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9. November: Stahlaktionstag in Brüssel. Foto: Thomas Range

© Thomas Range

9. November: Reportage vom Stahlaktionstag in Brüssel

15 000 Stahlarbeiter setzen in Brüssel ein Zeichen

10.11.2016 Ι Mehr als 15 000 Stahlarbeiter aus zehn europäischen Ländern demonstrierten am 9. November in Brüssel gegen den Import von Billigstahl und für faire Wettbewerbsbedingungen. Der Industriegewerkschaftsbund IndustriAll Europe hatte zu der Protestkundgebung aufgerufen.

"Europa muss sich klar und eindeutig zur Stahlindustrie bekennen und dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Geht die europäische Stahlindustrie den Bach runter, dann sind hunderttausende Arbeitsplätze nicht nur in der Stahlindustrie in Europa in Gefahr", sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, vor den Demonstranten in Brüssel. Damit machte er den Ernst der Lage deutlich.

Für viele Stahlarbeiter hatte der Tag sehr früh begonnen. Dieter Lieske gibt um kurz nach fünf Uhr am Morgen ein Fernsehinterview vor Tor 9 von Thyssenkrupp Steel in Duisburg-Süd. Während hinter ihm zehn Busse aufs Werksgelände fahren, erklärt der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Duisburg-Dinslaken den Grund der Reise nach Brüssel: "Uns machen die Stahl-Importe zu Dumpingpreisen große Sorgen. Und die geplante Verteuerung der CO2-Zertifikate. Das würde allein in Duisburg mehrere hundert Millionen Euro kosten und das Aus für zehntausende von Arbeitsplätzen bedeuten."

Die Busse werden mit Provianttüten beladen - auf jeden Sitz kommt eine. Es gibt Sandwiches, Müsli-Riegel und Joghurt, Multivitaminsaft und Wasser. Kurz vor sechs Uhr fährt der erste Bus los, Europas Hauptstadt ist 220 Kilometer entfernt.

Mehmet Göktas, der Sprecher der Vertrauensleute, greift zum Mikrofon und erinnert in Bus A 120 daran, dass die IG Metall vor einem Jahr die Kampagne "Stahl ist Zukunft" gestartet hat - und einen wichtigen Erfolg verbuchen kann: "Das Eigenstrom-Privileg bleibt erhalten", sagt er, "die Stahlwerke müssen keine Ökostromumlage für selbst erzeugten Strom zahlen."
 


Schon seit Stunden werden die Ergebnisse die US-Präsidentschaftswahl per Smartphone verfolgt - nur einmal liegt Hillary Clinton vorn. Um 8:30 Uhr sagt ein junger Kollege hinter mir mit fast tonloser Stimme: "Er hat gewonnen. Trump wird Präsident."

Nach drei Stunden Fahrt Ankunft in Brüssel. Der Himmel ist Grau in Grau. Es nieselt, windet und ist kalt. Rund um den Jubelpark parken die Busse, allein aus Deutschland rollen 225 Fahrzeuge mit 12 000 Fahrgästen an.

Seinen Namen erhielt das ehemalige Militärgelände, das zum Park umgebaut wurde, weil es an den 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Belgiens von den Niederlanden 1880 erinnern soll. Der Park ist 50 Fußballfelder groß und bei Spaziergängern und Joggern beliebt.

Schon von weitem ist der Triumphbogen mit seinen drei Durchgangsbögen erkennbar. Auf dem 50 Meter hohen Bauwerk aus Granit steht eine Quadriga, ein zweirädriger Streitwagen, der von vier Pferden gezogen wird. Das Ganze erinnert ans Brandenburger Tor und den Arc de Triomphe. Mit einem Unterschied: zu beiden Seiten des Bauwerks stehen großen Hallen, imposante Konstruktionen aus Eisen und Stahl, Museen für Oldtimer und Kampfflüge.

Die große überdachte Bühne steht neben dem mächtigen Triumphbogen. Auf der digitalen Leinwand steht "No Europe without Steel" - kein Europa ohne Stahl. Im riesigen Fahnenmeer vor der Bühne sind für deutsche Metallgewerkschafter fremde Farben erkennbar: grün, gelb und blau.

