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Foto: Fotolia / Sashkin

Christiane Benner über die Digitalisierung der Arbeitswelt und die Rolle der Gewerkschaften

Das Büro im Taschenformat

29.06.2015 Ι Wenn Beschäftigte in der digitalen Arbeitswelt immer öfter zu vereinzelten "Clickworkern" werden, die für ein paar Cent kleine Aufträge abarbeiten, dann braucht es innovative Formen gewerkschaftlicher Organisation.
Der 1. Mai ist schon ein paar Tage her. Das Motto "Die Zukunft der Arbeit bestimmen wir" bleibt weiter gültig. Auch und gerade dann, wenn die Zeiten sich ändern und mit ihnen die Arbeit. Wenn Beschäftigte in der digitalen Arbeitswelt immer öfter zu vereinzelten "Clickworkern" werden, die für ein paar Cent kleine Aufträge abarbeiten, dann braucht es auch innovative Formen gewerkschaftlicher Organisation. Wie sich die sogenannten Crowdworker organisieren können, um gemeinsam ihre Interessen durchzusetzen, probiert die IG Metall gerade mit der neuen Internetplattform faircrowdwork.org aus. Notwendig wird das Projekt durch den rasanten Wandel der Arbeitswelt: Computer können immer komplexere Aufgaben übernehmen. In den Fabriken werden Roboter zunehmend ihre Käfige verlassen und Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten.

Eine neue Automatisierungswelle wird Arbeitsplätze im ungelernten Bereich treffen, aber auch qualifizierte Tätigkeiten auf allen Ebenen. Die Wissensarbeit löst sich von Zeit und Ort. Ausgestattet mit Smartphones und Laptops haben wir unser Büro in der Tasche und können immer und überall arbeiten.

Wir haben die Chance, selbstbestimmter und Ich-bewusster zu leben. Nicht nur in der Kreativindustrie, ebenso in den Produktionshallen und Büros. Arbeit gestaltet sich flexibler und individueller. Gewerkschaften erkennen das Gute und die Potenziale der neuen Zeiten. Dazu gehört, dass Computer und Roboter uns von gesundheitsgefährdenden, schweren und eintönigen Arbeiten entlasten können. Dass sie uns Freiheiten in Bezug auf Arbeitszeiten und Arbeitsorte schaffen und damit eine bessere Vereinbarkeit von beruflichem und privatem Leben ermöglichen. Dass sie durch neue Geschäftsmodelle Beschäftigung aufbauen und den Zugang zu Arbeit erleichtern können.

Die Zukunft der Arbeit zu gestalten heißt für die IG Metall, die Potenziale zu realisieren und die Risiken zu minimieren. Denn die Digitalisierung hat auch Schattenseiten: Wenn Beschäftigte ihre beruflichen Ziele künftig nur dann erreichen können, wenn sie immer erreichbar sind, schafft das Smartphone keine Freiheit, sondern eine neue Abhängigkeit. Wenn Beschäftigte in Zukunft nicht mehr die Wahl haben, zu Hause oder im Büro zu arbeiten, weil der Arbeitgeber den Schreibtisch mit den dazugehörigen acht Quadratmetern eingespart hat, dann ist das keine Freiheit, sondern Zwang zur Heimarbeit. Wenn Arbeitende keinen Arbeitsvertrag mehr bekommen, sondern ihren Lebensunterhalt als "Crowdworker" über eine Internetplattform verdienen müssen, dann bedeutet das nicht Freiheit, sondern umfassende Unsicherheit. Denn der Verdienst für diese wenig anspruchsvollen Mikroaufgaben liegt in den meisten Fällen weit unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns und die sonst üblichen Standards von Beschäftigungsverhältnissen - unter anderem garantierte Arbeitszeit sowie Absicherung bei Krankheit und Alter - gelten nicht.

Die entscheidende Frage ist also: Wer wird am Ende des Tages wirklich von diesen neuen Möglichkeiten profitieren? Die Beschäftigten oder nur die Unternehmen? Gewerkschaften gehen aufgrund ihrer Erfahrung nicht davon aus, dass die Potenziale sich automatisch zugunsten der Beschäftigten realisieren.

Die IG Metall will gemeinsam mit Betriebsräten und Beschäftigten den Umbruch gestalten. Unser Ziel ist "gute Arbeit" - mit planbaren Perspektiven für Beschäftigte, guten Einkommen sowie kreativen und gestalterischen Spielräumen, die ein innovationsförderliches Klima schaffen. Die IG Metall kann zum Teil auf Bewährtes zurückgreifen: Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung sind Instrumente, die keinesfalls überflüssig sind. Mitbestimmung kann Selbstbestimmung ermöglichen. Aber wir sind auch herausgefordert, uns auf neue Formen der Mitbestimmung und Beteiligung einzulassen.

Nach dem Motto "Mehr Beteiligung wagen" hat die IG Metall am 1. Mai die Seite faircrowdwork.org geschaltet. Mit dieser Seite wollen wir "Crowdworkern" eine Plattform schaffen, sich untereinander zu vernetzen und gemeinsam mit uns ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das wird auch für uns ein wichtiges Lernfeld. Die Zeit konfrontiert uns mit vielen Fragen, auf die wir längst nicht alle Antworten haben. Wir werden sie entwickeln. Gemeinsam mit den Beschäftigten.

Der Text ist als Gastbeitrag am 22. Mai 2015 in der Tageszeitung "Neues Deutschland" erschienen.

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zur Kurzbiografie von Christiane Benner / Foto: IG Metall
Christiane Benner ist Zweite Vorsitzende der IG Metall. Unter anderem ist sie für die kaufmännischen Angestellten, Ingenieure sowie die IT- und ITK-Experten in der Gewerkschaft verantwortlich.
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