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Betriebsrätepreis für engagierten Kampf um Tarifvertrag. Foto: Conny Gramm/Vacuumschmelze Hanau

Vacuumschmelze Hanau: Betriebsrätepreis für engagierten Kampf um Tarifvertrag

Ein guter Betriebsrat braucht Herz, Verstand und eine starke Gewerkschaft im Rücken

02.11.2009 Ι Die Zeitschrift "Arbeitsrecht im Betrieb" hat erstmalig den Deutschen Betriebsrätepreis verliehen. Bronze ging an den Betriebsrat der Vacuumschmelze (VAC) in Hanau. Dort hatten die Beschäftigten im September 2008 nach mehreren Warnstreiks und einem einwöchigen Streik die Rückkehr des Arbeitgebers in die Tarifbindung erreicht. Wir sprachen mit Conny Gramm, der Betriebsratsvorsitzenden.

Conny, euer Arbeitgeber war aus der Tarifvertragsbindung ausgetreten. Warum?
Die VAC wurde 2005 an den amerikanischen Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) verkauft. Seitdem ist sie ein hochverschuldetes Unternehmen, denn die OEP brachte nur zu knapp ein Drittel des überhöhten Kaufpreises selbst ein. Zwei Drittel des Kaufpreises wurden dem Unternehmen als Schulden aufgebürdet. Das Unternehmen hat eine jährliche Zinsbelastung im zweistelligen Millionenbereich und strenge Renditevorgaben. Grundlage für den Kaufpreis war ein von der Unternehmensleitung erstellter Businessplan. Dieser setzt voraus, dass Umsatz und Gewinn jedes Jahr zweistellig wachsen.
2007 war ein Rekordjahr. Im Frühjahr 2008 wurde die höchste Erfolgsbeteiligung in der Geschichte der VAC ausgezahlt. Die eine Hälfte an die Belegschaft, die andere Hälfte an die außertariflich bezahlten Führungskräfte und das Management. Nur ein paar Monate später konnte die Geschäftsleitung angeblich - trotz schwarzer Zahlen - dauerhaft keine Tariflöhne mehr zahlen und wollte die Arbeitszeit verlängern, um die Gewinne zu steigern. Bereits im Juni 2008 wechselte die Firma in den Arbeitgeberverband ohne Tarifbindung (OT).

Was bedeutete das für die Arbeitnehmer bei euch?
Erst im August hat die Geschäftsleitung den Betriebsrat und die Belegschaft über den Austritt informiert. Über diese hinterhältige Tarifflucht war die Empörung bei den Beschäftigten groß. In vielen Versammlungen konnte der Betriebsrat vermitteln, dass wir ohne Tarifverträge in Zukunft nur noch Bittsteller sind und der Willkür der Geschäftsführung Tür und Tor geöffnet wird. Die Tarifverträge sind das Herzstück unserer Arbeitsverträge. Lohn, Arbeitszeit; Urlaub, Bezahlung ... alles ist hier geregelt. Ohne rechtliche Absicherung gibt es keine Haltelinie nach unten.

Mit eurem Streik und öffentlichen Aktionen habt ihr erreicht, dass der Arbeitgeber wieder in die Tarifbindung zurückkehrte. Wie habt ihr das geschafft?
Mit vielen Informationen, Flugblättern und Gesprächen. Wir haben ständig alle IG Metall-Mitglieder bei der Planung der nächsten Schritte einbezogen. Die Belegschaft und auch Nicht-Mitglieder haben sich geschlossen beteiligt. Wir haben einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Die IG Metall hat uns massiv unterstützt. Aber auch die breite öffentliche Unterstützung und Solidarität, beispielsweise das Bündnis "Eine Region steht auf" und viele Solidaritätsschreiben etc. haben uns geholfen. Neben dem Streik hat auch die Entscheidung des Landesarbeitsgerichts (LAG) zum Erfolg beigetragen. Das LAG hatte entschieden, dass bei einem OT-Übertritt für die Belegschaft keine Friedenspflicht mehr gilt und zum Streik aufgerufen werden kann.

