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Praxisbeispiel Bosch: Flexibilisierungsmodelle in der Erprobung

Lösungen, die praktikabel sind

18.07.2013 Ι Arbeiten von Nine to five? Zu diesem Klassiker gibt es in vielen Firmen schon Alternativmodelle. Nicht nur Teil- oder Gleitzeit. Der Autozulieferer Bosch testet zur Zeit unterschiedliche Modelle. Davon können Beschäftigte profitieren. Denn für viele ist flexibleres Arbeiten die Voraussetzung, damit sie Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren können.

Wer nach neuen Arbeitsmodellen recherchiert, der würde diese sicher nicht unbedingt bei einem Unternehmen vermuten, dass kürzlich ein 125-jähriges Jubiläum feierte. Doch Bosch, ein weltweit aufgestelltes Unternehmen, ist bei der Erprobung neuer Arbeitszeitmodelle sehr aktiv. Dem Betriebsrat bei dem Autozulieferer ist bewusst, dass beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade Arbeitszeit und Flexibilisierung wichtige Instrumente sind.

Doch Regelungen zu treffen, die nicht funktionieren oder von der Belegschaft nicht positiv erlebbar sind und dann nicht angenommen werden - daran hat die Interessenvertretung kein Interesse. Daher ist bis jetzt auch wenig über neue Flexibilisierungsmodelle an die Öffentlichkeit gedrungen. "Wir wollen nicht nur Leitlinien für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben, sondern verbindliche Regelungen vereinbaren und neben den Instrumenten auch deren Umsetzung konkret regeln." Das erklärt Bernhard van Dyken, einer der drei Geschäftsführer beim Gesamtbetriebsrat der Robert Bosch GmbH in Gerlingen.


Mehr Spielraum bei der Arbeitszeit

Gleitzeit, Teilzeit oder Regelungen zur Pflege - das ist in vielen Firmen bereits Standard. Und diese Regelungen gibt es selbstverständlich auch bei Bosch. Denn dass Jobs mit einer starren Arbeitszeit, in der Praxis immer schlechter funktionieren, das wissen die Betriebsräte. Daher werden verschiedene neue Modelle getestet. Vor einigen Jahren wurde bereits ein Ergänzungstarifvertrag "Arbeitszeit" abgeschlossen, der Ingenieuren und anderen hochqualifizierten Beschäftigten deutlich mehr Spielraum bei der Arbeitszeit einräumt. Es wird ein Zeitkorridor in der Woche zwischen 35 und 40 Stunden ermöglicht. Und die bis zu fünf Stunden, die über die reguläre tarifliche Wochenarbeitszeit von 35 Stunden hinaus gehen, können in ein Langzeitarbeitskonto übertragen werden. Diese angesammelten Stunden können dann flexibel für ganz verschiedene Anlässe genutzt werden.

 

Pilotprojekt "MORE"

In einem weiteren Projekt testet zur Zeit eine Gruppe von ausgewählten Führungskräften Teilzeit und Home Office. Auf die Frage, warum man diese Modelle gerade mit Führungskräften testet, erläutert der Geschäftsführer des Bosch-Gesamtbetriebsrats, dass so die Akzeptanz bei Vorgesetzten gegenüber neuen Arbeitsmodellen erhöht werden soll. "Denn die Chefs erwarten auch bei uns immer noch, dass ihre Mitarbeiter permanent präsent sind". Wenn die Vorgesetzten dann feststellen, dass die Aufgaben auch zu Hause oder außerhalb der Bürozeiten erledigt werden können und sie ihr Familienleben besser mit dem Beruf vereinbaren können, stehen sie einem solchen Modell positiver gegenüber.

Ausgewählt waren in einem ersten Schritt 150 Führungskräfte aus der oberen und mittleren Führungsebene, weitere 500 bis in die untere Führungsebene sollen jetzt folgen. "MORE" wurde in der ersten Projektphase positiv aufgenommen. Als besonders attraktiv wurde "mobiles Arbeiten" oder "Home Office" bewertet. Schwieriger gestaltet es sich bei der Teilzeit, da es bisher nicht überall gelingt, den Arbeitsumfang entsprechend zu reduzieren.

Dass in der ersten Projektphase vor allem Führungskräfte oder die Beschäftigten der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ausgewählt werden, hat auch einen ganz praktischen Hintergrund. Die Arbeitsaufgaben von Entwicklern, Forschern und Angestellten können auch am PC zuhause erledigt werden. Während Tätigkeiten, die in der Produktion angesiedelt sind, eher weniger räumlich ausgelagert werden können. Zudem setzt sich eine neue Arbeitskultur auch hier einfacher durch. Von den rund 120 000 Beschäftigten die deutschlandweit bei Bosch tätig sind, arbeitet jeder Sechste im F&E-Bereich - konkret sind das 21 000 Beschäftigte.

 

Trennung von Beruf und Privatleben

Aktuell verhandelt der Gesamtbetriebsrat eine entsprechende Betriebsvereinbarung "Mobiles Arbeiten" für alle Beschäftigten. "Uns sind aber auch Schutzmechanismen wichtig, damit den Beschäftigen auch die Trennung von Beruf und Privatleben gelingt und nicht alles miteinander verschwimmt", betont van Dyken.

Bedeutet das, dass gute Vereinbarkeitsregelungen für die Beschäftigten in der Produktion tabu sind? Nein. Doch auf jeden Fall müssen für die Produktion andere Modelle entwickelt werden. "Es muss auch familienfreundliche Schichtmodelle geben. Uns liegt daran, dass die Regelungen tatsächlich von den Beschäftigten als Verbesserungen erlebt werden und auch praktikabel sind. Dann werden sie auch angenommen", stellt van Dyken fest.

Weltweit arbeiten bei der Robert Bosch GmbH etwa 300 000 Beschäftigte. Das Unternehmen ist global der größte Automobilzulieferer. In dieser Sparte wird etwa 60 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet. Gerade wenn es um innovative Neuerungen geht, mischt das Unternehmen ganz vorne mit.

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