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Nachhaltiger Industrieumbau

Nachhaltiger Industrieumbau

Mit gutem Beispiel vorangehen

10.12.2012 Ι Der Strukturwandel der Wirtschaft muss sein, um Ressourcen zu scho­nen und das Klima zu schüt­zen. Darin waren sich Wissenschaftler auf dem Kurswechselkongress der IG Metall in Berlin am 5. bis 7. Dezember 2012 einig. Und wenn er rich­tig ange­gan­gen wird, bie­tet er auch Chancen: zum Beispiel lang­fris­tig sichere Arbeit und neue Arbeitsplätze.

Ökolo­gi­sche Nachhaltigkeit funk­tio­niert nicht ohne soziale Nachhaltigkeit. Langfristig sichere Arbeit und neue Arbeitsplätze sind unabdingbar. Wenn das nicht geschieht, wird Industrieumbau als Bedrohung emp­fun­den und erzeugt Widerstand. Klar ist auch, ohne die Beteiligung der Menschen funktioniert er nicht. Die Beschäftigten und die Gewerkschaften, kön­nen viel dazu bei­tra­gen, dass der Umbau vor­an­geht ­- und ein Erfolg wird.


"Heute umzu­steu­ern kos­tet uns weni­ger als wenn wir wei­ter auf mor­gen war­ten". Der Wechsel zu einer öko­lo­gisch und sozial nach­hal­ti­gen Wirtschaft und Gesellschaft muss sofort anfan­gen. Darin waren sich die Wissenschaftler einig, die am 6. Dezember 2012 auf dem Kurswechselkongress der IG Metall im Forum "Nachhaltiger Industrieumbau" refe­rier­ten. Einen Bremser auf dem "Pfadwechsel" zu nach­hal­ti­ger Wirtschaft ver­or­tete Kurt Hübner, Professor an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, in den Finanzmärkten, die auf schnelle, hohe Renditen ausgerich­tet sind. Sie müss­ten so umstruktu­riert wer­den, dass sie wie­der der Realwirtschaft die­nen und Innovationsprozesse unterstützen.


Aus Verlierern dür­fen keine Blockierer wer­den

Die Industrieproduktion, von neo­li­be­ra­len Zeitgeistsurfern vor der Krise noch als "old economy" von ges­tern abge­kan­zelt, "wird welt­weit dras­tisch zuneh­men", prognostizierte Hübner. Aber das bis­he­rige Wachstumsmodell habe keine Zukunft, weil es an öko­lo­gi­sche Grenzen stößt. Die span­nen­den Frage sei: Wie lei­ten wir den Über­gang in ein neues Wachstumsmodell ein. Bei der Transformation werde es viele Widerstände geben, auch unter den Arbeitnehmern. Denn es gebe Gewinner und Verlierer. "Der Prozess muss sozial beglei­tet wer­den, um die poten­zi­el­len Verlierer mit im Boot zu hal­ten und damit aus Verlierern nicht Blockierer werden."
 

Wer nach­hal­tig sein will, muss nicht arm sein

"Muss man arm wer­den, um ener­gie­ef­fi­zi­ent zu sein?" Diese Frage stellte Fritz Reusswig. Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Um sie gleich mit "Nein" zu beant­wor­ten. Es stimmt zwar, dass die ärms­ten Länder am wenigs­ten Natur und Rohstoffe ver­brau­chen und die Umwelt am wenigs­ten belas­ten. Aber am Beispiel des sehr unter­schiedli­chen Ressourcenverbrauchs von Städten - wie London, New York und Houston -  zeigte er, dass Wohlstand und Nachhaltigkeit zusam­men gehen kön­nen. Zersiedelte Städte erzeu­gen erheb­lich höhere Belastungen als ver­dich­tete. Reusswig plä­dierte unter ande­rem für eine bes­sere Stadtplanung und mehr kom­mu­nale Investitionsprogramme. Er hält sogar eine Stärkung der Massenkaufkraft für sinn­voll - wenn sie die Menschen befä­higt, Produkte zu kau­fen, die bes­ser statt bil­li­ger sind. Ferner brachte er Mehrwertsteuersätze in die Diskussion, die Anreize schaf­fen, grüne Produkte zu kaufen.
 

Nicht auf den Letzten war­ten

Mit dem öko­lo­gi­schen Kurswechsel dürfe nicht gewar­tet wer­den, bis selbst die größten Zauderer und Bremser in der Völkergemeinschaft bereit sind mit­zu­ma­chen, sagte Kurt Hübner. Auch Alleingänge wür­den sich loh­nen. Deutschland könne durch sein gutes Beispiel die posi­ti­ven wirt­schaft­li­chen Argumente lie­fern, um auch die ande­ren zu über­zeu­gen. Wer tech­no­lo­gisch vor­an­schreite, habe auf dem glo­ba­len Markt wirt­schaft­li­che Vorteile.
 

