Zukunft sichern
Betriebsräte, Beschäftigte und IG Metall wehren sich gegen den Personalabbau – und setzen gemeinsam Zukunftsvereinbarungen durch. Etwa bei Audi: Dort sollen 9 500 von 61 000 Stellen in den nächsten fünf Jahren abgebaut werden. Ursprünglich wollte das Management sogar 14 000 Stellen einsparen, um den Umbau für Elektroautos zu finanzieren – und dabei auch noch nach Gutsherrenart allein entscheiden: über die Belegung der Werke – Elektro-Autos etwa sollten nur in Ingolstadt gebaut werden – über Versetzungen, Umschulungen und Schichten.
So nicht, das war für den Audi-Betriebsrat und die IG Metall klar. In Verhandlungen erreichten sie in der Grundsatzvereinbarung „Audi.Zukunft“: Betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2029 ausgeschlossen. Die 9 500 Arbeitsplätze werden sozialverträglich, etwa über Vorruhestandsregelungen abgebaut. Zudem sollen 2 000 neue Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern wie Elektroauto und Wasserstoff-Brennstoffzelle entstehen. Jeder Standort erhält konkrete Kapazitäten. Die Zahl der Auszubildenden wird nicht reduziert, sondern bleibt auf dem heutigen Stand, mit garantierter Übernahme nach der Ausbildung.
„Die Vereinbarung ist ein tragbarer Kompromiss“, meint der Audi-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Peter Mosch. „Kein einziger Audianer verliert seinen Arbeitsplatz.“ Obendrein bestimmen die Audi-Betriebsräte künftig mehr mit bei Strategie und Verteilung der Produkte auf die einzelnen Standorte.
Zukunft auch für Zulieferer
Zukunftsvereinbarungen gelingen Betriebsräten und IG Metall auch bei Autozulieferern, die besonders vom Umstieg auf Elektroautos betroffen sind. Etwa bei Bosch. In den Entwicklungszentren in Stuttgart-Feuerbach und Schwieberdingen wollte Bosch ursprünglich 1 600 der 9 600 Arbeitsplätze streichen. Nun jedoch sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2022 ausgeschlossen. Maximal 300 Stellen dürfen im Jahr 2020 über Abfindungen abgebaut werden
Das setzte der Betriebsrat Mitte Dezember durch. Die Beschäftigten haben während der Verhandlungen mit Aktionen Druck gemacht, organisiert von der IG Metall Stuttgart, die dazu die Beschäftigten befragt und Unterschriften gesammelt hat.
Bosch sagt zudem konkrete Investitionen zu: Wichtige Entwicklungsprojekte in den Bereichen Brennstoffzelle und Elektromobilität werden in Feuerbach und Schwieberdingen umgesetzt.
Im Gegenzug wird die Arbeitszeit von allen Beschäftigten, die mehr als 35 Stunden in der Woche arbeiten, abgesenkt, befristet bis Ende 2021. Alle Beschäftigten nutzen darüber hinaus die „T-ZUG“-Option und nehmen zusätzlich acht Tage frei im Jahr.
„Die Reaktionen auf den Betriebsversammlungen waren positiv“, meint der Betriebsratsvorsitzende Frank Sell. „Es ist ein angemessener Abschluss in schwierigen Zeiten.“
Sicher mit Tarifvertrag
Das funktioniert auch bei kleineren Autozulieferern. Bei KS Gleitlager im niedersächsischen Papenburg bleiben trotz erheblichem Auftragseinbruch alle Beschäftigten an Bord.
Die 470 Beschäftigten fertigen hier vor allem Lagerschalen für Verbrennungsmotoren. Doch künftig sollen hier neue Produkte für unterschiedliche Bereiche, etwa für die Industrie hergestellt werden. IG Metall und Betriebsrat haben sich mit dem Unternehmen darauf geeinigt, dass KS Gleitlager 5,5 Millionen Euro in den Standort investiert.
Alle Beschäftigten, die im Transformationsprozess versetzt werden müssen, werden für ihre neuen Aufgaben umfassend qualifiziert. Über die Verteilung der Investitionen und die Qualifizierungen entscheidet der Betriebsrat unter Beteiligung der IG Metall in einem Steuerungskreis mit.
Um Standort und Beschäftigung bis 2025 zukunftssicher zu machen, leisten die Beschäftigten einen Beitrag: Künftige Tariferhöhungen werden um 12 Monate verschoben. Zusätzlich bringen die Beschäftigten 25 Stunden aus ihrem Arbeitszeitkonto mit ein. Dabei ist es IG Metall und Betriebsrat gelungen, einen Bonus für IG Metall-Mitglieder auszuhandeln: 10 Plus-Stunden im Jahr.
