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Textilarbeiterinnen aus Bangladesch fordern Entschädigung. Foto: Panthermedia

Textilarbeiterinnen aus Bangladesch fordern Entschädigung

Die Katastrophe dauert bis heute an

24.04.2014 Ι Vor einem Jahr kamen beim Einsturz der Textilfabrik im Rana Plaza in Bangladesch mehr als 1000 Menschen ums Leben. Ein Jahr nach der Katastrophe warten viele Opfer noch immer auf eine Entschädigung.

Eine Fabrik oder ein mehrgeschossiges Haus -  die meisten Menschen denken nicht eine Sekunde darüber nach, wenn sie die Schwelle zum Eingang überschreiten. Shila Begum kostet es Kraft, in ein hohes Gebäude zu gehen. Eine Fabrik kann sie nicht betreten und wird es wahrscheinlich nie wieder können. Shila Begum gehört zu den Tausenden Näherinnen, die vor einem Jahr unter den Trümmern des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesch begraben wurde. 1130 Menschen starben bei dem Unglück, mehr als 1500 wurden zum Teil schwer verletzt.


"Ich darf nicht sterben"

Am 24. April 2013 gingen Shila Begum und viele andere Näherinnen nur widerstrebend zu ihrem Arbeitsplatz. "Überall waren Risse und Löcher in den Wänden. Wir hatten Angst", erzählt Shila Begum. "Aber die Fabrikbesitzer drohten uns: Wenn wir nicht arbeiten, bekommen wir kein Geld." Sie erinnert sich genau an diesen Tag, an dem die Katastrophe begann, die für sie und viele andere bis heute andauert. Um 8.30 Uhr fiel der Strom aus. Dann brach das Gebäude innerhalb weniger Sekunden in sich zusammen. Shila Begum sah, wie ein Mann neben ihr  von den Trümmern erschlagen wurde. Ihr rechter Arm wurde in der Nähmaschine eingequetscht. Eine Säule traf ihren Bauch. 16 Stunden lag sie eingequetscht unter den Trümmern. 16 Stunden lang hatte sie nur einen Gedanken: "Ich darf nicht sterben. Meine Tochter braucht mich."


Sie warten auf eine Entschädigung

Sie hat überlebt. Fast ein Jahr nach der Katastrophe, Anfang April, sitzt sie vor Journalisten in Frankfurt am Main. Ihr rechter Arm ist noch immer geschient. Sie hat Schmerzen im Unterleib, dort wo sie vor einem Jahr die Säule traf. Die Kampagne für saubere Kleidung hat sie nach Deutschland eingeladen. Sie besuchen die Auftraggeber ihrer Fabrik im Rana Plaza. Firmen wie Adler, KiK, NKD oder Kanz. Einen Termin haben sie bei Adler nicht bekommen. Vors Firmentor fahren sie dennoch. Noch immer warten Shila Begum und die anderen Opfer der Katastrophe auf eine Entschädigung.

Ein Jahr nach dem Einsturz des Rana Plaza weigern sich einige Auftraggeber der Fabrik, in den Entschädigungsfonds zu zahlen. Er entstand auf Initiative der Gewerkschaften in Bangladesch, der Kampagne für saubere Kleidung und Industriall global. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) beaufsichtigt den Fonds. Anfang April waren erst 15 Millionen Dollar in dem Fonds. Um die Opfer zu entschädigen, braucht es mindestens 40 Millionen Dollar. Dies entspreche nach internationalen Normen in etwa der Summe, die die medizinische Versorgung und Lohnausfälle der Opfer decken könnte. Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, fordert die Unternehmen auf, die sich noch nicht an dem Fonds beteiligt haben, Zahlungen zu leisten: "Das ist das Mindeste, was die Konzerne für die betroffenen Menschen tun können."

Shila Begum muss alles selbst zahlen. Sie kann nicht mehr arbeiten, ist auf die Unterstützung ihrer Familie angewiesen. Ihre Tochter kann nicht mehr zur Schule gehen, weil dafür das Geld fehlt. "Manchmal frage ich mich: Hat es überhaupt einen Sinn gehabt zu überleben", sagt Shila Begum und schaut die Journalisten fragend an.


"Es darf sich nicht mehr lohnen, Menschenleben zu opfern"

Die Auftraggeber reden sich aus der Verantwortung. Die deutsche Modemarke Adler bestreitet direkte Lieferbeziehungen zur Fabrik. Ein Teil der Ware sei ohne Wissen von Adler dort produziert worden. Adler habe die Ware nur akzeptiert, weil die Fabrik ein Zertifikat vom TÜV Rheinland besaß. Der TÜV Rheinland weist daraufhin, dass das Zertifikat nichts über die Gebäudesicherheit aussage.

Anne Jung von der Menschenrechtsorganisation medico international, die Shila Begums Reise ebenfalls unterstützt, hält das Ende der freiwilligen Selbstkontrollen für überfällig. "Die Freihandelsrechte der Unternehmen sind besser geschützt, als die Rechte der arbeitenden Menschen", sagt Jung . "Wir fordern Unternehmen, für solche Arbeitsbedingungen haftbar zu machen. Es darf sich wirtschaftlich nicht mehr lohnen, Menschenleben zu opfern." Ansonsten sei es nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Haus einstürzt.

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Kampagne für saubere Kleidung
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Mit einem "Arbeitsverhaltenskodex für die Bekleidungsindustrie" will die Kampagne unter anderem erreichen, dass inter- nationale Unternehmen faire und soziale Mindeststandards einhalten. Die IG Metall gehört zu den Unterstützern.

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Mehr über die Outdoor-Branche, ihre Produktionsbedingungen und Kontrollen gibt es bei der Christlichen Initiative Romero (CIR).

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