Reich der Mitte auf dem Weg nach vorn

Andere Länder sind schon auf dem Weg dort­hin. Zum Beispiel China. In "Reich der Mitte" stieg der Energieverbrauch inner­halb von nur zehn Jahren um 150 Prozent. Das Land ist welt­weit der größte CO2-Emittent, berich­tete Eva Sternfeld vom China-Institut an der Technischen Universität Berlin. "Wenn wir Klimaschutz wol­len, müs­sen wir China mit ins Boot neh­men". Die Volksrepublik ver­folge schon "ambi­tio­nierte Ziele". Es inves­tiere hohe Summen in umwelt­freund­li­che Autos. Es habe die Energieeffizienz zwi­schen 2006 und 2010 um 19,4 Prozent gestei­gert. In verschiedenen Städten lau­fen Projekte, den Kohlendioxid-Ausstoß zu ver­rin­gern. Die Emissionen von Kohlekraftwerken, die 80 Prozent des Energiebedarfs im Land decken, wur­den stark reduziert.
 
Das Land sei welt­weit füh­rend bei der Wasserkraft, baue die Windenergie for­ciert aus, fördere die Solarenergie, wenn auch vor allem für den Export. In den nächs­ten Jahren will es den Anteil nicht­fos­si­ler Energie stark stei­gern - aller­dings vor allem durch Atomkraftwerke; 25 Reaktoren sind im Bau. 

 

Konsum hier, Umweltprobleme im Ausland

Kathryn Harrison, auch Professorin an der British Columbia-Universität, wies auf den Zusammenhang zwi­schen Bevölkerungswachstum und Treibhausgasen hin. So seien die CO2-Emissionen in den USA zwar seit 1990 anders als in Deutschland stark gestie­gen, aber pro Kopf um zwölf Prozent gesun­ken. Die natio­na­len CO2-Bilanzen, so Harrison, wür­den auch anders aus­se­hen, wenn nicht nur die im Land pro­du­zier­ten, son­dern auch die verbrauch­ten Güter betrach­tet wür­den. In Deutschland zum Beispiel wären die Emissionen um 25 Prozent höher, wenn die impor­tier­ten Waren - wie Nahrungsmittel, Kleidung, bil­li­ges Spielzeug - ein­ge­rech­net wür­den. Harrison ver­trat die Auffassung, dass sich auch die Konsumgewohnheiten und Lebensstile ändern müssten.
 

Gegen-Lobby für Umweltschutz

Hübner wies dar­auf hin, dass die öko­lo­gi­sche Umstrukturierung der Wirtschaft kein Selbstläufer ist. Die Politik müsse ihn steu­ern. Doch je stär­kere Emissionen in einem Sektor ver­ur­sacht wer­den, desto stär­ker ist die wirt­schaft­li­che Lobby, die (erfolg­reich) dage­gen agiert, sagte Harrison. Dagegen müs­sen sich "Wachstumskoalitionen" bilden, emp­fahl Hübner. Es müss­ten sich "Interessengruppen aus Produzenten und Verbrauchern her­aus­bilden", die Druck auf die Politik und Wirtschaft ent­fal­ten kön­nen und "die Entwicklung mitgestal­ten". Die Gewerkschaften sind nach Auffassung von Kathryn Harrison in der Lage, in die­sem Prozess "zum län­der­über­grei­fen­den Lernen" beizutragen.

 

Öko­lo­gi­sche und soziale Nachhaltigkeit gehö­ren zusam­men

"Je län­ger wir mit dem öko­lo­gi­schen Umbau war­ten, desto schwie­ri­ger wird er", mahnte Jürgen Kerner, geschäfts­füh­ren­des IG Metall-Vorstandsmitglied. Ein Schlüssel zu nachhaltigem Industrieumbau bestehe darin, die Ressourceneffizienz der Firmen zu erhöhen. Daran müss­ten die Beschäftigten betei­ligt werden.
 
Kerner wies dar­auf hin, dass öko­lo­gi­sche Nachhaltigkeit nur in Verbindung zu sozia­ler Nachhaltigkeit funk­tio­niert. Nachhaltige Industriepolitik könne Arbeitsplätze lang­fris­tig sichern und viele neue schaf­fen. Es ist Zeit für gute Arbeit. Dazu gehört ein Arbeitsplatz, der angemes­sen bezahlt wird, gute Arbeitsbedingungen bie­tet und die Rechte der Beschäftigten ach­tet. Das ist heute zum Beispiel in der Windbranche in der Regel nicht der Fall. Wenn bei­des gelingt, sagte Kerner, "wird der Umbau nicht als Bedrohung gese­hen, son­dern als Chance".

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