Außerdem haben fast alle Beschäftigten von der im IG Metall-Tarifvertrag zum tariflichen Zusatzgeld (T-ZUG) verankerten Option Gebrauch gemacht und zusätzliche freie Tage statt Geld gewählt.
Monatelang haben IG Metall und Betriebsrat bei KS Gleitlager über ihren Transformationstarifvertrag verhandelt.
„Es war uns sehr wichtig, in diesem Verhandlungsprozess die Kolleginnen und Kollegen zu beteiligen“, meint der Betriebsratsvorsitzende Frank Sonntag. „Deswegen haben wir die Beschäftigten nach jeder einzelnen Verhandlungsrunde informiert und Flugblätter verteilt. Unserem Verhandlungsergebnis haben dann über 90 Prozent unserer IG Metall-Mitglieder zugestimmt.“
Tarif für die Transformation?
Bislang kämpfen Beschäftigte und Betriebsräte noch Betrieb für Betrieb um Zukunftsvereinbarungen. Um diese zu gestalten, hat die IG Metall bereits mehrere Tarifverträge in ihrem Werkzeugkasten, etwa zur Beschäftigungssicherung, Arbeitszeit, Altersteilzeit, Qualifizierung oder Kurzarbeit.
Doch in vielen Betrieben diskutieren die Mitglieder und Vertrauensleute der IG Metall bereits, ob nicht doch weitere tarifliche Regelungen für alle Betriebe nötig sind: Regelungen, die Investitionen, Qualifizierung und Mitbestimmung für einen fairen Wandel sichern. Auch in den Tarifkommissionen für die Metall- und Elektroindustrie wird bereits darüber debattiert, ob die IG Metall mit Forderungen dazu in die anstehende Metall-Tarifrunde gehen soll. Die Tarifverhandlungen starten im März.
Berlin muss liefern
Auch wenn sich in den Betrieben und per Tarifvertrag viel regeln lässt: Die Regierung ist ebenfalls gefragt, um Brücken in die Arbeitswelt von morgen zu schlagen. Die Baustellen heißen Qualifizierung und Kurzarbeit.
Bereits umgesetzt ist das sogenannte Qualifizierungschancengesetz. Damit wird die Förderung von Weiterbildung durch die Bundesagentur für Arbeit erheblich ausgeweitet. Seit 2019 kann grundsätzlich jede und jeder Beschäftigte gefördert werden, unabhängig von Alter oder Qualifikation. Die IG Metall will das Gesetz erweitern. Fortbildung soll für größere Gruppen von Beschäftigten einfacher möglich sein. Außerdem braucht es stärkere Anreize für Arbeitgeber und Betriebsräte, gemeinsam zu handeln.
Ebenfalls wichtig: das bewährte Instrument der Kurzarbeit weiterentwickeln, entsprechend den aktuellen Herausforderungen. Die IG Metall schlägt ein Transformations-Kurzarbeitergeld vor. Kurzarbeit wird mit Qualifizierung verbunden, auf der Grundlage von Qualifizierungsplänen, die zwischen Arbeitgebern und Betriebsräten vereinbart worden sind.
Auch im schlimmsten Fall – wenn Jobs verloren gehen – ist Unterstützung notwendig. Etwa durch Transfergesellschaften, die darauf zielen, Betroffene zu beraten, neue Jobperspektiven zu eröffnen und zu qualifizieren. Bisher ist die Förderung der Weiterbildung auf Ältere und Geringqualifizierte beschränkt. Sie sollte aber allen Personen in einer Transfergesellschaft offenstehen. Die Bezugsdauer des Transfer-Kurzarbeitergeldes sollte verlängert werden.
„Für all diese Gesetzesvorhaben machen wir in Berlin Druck“, sagt Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall. „Viele unserer Vorschläge fließen in das ‚Arbeit von morgen-Gesetz‘ ein, das der Bundesarbeitsminister derzeit vorbereitet.“
Auch auf Länderebene tut sich einiges. In den Autoländern Bayern und Baden-Württemberg laufen zum Beispiel das „Zukunftsforum“ und der „Strategiedialog“. Das Ziel: Die Automobil- und Zulieferindustrie stärken und zukunftsfähig machen.
Betrieb, Tarif, Politik: Wenn alle an einem Strang ziehen, kann der faire Wandel gelingen.