Meyer-Werft erprobt oder umgesetzt werden. Etwa Umstellen auf (wenig schwefelhaltige) Dieselmotoren oder "Abgaswäsche" an Bord. Oder weniger Energieverbrauch durch neue Schiffrumpfdesigns, die den Wasserwiderstand verringern.

Solarkollektoren sind eine weitere Möglichkeit. Oder der Einsatz von Brennstoffzellen zur Energieversorgung an Bord.

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