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Foto: SAG

Netzausbau - Arbeit der Freileitungsbaumonteure

Sie hängen in der Luft

11.04.2013 Ι Sie sind die Macher der Energiewende: Die Freileitungsbau-Monteure sollen bis zum Jahr 2022 die 2800 Kilometer Stromtrassen bauen. Die sind nötig, um den Windstrom von der Küste nach Süden zu leiten. Doch die Energiewende stockt. Statt mit neuen Trassen muss die Branche mit Beschäftigungsproblemen fertig werden.

Sie hängen in der Luft. Senkrecht, waagerecht, schräg. In bis zu hundert Metern Höhe kraxeln sie auf Hochspannungsmasten herum und ziehen tonnenschwere Leitungen durch die Landschaft. Sie balancieren über Zentimeter schmale Stahlstreben, hangeln sich bäuchlings an Starkstromleitungen entlang und setzen sich rittlings darauf. Ein Drahtseilakt.

Abstürze gab es schon seit Jahren nicht mehr. "Bei der Arbeitssicherheit sind wir gut aufgestellt", erklärt Matthias Cornely. Er ist Betriebsrat bei den Freileitungsbau-Monteuren des Energieinfrastrukturlieferanten SAG in Montabaur. "Aber die Arbeit ist ein Knochenjob ohne Ende. Früher konnten wir bei starkem Regen auch mal runter und uns in den Bauwagen setzen. Doch heute ist das nicht mehr drin. Wenn es nicht gerade Gewitter oder Glatteis gibt, wird bei jedem Wetter auf den Masten durchgearbeitet."

Die Uhr tickt: Bis 2022 sollen 35 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien kommen. Und die Freileitungsbauer von der SAG und zehn weiteren Unternehmen sollen ganze 2800 Kilometer neue Trassen durch die Republik ziehen, damit der Strom von den Windrädern im Norden nach Süden kommt.


Netzausbau im Kurzschluss

Im Moment reicht die Netzkapazität in Deutschland nicht aus. Der deutsche Strom weicht über Polen und Tschechien aus und legt dort die Netze lahm. Oft stehen ganze Windparks still, weil der Strom nicht weg kommt. Die Leitungsbauer haben also eigentlich viel zu tun: von der Offshore- Windanlage 40 Kilometer vor der Küste bis zum Verbraucher nach Hause.

Hätten sie. Eigentlich. Doch seit Januar sitzen sie zumeist ohne Arbeit zu Hause. Die Hälfte der 120 Monteure in Montabaur sollte sogar vorübergehend entlassen werden. Der Betriebsrat hat in harten Verhandlungen erreicht, dass sie bleiben und dafür kürzer arbeiten. "Sobald die Aufträge wieder anziehen, brauchen wir die Leute ja wieder. Das hat die Firma schließlich eingesehen", erklärt Betriebsrat Cornely. Bis zum 31. Dezember gilt nun Kurzarbeit. Und die SAG ist keineswegs allein betroffen. "Auch wir gehen jetzt mit einem Teil der Monteure in Kurzarbeit", bekräftigt Michele Ferrara, Betriebsrat beim Mitbewerber GA in Stuttgart. "Ende letzten Jahres hatten wir noch einen guten Arbeitsvorrat. Doch jetzt schiebt sich alles weiter nach hinten. Und um das bisschen Arbeit, das da ist, schlagen sich alle." 
 

Politik im Kriechstrom

Dieses Bild bestätigt auch der Zentralverband der Elektroindustrie ZVEI. Schon Ende letzten Jahres saßen dort die Unternehmen der Freileitungsbranche zusammen, um über Auftragsmangel, drohende Kurzarbeit und Entlassungen zu beraten. Alle reden von der Energiewende - doch die Macher hängen ohne Arbeit in der Luft? Ein Grund dafür sind die komplizierten Genehmigungs- und Planungsverfahren für die einzelnen Netzabschnitte. Vieles hängt irgendwo fest. Und einen Strommast im Garten will keiner. Vieles hängt jedoch auch an den fehlenden Rahmenvorgaben der Politik: Sie hat in den letzten zwei Jahren nicht nur geschlafen, sondern durch ihren Zick-Zack-Kurs noch auf die Bremse getreten, kritisiert der SAG-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Mittler. Nun hat die schwarz-gelbe Koalition den ach so teuren Ökostrom für den Wahlkampf entdeckt. Planungssicherheit für Investitionen sieht anders aus. Das schreckt Stromerzeuger und Netzbetreiber ab. Die großen Erzeuger haben sowieso wenig Interesse an der Energiewende. Renditen wie in der Atomkraft sind mit Ökostrom nicht drin.

Mitte März hat die Regierung endlich neue Pläne und ein neues Gesetz zum Netzausbau vorgelegt. Doch die Diskussionen um die Umsetzung gehen weiter. "Bis die Bauarbeiten wieder hochfahren, kann es noch gut zwei Jahre dauern. Dann wird es eine Riesenwelle geben", schätzt der SAG-Gesamtbetriebsrat Mittler. Immerhin hat die SAG jetzt bekräftigt, dass sie auf Wachstum setzt und dafür neue Märkte und Arbeit erschließen will. Und dennoch: Zwei Jahre sind eine lange Zeit für die Freileitungsbauer.


Billigkonkurrenz in der Leitung

In zwei Jahren werden zudem viele neue Wettbewerber in den Startlöchern stehen, die etwas von dem Kuchen abhaben wollen - und die dann vielleicht in der Lage sind, Hochspannungsleitungen zu bauen. Zu deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen als die SAG mit ihrem guten Metall-Tarif. "Besonders Handwerksunternehmen ohne Tarif setzen uns schwer unter Druck. Wir bekommen immer vorgehalten: Schaut, die sind billiger als ihr", kritisiert Mittler."Wir müssen als IG Metall wieder mehr Betriebsräte und Tarifverträge im Handwerk durchsetzen. Besser statt billiger. Das ist besser für alle - gerade bei einer so schwierigen, gefährlichen und anspruchsvollen Arbeit."

Außerdem muss die IG Metall noch mehr Druck für die Energiewende machen, findet Cornely. "Unsere Monteure sind fast alle Metaller. Und ihre Arbeitsplätze sind durch die Verzögerung beim Netzausbau massiv gefährdet." Mitte März war Betriebsversammlung in Montabaur. Die Monteure haben die Kurzarbeit recht locker aufgenommen. "Ist ja nicht Eure Schuld. Die Kröte müssen wir jetzt schlucken", hieß es.Cornely hat dort auch einen ARD-Film gezeigt:Wie Politik und Energieversorger die Energiewende ausbremsen. "Das hat gesessen. Die Leute sind mächtig sauer."

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