Die Fronten waren während des Streiks ziemlich verhärtet. Die Geschäftsleitung drohte zwischenzeitlich unverholen damit, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Haben euch solche Drohungen Angst gemacht?
Der Standort Hanau ist das Herz der Vacuumschmelze. Hier werden unsere Patente und Werkstoffe entwickelt. Die Herstellung unserer Spezialwerkstoffe erfordern eine Menge know-how. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auf allen Ebenen Spezialisten mit einer hohen Produktivität. Trotzdem verlagert das Management in Hanau seit Jahren die Fertigung ins Ausland, um Lohnkosten zu sparen. Mit slowakischen oder chinesischen Löhnen wollen und können wir nicht konkurrieren. Wir leisten gute Arbeit und verlangen dafür auch eine gute Bezahlung. Natürlich machen Verlagerungspläne immer Angst - wir alle sind auf unsere Arbeitsplätze angewiesen. Aber im Zusammenhang mit unserem Arbeitskampf sind die Drohungen ins Leere gelaufen. Wir haben ja erlebt wie stark wir sind, wenn wir zusammenstehen und dass ohne unsere Arbeit der Laden nicht läuft.

Mussten die Beschäftigten Zugeständnisse zur Lösung des Konflikts bei der VAC erbringen? Was war der Kompromiss bei euch?
Leider haben sich nach dem Streik die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dramatisch verschlechtert . Neben der Schuldenlast kam jetzt noch die  Wirtschaftskrise dazu. Auftragseingang und Umsatz brachen um rund 30 Prozent ein. Wir mussten Federn lassen und haben mit unserer Gewerkschaft einen Verbandstarifvertrag abgeschlossen. Dieser wurde in einer Mitgliederversammlung mit wenigen Gegenstimmen angenommen. Für eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2010 verzichten wir für zwei Jahre auf 50 Prozent des Weihnachts- und Urlaubsgeldes und die Tariferhöhungen. Wir weichen also befristet vom Tarifvertrag ab, haben aber klare Rückkehroptionen. Außerdem haben wir wegen fehlender Aufträge zurzeit Kurzarbeit: drei bis 14 Tage, je nach Bereich.

Für euren Streik um die Tarifbindung wurdet ihr nun mit dem Bronze-Betriebsrätepreis nominiert. Orden und Ehrenzeichen werden in der Regel vom Staat als Belohnung für geleistete Dienste oder vorbildliches Verhalten verliehen. Auch der Landrat des Main-Kinzig-Kreises gratulierte euch für euren engagierten Einsatz. Welchen Wert hat euer Preis für das Allgemeinwohl?
Wir haben uns über den Preis deshalb gefreut, weil hier das mutige Zusammenstehen einer Belegschaft mit ihrer Gewerkschaft gewürdigt wurde, sich eben nicht dem Diktat des Arbeitgebers zu unterwerfen und die Tarifbindung aufzugeben. Nicht der Abbau von Tarifen und Arbeitnehmerrechten fördern das Gemeinwohl, sondern wir brauchen mehr Einflussmöglichkeiten als Beschäftigte auf die Vorgehensweise von Eigentümer und Investoren. 

Was macht für dich einen guten Betriebsrat aus?
Ein guter Betriebsrat braucht Herz, Verstand und eine starke Gewerkschaft im Rücken. Er muss konsequent die Interessen der Belegschaft vertreten und die Beschäftigten an den Auseinandersetzungen beteiligen.

Was rätst du Arbeitnehmern, die einen Betriebsrat gründen wollen?
Arbeitet eng mit eurer Gewerkschaft zusammen und traut euch. Es lohnt sich!

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Hintergrund
Streik um Tarifbindung bei der VAC

Rund 1500 Beschäftigte arbeiten bei der VAC in Hanau. Der Konzern entwickelt, produziert und vermarktet magnetische Spezialwerkstoffe. Die VAC-Gruppe erzielt in 40 Ländern einen Jahresumsatz von rund 340 Millionen Euro. Mit 600 Patenten zählt sie zu den innovativsten Unternehmen bei der Entwicklung von industriellen Werkstoffen.

Im September 2008 streikte die Belegschaft, weil die Geschäftsführung aus dem Flächentarifvertrag ausgestiegen war. Nach mehreren Warnstreiks, einer Woche Streik und umfangreichen öffentlichen Protestaktionen hatte die Belegschaft ihr Ziel erreicht: das Unternehmen kehrte in die Tarifvertragsbindung zurück.

Am 7. Oktober 2009 hat die Zeitschrift "Arbeitsrecht im Betrieb" erstmalig den "Deutschen Betriebsrätepreis" verliehen. Für ihren erfolgreichen Streik erhielten die VAC-Betriebsräte Bronze.

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