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Schluss.Punkt.Aus. Aktionsbeispiele gegen rechte Szeneläden

Protestanleitung gegen rechte Szeneläden

Dreieinhalb Jahre lang haben Bremer Bürger gegen ein Sportartikelgeschäft der rechten Szene gekämpft - am Ende mit Erfolg. Jetzt hat eine von zwei daran beteiligten Bürgerinitiativen ihre Erfahrungen zu Papier gebracht.

"Schluss.Punkt.Aus. Aktionsbeispiele gegen rechte Szeneläden" lautet der Titel der Broschüre, in der sich Vorschläge zur Abwehr rechter Szeneläden finden. Die Broschüre soll "ermutigen, animieren und inspirieren, den rechtsextremen Raumgreifungsstrategien auf vielfältige, kreative und wirkungsvolle Weise zu begegnen", wie es im Vorwort heißt.
 
2006 eröffnete im Bremer Stephaniviertel das Geschäft "Sportsfreund". Eine linksgerichtete "Kampagne Ladenschluss" machte 2007 publik, dass der Betreiber ein rechter Hooligan ist und Bekleidungsmarken wie "Thor Steinar" anbot, die vor allem bei Rechtsextremisten beliebt sind. 

Rückhalt in der Bevölkerung

Erste Proteste der Kampagne stießen in dem Viertel auf wenig Zuspruch, obwohl die teils Vermummten mit Anwohnerbriefen um Verständnis warben: "In der Demonstration könnten Sie Menschen sehen, die ihr Gesicht vermummen. Das hat den Grund, dass die Naziszene [.] gerne Fotos schießt, um später Einzelpersonen gezielt herausgreifen zu können."
 
Mehr Rückhalt in der Bevölkerung fand der Widerstand, als sich 2009 eine weitere, eher bürgerlich wirkende Initiative bildete: der "Stephanikreis Ladenschluss". Er hat jetzt auch die 52-Seiten-Broschüre herausgegeben.
 
Der Stephanikreis arbeitete zwar mit der "Kampagne Ladenschluss" zusammen, suchte aber auch weitere Verbündete. Mit-Initiator war der evangelische Gemeindepastor Friedrich Scherrer, der unter anderem vom damaligen Radio-Bremen-Intendanten Heinz Glässgen unterstützt wurde (das Funkhaus steht im Stephaniviertel). Neben anderen Organisationen arbeitete auch die IG Metall mit der Initiative zusammen.
 
Auf der ersten öffentlichen Veranstaltung ließen sich rund 50 Personen von einem Rechtsextremismus-Experten und einem NS-Zeitzeugen informieren und entwickelten Ideen für Protestaktionen. Ein Ergebnis war die Anmietung einer Plakatwand neben dem Laden und ein Aufruf an Nachbarn und Passanten, eigene Bilder und Sprüche beizutragen. Die Initiative stellte dafür an einem Nachmittag die nötigen Utensilien bereit. In der Broschüre werden sie genau aufgelistet, um Nachahmern die Arbeit zu erleichtern.
 
Im Sommer 2009 folgte eine Aktion mit kleineren Plakaten, die im ganzen Stadtviertel verteilt wurden: "Rote Karte gegen Rechts". Im Herbst stellte die Initiative ein Infoblatt zusammen, das fast nur Verfassungsschutz- und Medienzitate enthielt und die Öffentlichkeit somit besonders glaubwürdig über den Laden und die Szene-Kleidung informieren sollte.
 
Die nächste Aktion: 25 Aktivisten zogen mit einer 180 Meter langen Wäscheleine vom "Sportsfreund" zum Büro des Ladenvermieters. An der Leine hingen 2500 Postkarten von Bürgern, die eine Distanzierung des Eigentümers von seinem Mieter verlangten. Der Arbeitsaufwand für das Lochen und Aufziehen der Karten betrug laut Broschüre zwei Stunden für acht Personen. Für den "Wäscheleinen-Spaziergang" war eine Anmeldung bei der Ordnungsbehörde nötig.
 
Erfolglos blieb der Versuch, die Werbefläche einer Straßenbahn anzumieten und mit dem Spruch "Nie wieder Faschismus" zu versehen: Die Verkehrsgesellschaft BSAG akzeptiert keine politische Werbung.
 
2010 bewegten die "Sportsfreund"-Gegner das zuständige Stadtteilparlament, den "Beirat Mitte", zu einem einstimmigen Beschluss. Darin wurde die "umgehende Schließung" des Ladens gefordert. Denn er sei kein harmloses Bekleidungsgeschäft, sondern versuche, "insbesondere Jugendliche im Sinne einer rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Gesinnung zu beeinflussen".
 

Plakataktionen und Infostände


Anfang 2011 veranstaltete die Initiative einen Runden Tisch unter anderem mit Geschäftsleuten und dem Grundbesitzerverband "Haus und Grund". Das Ergebnis: eine gemeinsame Erklärung, die nach und nach von 30 Bremer Organisationen unterschrieben wurde und sich gegen jegliche Geschäftsverbindung mit der rechten Szene aussprach.
 
Es folgten weitere Plakataktionen und Infostände neben dem Laden - bis der Betreiber überraschend in einen Nachbarstadtteil umzog. Doch auch dort entwickelte sich schnell Widerstand, vor allem von einer Schule. Nach nur zwei Monaten schloss auch hier der Laden, offenbar auf Druck der zunächst ahnungslosen Vermieterin.
 
Die Initiative sieht darin einen großen Erfolg. "Er zeigt einmal mehr, dass sich Engagement und Ausdauer lohnen" - aber nur, wenn der Protest "von einem möglichst breiten Spektrum" getragen werde. Die Rechten dürften allerdings nicht nur von einem Standort zum nächsten gejagt werden, heißt es in der Broschüre weiter. Vielmehr gehe es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, "die zeigt, dass Rechtsextreme (hier und woanders) nicht gewollt sind". Je breiter der öffentliche Protest sei, "desto erfolgreicher und nachhaltiger können wir also dazu beitragen, rechtsextreme Strukturen zu behindern und zu unterbinden".
 
Ganz verhindern ließen sich die Aktivitäten des "Sportsfreund"-Gründers allerdings nicht: Laut Ladenschluss-Initiative betreibt er inzwischen einen Internet-Shop.
 
Die Verfasser informieren auch darüber, wie teuer die Protestaktionen waren: Hundert DIN-A-1-Plakate kosteten 270 Euro, die Buchung einer Plakatwand für zehn Tage 171 Euro, 10.000 Postkarten 290 Euro. Als Sponsoren betätigten sich unter anderem Geschäftsleute und der Bremer Senat. Die Broschüre kann als pdf-Datei heruntergeladen werden (www.rote-bunte-karte.de/pdf/SchlussPunktAus.pdf). Andere Initiativen dürfen sie kostenlos  auf ihren eigenen Seiten zum Download anbieten.

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