"Wir wollen ein eindeutiges Zeichen setzen" ruft um 11 Uhr Heiko Reese, der Leiter des IG Metall-Stahlbüros. "Stahl ist ..." sagt er, "Zukunft!" rufen die Deutschen.

Luc Triangle, Generalsekretär von IndustriAll Europe, begrüßt die Demonstranten auf Deutsch, Englisch und Französisch. "Wo sind die Delegationen aus Deutschland?" Prompt erschallt ein ohrenbetäubendes "Hier!" Die Demonstranten kommen auch aus Österreich, Belgien, Großbritannien, Finnland, Bulgarien, Tchechien, Frankreich, Italien und Ungarn. Triangle sagt, es sei inakzeptabel, dass Stahl aus China und Russland weit unter den Herstellungskosten angeboten werde: "Europa muss uns vor unfairem Wettbewerb schützen", fordert er. Notwendig seien "wirksame Handelsschutz-Instrumente". Ohne sie sei man "gegen Billigimporte machtlos".

Auch der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann spricht auf Deutsch, Englisch und Französisch. "Wir sind hier, um der Europäischen Kommission zu zeigen, dass sie eine Aufgabe hat - die Aufgabe, die Stahlindustrie zu schützen." Die Gewerkschaften seien für umweltfreundlich produzierten, sauberen Stahl. Sollte die Stahlproduktion aus Europa verdrängt werden und anderswo stattfinden, sei dort der Ausstoß von Treibhausgasen "um ein Vielfaches höher". Hofmann überbringt "die solidarischen Grüße vom Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD).

Tino Schönemann und Carlotta Gerlach von den Hennigsdorfer Elektrostahlwerken rappen: "Nur Stahl ist härter als wir."

Um 12 Uhr ziehen die Demonstranten weiter, unter dem Triumphbogen hindurch. Ralf Heppenstiel von Outokumpu aus Dillenburg/Hessen ist zufrieden. Er hebt seinen Regenschirm hoch, schaut über das Fahnenmeer, nickt und sagt: "Das passt." Erstes Ziel ist die Europäische Kommission oder das "Team Juncker", wie es auf dem haushohen Transparent heißt.

Die Vertrauensleute von Saarstahl ziehen ein Wägelchen hinter sich her, auf dem sie einen Kasten montiert haben, der mit Bildern chinesischer Stahlwerke beklebt ist. Die Werke verschwinden teilweise hinter dicken Qualmwolken. Immer wieder steigen aus dem Wägelchen Rauchschwaden auf. Und pausenlos heulen Sirenen. Die tschechischen Stahlarbeiter stehen ihren saarländischen Kollegen in nichts nach. Sie pusten in ihre Tröten, was das Zeug hält.

An einer Ecke steht Andreas Köppe von Salzgitter und schlägt die Trommel: "Noch drei Kilometer, Jungs!" Portugiesische Stahlarbeiter tragen ein Transparent, das so lang ist wie die Straße breit: "An Europe without steel will melt like stale butter" (Ein Europa ohne Stahl schmilzt wie abgestandene Butter). Der Demozug zieht vorbei an Delikatessen-Geschäften, Schnellrestaurants und Supermärkten, vorbei an Cafés und Hotels, Baustellen, Bürogebäuden, dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss, der ARD und Wohnhäusern im Jugendstil.

Ünsal Baser von HKM Duisburg ist zum dritten Mal in diesem Jahr in Brüssel. "Früher lief die Eskalation so: erst Demo im Betrieb, dann Landtag und Bundestag. Heute geht's nach der Demo vor Ort sofort nach Brüssel." Womöglich fährt er bald ein viertes Mal dorthin. Am 8. Dezember tagt der EU-Umweltausschuss, der in Sachen Emissionsrechtehandel federführend ist. Und im Februar oder März 2017 fällt die Entscheidung, wie der Emissionsrechtehandel ab 2021 gestaltet wird.

Eine Reportage von Norbert Hüsson, IG Metall-Korrespondent in Nordrhein-Westfalen

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