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Belastende Überkopfarbeit im Kfz-Handwerk, Foto: Joern Buchheim

Gesund in Rente - schön wär's

Abrackern bis zum Umfallen

14.08.2012 Ι Überall in der Arbeitswelt müssen Beschäftigte eine Schippe drauf legen. Mehr Tempo, mehr Stress ist die Maxime in den Betrieben. Aber was ist mit den Menschen, die sich kaputt gearbeitet haben und noch nicht in Rente gehen können?

Nach wie vor haben Ältere am Arbeitsmarkt kaum Chancen. Die Arbeitsbedingungen lassen in vielen Bereichen ein Arbeiten bis zum gesetzlichen Rentenalter nicht zu. Arbeits- und Zeitdruck sind allgegenwärtig. Arbeitszeiten laufen aus dem Ruder. Schicht- und Nachtarbeit machen Leib und Seele mürbe.

Bereits vor der Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 war es vielen Beschäftigten schon nicht möglich, bis zur Rente zu arbeiten. Durch diesen Beschluss der Bundesregierung wird sich die Situation der Beschäftigten noch verschärfen. Wer in die Sackgasse Frühverrentung gerät, weil der Körper nicht mehr mitmacht, muss hohe Rentenabschläge in Kauf nehmen.

Arbeiten in Zwangshaltung

Arbeit zum Beispiel im Handwerk geht im wahrsten Sinne des Wortes auf die Knochen. Muskel- und Skeletterkrankungen sind bei den Kfz-Berufen die Erkrankung Nummer eins. Typisch für die Arbeit in Autowerkstätten ist die Überkopfarbeit, wenn  Beschäftigte "über dem Kopf" mit Werkzeugen hantieren müssen. Viele Betroffene sind gezwungen, verschleißbedingt früher in Rente zu gehen. Auch Schwerhörigkeit wegen Dauerbeschallung gehört zu den häufigen Krankheitsbildern. Besonders krass sind die Belastungen im Nutzfahrzeugbereich. Die schweren Lkw-Teile hin und her zu wuchten, macht Bandscheiben und Gelenke auf Dauer kaputt.

Auch die Arbeit in der Automontage fordert Beschäftigten viel ab. Zum Verlegen des Kabelbaums auf der Hutablage etwa muss der Monteur in das Innere des Fahrzeugs kriechen. Diese und andere unbequemen Zwangshaltungen fordern ihren Tribut. In vielen Automobilwerken in der Produktion sind über die Hälfte der älteren Arbeiter einsatzeingeschränkt. Das heißt, ihnen wurde ärztlich bescheinigt, dass sie körperlich nicht mehr in der Lage sind, alle Arbeiten auszuführen.  

Extreme Temperaturen

Auch andere Tätigkeiten in Metallbranchen belasten die Beschäftigten stark. Wer jahrzehntelang in Gießereien oder Stahlwerken geschuftet hat, weiß ein Lied davon zu singen. Die hohen Temperaturen in der Produktion, verbunden mit Nacht- und Schichtarbeit hinterlassen ihre Spuren. Die wenigsten Beschäftigten in diesen Branchen schaffen es, normal in Rente zu gehen, sondern scheiden vorher aus, weil der Körper nicht mehr mitmacht.

Die Unternehmen sind gefordert, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Bisher erkennen sie nur sehr zögernd die Aufgabe, dass sie Arbeit so gestalten müssen, dass ihre Mitarbeiter möglichst lange gesund bleiben. "Bisher konnten sich die Firmen darauf verlassen, dass es für verschlissene Mitarbeiter, die aussscheiden wollen oder müssen, genug Nachwuchs gibt", sagt Hartmut Buck vom Frauenhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Doch schon jetzt suchen Firmen händeringend nach Azubis. In Zukuft wird sich der Bedarf an Facharbeitern demografiebedingt weiter verschärfen.


Gleitender Übergang in die Rente

Das Problem muss angepackt werden, und zwar jetzt. Da nützt es auch nichts, dass sich die Politik die Arbeitswelt schönredet und behauptet, dass die Chancen älterer Menschen auf dem Arbeitsmarkt besser werden. Nur acht Prozent der Unternehmen suchen gezielt nach Beschäftigten über 50, hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung und Unternehmensberatung Mercer ergeben. Bei Gesundheitsförderung und -schutz für Ältere passiert ohnehin viel zu wenig. 


Wer die Arbeitswelt kennt, dem ist klar, dass eine starre Altersgrenze für den Renteneintritt keinen Sinn macht. Die Menschen brauchen gute Arbeit, um es gesund bis zur Rente zu schaffen. Unternehmen müssen gemeinsam mit den Beschäftigten Laufbahnen für ein ganzes Berufsleben entwickeln. Und sie brauchen Wahlmöglichkeiten beim Altersübergang. Denn Menschen und Arbeitsbedingungen sind viel zu unterschiedlich für starre Einheitslösungen.

Unterschiedliche Bedingungen in den Betrieben erfordern unterschiedliche Optionen im Rentenrecht. Nicht für alle ist jede Option geeignet, aber für alle muss etwas dabei sein. Dafür setzt sich die IG Metall mit der Kampagne "Gute Arbeit - gut in Rente" ein. Betriebsräte und Belegschaften werden in den Betrieben Druck für konkrete Verbesserungen machen und zugleich gegen die Rente mit 67 und für ein flexibles Rentenrecht mobilisieren.   

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