Eine Sinneswandlung machte Hans-Werner Sinn während der Finanz- und Wirtschaftskrise, allerdings nur auf den ersten Blick. 2009 forderte er, die Hypo Real Estate (HRE) zu verstaatlichen, um die Bankenholding mittels der Staatsfinanzen zu retten. Allerdings sollte die Holding sofort wieder privatisiert werden, sobald sich die Lage auf dem Finanzmarkt beruhigt habe. Das hieße, Verluste zu sozialisieren, um danach weiterzumachen wie bisher. Die Tagesschau, die Sinn zur HRE-Verstaatlichung befragte, informierte jedoch nicht darüber, dass Hans-Werner Sinn zu diesem Zeitpunkt im Aufsichtsrat der Hypovereinsbank saß. „Also genau wissen müsste, dass die HRE mit den schlechten Risiken der Hypovereinsbank belastet wurde, also die üble Bank im Dienste jener Bank darstellt, in dessen Aufsichtsrat der Professor Sinn nun seit Jahren sitzt“, kritisierte Albrecht Müller auf den Nachdenkseiten (4. Februar 2009).
Wenige Monate später erschien sein Buch „Kasino-Kapitalismus“, in dem Hans-Werner Sinn die Gründe für die Finanzkrise analysierte und aufzeigte, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Sinn machte die unzureichende Bankenregulierung und die zu geringe Eigenkapitalquote der Banken verantwortlich. Er forderte eine strenge Regulierung des Bankensystems mit einer Kernkapitalquote von mindestens acht Prozent. „Der Kasino-Kapitalismus muss in seine Schranken verwiesen werden.“ (Aufsatz von Sinn in der Festschrift zum 60. Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland). Auch Vorschriften für Kreditversicherungen, Hedgefonds und Zweckgesellschaften, die bislang außerhalb der Bilanz der Bank bleiben, sollten verschärft werden. Zudem plädiert er für ein Verbot von Leerverkäufen. Sollten die Banken das nicht schaffen, sollte sich der Staat beteiligen, die private Rechtsform müsse freilich bleiben.
Für dieses Buch erhält Sinn großes Lob von IMK-Chef Gustav Horn („glänzend geschrieben, informativ, schlichtweg überzeugend“). Dem Plädoyer Sinns für eine effektive Regulierung der Finanzmärkte sei nichts hinzuzufügen, erklärte Horn im Deutschlandradio. Große Schwächen sieht er allerdings, wenn Sinn sich den Ursachen der Krise jenseits der Finanzmärkte widmet. Hier greift Sinn nach altbekannter Argumentation der zu hohen Löhne. „Der pathologische Exportboom resultiert aus dem Umstand, dass hohe und rigide Löhne für einfache Arbeit die arbeitsintensiven Binnensektoren vernichten und eine erdrutschartige Fluchtbewegung des Kapitals und der qualifizierten Arbeit von den Binnensektoren in kapital- und wissensintensiven Exportsektoren hervorrufen.“ Horn hält dagegen und kommt letztlich zu dem Schluss, dass die schwachen Lohnzuwächse Ergebnis jener Arbeitsmarktreform seien, für die Sinn plädiere. Insofern sei Sinns „Kasino-Kapitalismus“ auch logische Folge seines eigenen Irrtums. „Er hat es nur noch nicht bemerkt.“
Scharf kritisiert Horn auch Sinns Forderung nach einem Austritt Griechenlands aus dem Euro-Währungsgebiet und Rückkehr zur Drachme. Dass Griechenland den Euro aufgeben müsse, sei nicht nur falsch, sondern sogar gefährlich für den Euroraum. Der ifo-Präsident müsse sich vorhalten lassen, durch seine Vorschläge den Zusammenhalt und die wirtschaftliche Zukunft der gesamten Währungsgemeinschaft zu gefährden, schrieb Horn in seinem Gastkommentar im Handelsblatt am 26. Februar 2012.
Zitate:
„Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“ Hans-Werner Sinn, 2009. Für diese Aussage entschuldigte sich Sinn später.
„Besser schlechte Jobs als keine Jobs.“ Hans-Werner Sinn, Spiegel, 5/2008
„Die beste Möglichkeit, um die Arbeitsplatzmisere zu meistern, ist, den Kündigungsschutz erheblich zu lockern. Dann liegen die Lasten der Arbeitslosigkeit nicht bei den jungen Leuten, die in den Arbeitsmarkt eintreten, sondern sie werden von den Gewerkschaftsmitgliedern selbst gespürt. Ohne Kündigungsschutz gäbe es den ganzen Zauber nicht: Die Gewerkschaften wären lammfromm.“ Capital, 19. Februar 2004
„Wir brauchen beispielweise Deregulierung am Arbeitsmarkt, wo der Staat mit Mindestlöhnen und Lohnersatzleistungen in die Strukturen eingreift und viel Schaden anrichtet. Gleichzeitig ist eine präzisere und wesentlich strengere Regulierung des Bankenwesen erforderlich.“ Süddeutsche Zeitung, 14. Mai 2009