Arbeitszeitverfall: Die verschenkte wertvolle Zeit
Das Milliardengeschenk an die Arbeitgeber

Zeit ist Geld. Dass das nicht nur eine Binsenweisheit ist, wird klar, wenn man sich anschaut, wie viel Geld Beschäftigte in Deutschland ihren Arbeitgebern pro Jahr schenken – durch unbezahlte Überstunden und nicht erfasste Arbeitszeit.


37,7 Stunden pro Woche arbeiten im Durchschnitt nach Tarif Vollzeitbeschäftigte in Deutschland. In der westdeutschen Metallindustrie sind es sogar nur 35 Stunden nach Tarif. Tatsächlich aber arbeiten die Menschen wesentlich länger und das oft für lau. Denn oft werden überlange Arbeitszeiten nicht erfasst oder gekappt und daher nicht vergütet. Obwohl hierzulande die Tarifverträge und das Arbeitszeitgesetz keinen Verfall von Arbeitszeit kennen und unbezahlte geleistete Arbeit rechtlich unzulässig ist.

Wie aber kann sein, was eigentlich nicht sein darf? Die Antwort liefert das Beispiel von Simon. Der arbeitet in einem tarifgebundenen Metallbetrieb in Nordrhein-Westfalen mit 35-Stunden-Woche und einem Arbeitszeitkonto. 2014 hatte Simon einen Stundenlohn von 16,75 Euro – ohne Mehrarbeitszuschläge. Tatsächlich hat der Metall-Facharbeiter aber wesentlich länger als 35 Stunden in der Woche gearbeitet, weil er sonst die Arbeit nicht geschafft hätte. Alles, was über seine tägliche Soll-Arbeitszeit von sieben Stunden hinausgeht, wandert auf das Arbeitszeitkonto. Und weil das Konto gedeckelt ist und Simon wegen der vielen Arbeit keinen Zeitausgleich nehmen konnte, werden ihm am Ende des Jahres zig Stunden einfach unbezahlt gekappt. Simon ist kein Einzelfall.

Über 1,7 Milliarden an die Chefs geschenkt?

Im Jahr 2014 machte jeder in der Gesamtwirtschaft laut Bundesagentur für Arbeit im Schnitt 48,9 Überstunden. Davon waren 27,8 Stunden ohne eine Gegenleistung in Form von Geld oder Freizeitausgleich. Übertragen auf Simon als gesamtwirtschaftlicher Durchschnittsbeschäftigter bedeutet das, dass er 27,8 Stunden zu je 16,75 Euro ohne Gegenleistung gearbeitet hat. Macht unterm Strich: Ein Geschenk von 465,65 Euro für seinen Chef – ohne Zuschläge und Zinsen.

Da Metall-Facharbeiter Simon kein Einzelfall ist, lohnt ein Blick auf das große Ganze. Legt man Simons Beispiel auf die gesamte Branche mit ihren 3,7 Millionen Beschäftigten in Deutschland um, wird das Ausmaß der verschenkten Arbeitszeit deutlich: Danach haben die Arbeitnehmer den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie im vergangenen Jahr Arbeitszeit im Wert von etwa 1,72 Milliarden Euro geschenkt – ohne Zuschläge und Zinsen.

Das Beispiel vom Facharbeiter Simon aus Nordrhein-Westfalen ist natürlich nur eine Modellrechnung. Die durchschnittlichen Überstunden in der Metallindustrie weichen vom gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt ab und nicht alle Metall-Beschäftigten in Deutschland haben einen Stundenlohn von 16,75 Euro. Je nach Tätigkeit und Region liegt dieser höher oder niedriger. Simons Stundenlohn allerdings bewegt sich ziemlich in der Mitte und so können die 1,7 Milliarden Euro als Hausnummer gelten, die das Ausmaß der verschenkten Arbeitszeit deutlich macht.

Die IG Metall will sich diesem Problem annehmen. Die Beschäftigten sind zwar bereit, sich flexibel auf betriebliche Erfordernisse einzustellen, wie die Beschäftigtenumfrage der IG Metall ergab. Allerdings erwarten sie eine Gegenleistung – am liebsten in Form von Freizeit und dann, wenn sie selbst diese brauchen oder wünschen.

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