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Krankenstand in Deutschland. Foto: Radoma/Fotolia.de

Krankenstand in Deutschland

Krankenstand in Deutschland ist ungesund niedrig

27.07.2010 Ι Das Bundesgesundheitsministerium meldet, der Krankenstand steigt. BKK und DAK melden, die Krankmeldungen der Deutschen stagnieren. Wer misst hier eigentlich was und wie sieht es wirklich aus in deutschen Unternehmen? Der IG Metall-Experte für Gesundheit und Gute Arbeit, Klaus Pickshaus, gibt einen Überblick zum Zahlenwirrwarr.

Laut der Statistik des Bundesgesundheitsministeriums liegt der Durchschnitt der krank geschriebenen Arbeitnehmer im ersten Halbjahr 2010 bei 3,6 Prozent. Das ist so hoch, wie seit fünf Jahren nicht mehr. BKK und DAK belegen mit ihren Zahlen, der Krankenstand stagniere auf niedrigem Niveau. Wie kommt diese unterschiedliche Auslegung zustande?
Nach den Daten von BKK und DAK stagniert der Krankenstand zwar im ersten Halbjahr 2010, liegt aber mit 4,2 Prozent höher als der Wert, den das Bundesgesundheitsministerium verbreitet. Die Ursache der Differenz liegt in der unterschiedlichen Erfassungsmethode: Die Statistik des Ministeriums beruht auf Stichtagsmessungen. Die Krankmeldungen jeweils am ersten Tag des Monats werden erfasst. Ist der erste Tag im Monat ein Sonn- oder Feiertag, sind die Meldungen entsprechend niedrig. Im ersten Halbjahr 2010 waren die Stichtage in der Regel Werktage und so war der ausgewiesene Krankenstand höher als im Vorjahr. Diese Messmethode ist so ungenau, dass das Ministerium schon selbst überlegt hat, darauf zu verzichten. Die Krankenkassen hingegen errechnen die Krankenstandswerte kumulativ, das heißt hier gehen alle Arbeitsunfähigkeitszeiten eines Kalenderjahres ein. Die Bezugsbasis sind die jeweiligen Mitglieder der jeweiligen Kasse. Daraus ergeben sich dann auch Unterschiede zwischen den Meldungen der einzelnen Kassen.

Kurzerkrankungen, die nicht vom Arzt bescheinigt werden, fallen ganz aus der Statistik. Bedeutet das, die Deutschen sind noch öfter krank als ausgewiesen?
Eigentlich ist der Krankenstand hierzulande sogar ungesund niedrig. Und zwar deshalb, weil er verschleiert, dass sehr viele Beschäftigte auch krank zur Arbeit gehen. Wir haben mit Hilfe des DGB-Index Gute Arbeit in einer repräsentativen Befragung ermittelt, dass jeder Zweite zweimal oder öfter im Jahr krank zur Arbeit geht. 36 Prozent machen dies sogar gegen den ausdrücklichen Rat ihres Arztes. Bei denen, die Angst um den Arbeitsplatz haben, sind die Werte noch höher. Oftmals liegt das Motiv, krank zur Arbeit zu gehen, auch in der Befürchtung, dass der Arbeitsdruck sonst noch stärker wird. Dass dies keine gewerkschaftliche Schwarz-weiß-Malerei ist, zeigen ähnliche Ergebnisse einer Umfrage durch die Bertelsmann-Stiftung. In der Wissenschaft gibt es mittlerweile zu diesem Phänomen des "Präsentismus" Untersuchungen, die zeigen, dass diese Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Erkrankung zu enormen Produktivitätseinbußen für die Unternehmen führt, sich also auch betriebswirtschaftlich nicht rechnet.

Gibt es einen Trend, welche Erkrankungen, die zum Arbeitsausfall führen, besonders stark zunehmen? Was unternimmt die IG Metall hier?
Besonders stark sind in den letzten Jahren die psychischen Erkrankungen angestiegen. Dies belegen die "Gesundheitsberichte" aller Krankenkassen, die in den letzten Wochen erschienen sind. Solche Erkrankungen wie das Burnout-Syndrom, Depressionen oder Angststörungen hängen unter anderem mit der enormen Zunahme psychischer Belastungen im Arbeitsleben, dem oft hohen Leistungsdruck, dem Arbeiten ohne Ende und der Angst um den Arbeitsplatz zusammen. Wir haben deshalb schon im letzten Jahr als IG Metall ein gemeinsames Positionspapier mit dem Verband der Betriebs- und Werksärzte zum Thema "Psychische Gesundheit in der Arbeit" erarbeitet, in der eine verstärkte Prävention bei arbeitsbedingtem Stress gefordert wird. Hierzu zählen etwa Frühwarnsysteme und die Enttabuisierung des Themas psychische Belastungen im Betrieb, Gefährdungsbeurteilungen und Gesundheitsförderung. Mit unserer IG Metall-Initiative Gute Arbeit haben wir in vielen Betrieben solche Aktivitäten zur Prävention bei arbeitsbedingtem Stress angestoßen und dazu auch eigene Instrumente wie das StressBarometer entwickelt, die Betriebsräten helfen, selbst aktiv zu werden.

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