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Erfolgreiche Integration von Geflüchteten im Betrieb

Damit der Funke auch auf andere überspringt

13.12.2016 Ι Vier junge Menschen, die aus Syrien flüchten mussten, bereiten sich jetzt bei Salzgitter Flachstahl auf eine Ausbildung als Kauffrau, Schlosser und Elektriker vor. Die Geschichte von Mazaz, Sami, Baschar und Abdullah zeigt, dass sich der Einsatz der IG Metall für ein Integrationsjahr gelohnt hat.

Bei Salzgitter Flachstahl setzt sich der Betriebsrat schon lange für die Integration von Migranten ein. Als 2015 viele Geflüchtete Deutschland erreichten, kam schnell die Idee auf, für sie im Betrieb etwas zu tun. Heute sind vier junge Menschen aus Syrien bei Salzgitter Flachstahl beschäftigt. Sie heißen Mazaz, Sami, Baschar, Abdullah. Sie haben den Schrecken des Bürgerkriegs hautnah miterlebt und bauen sich jetzt in Deutschland eine neue Existenz auf. 

Bei Salzgitter Flachstahl bereiten sich Bashar Homsi Jobrini, Abdullah Amairy und Sami Alhnydi (von links) auf eine Ausbildung vor. Foto: Betriebsrat


Mazaz, 23, bereitet sich die Ausbildung zur Kauffrau vor. Der 22jährige Bashar möchte Schlosser werden. Sami, 28, und Abdullah, 32, haben sich für die Ausbildung zum Elektriker entschieden. Derzeit befinden sie sich in einer sogenannten Einstiegsqualifizierung. Sie dient der Vorbereitung auf eine Ausbildung und kombiniert Betrieb und Schule. Die jungen Leute aus Syrien sind etwa zwei Jahre schon in Deutschland und haben Sprache schon recht gut gelernt. Sie sind alle hochmotiviert und in der Belegschaft bereits gut integriert.

Bashar kommt aus Aleppo, in seiner Heimat hatte er mit dem Studium der Klimatechnik begonnen, musste es aber wegen des Bürgerkrieges abbrechen. Der 28jährige Sami musste seine Pläne mit Jura an den Nagel hängen und konzentriert sich nun auf seine technische Ausbildung im Betrieb. Der Palästinenser Abdullah überlebte knapp im Flüchtlingsboot von Ägypten nach Italien. Mehrfach drohte das Schiff zu kentern. Die Erlebnisse auf der Flucht sitzen bei allen noch tief. Doch sie blicken nach vorn. Ihnen ist bewusst, die Arbeit bei Salzgitter ist eine große Chance, die nicht viele bekommen.

Dass für Mazaz und ihre syrischen Landsleute ein Einstieg im Werk Salzgitter überhaupt möglich war, ist dem Betriebsrat mit seinem Vorsitzenden Hasan Cakir zu verdanken. "Es war ein langer Prozess und funktionierte nur in Zusammenarbeit mit dem Bildungsträger, der die Sprachkurse für Geflüchtete anbietet", sagt Cakir. Eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft gelingt am besten durch berufliche Eingliederung und Qualifizierungsmaßnahmen. Cakir ist nach der Erfahrung mit den neuen Beschäftigten überzeugt, dass ein Integrationsjahr der richtige Weg ist, um Geflüchteten eine langfristige Perspektive zu geben.

Einfache und klare Regelungen
Die IG Metall hatte im Februar 2016 ein betriebliches Integrationsjahr vorgeschlagen. Grundidee ist Arbeit, Spracherwerb und Qualifizierung betriebsnah miteinander zu verbinden. Die Initiative der IG Metall hat sich gelohnt. Seit Oktober gibt es zwei durch die Bundesagentur für Arbeit geförderte Modelle, um Flüchtlingen den Einstieg in den Betrieb zu erleichtern. Die beiden Programme tragen die Namen "step by step" und "Kommit". Beide Modelle sind bundesweit und branchenübergreifend anwendbar. Sie richten sich vor allem an anerkannte Flüchtlinge, stehen aber nicht nur Geflüchteten sondern auch allen anderen bisher am Arbeitsmarkt benachteiligten Personen offen. Damit gibt es nun klare und einfache Vorgehensweisen. 

Das Integrationsjahr findet nun hoffentlich viele Anwender. Je mehr man über gute Beispiele spricht, desto eher springt der Funke auf möglichst viele Betriebe über. Das Modell "step by step" richtet sich vor allem an Menschen unter 25 Jahren. Es unterstützt Spracherwerb und den Weg in eine betriebliche Ausbildung in vier Phasen. Das Modell lässt sich gut mit den Tarifverträgen der IG Metall zur Einstiegsqualifizierung kombinieren. Ziel ist ein anerkannter Berufsabschluss. Das Modell "Kommit" richtet sich demgegenüber insbesondere an über 25-Jährige und unterstützt und verbindet den gleichzeitigen Einstieg in Arbeit und berufsanschlussfähige Weiterbildung. Wichtig ist dabei, dass die Betroffenen nach Tarif oder ortsüblich entlohnt werden, um Ausbeutung etwa durch sogenannte Schmutzkonkurrenz zu verhindern.

Mentoring und Ausbildungsverbund
Die Qualifizierungsmaßnahmen stehen und fallen mit der Betreuung im Betrieb. Die Geflüchteten brauchen einen persönlichen Ansprechpartner, der praktische Dinge erklärt, wo sich die Kantine und der Werksarzt befinden, und der aber auch für die jeweilige Problemlage ein offenes Ohr hat. In Salzgitter kümmert sich ein Sozialarbeiter um die neuen Kollegen. Auch andere Unternehmen der Metallbranche engagieren sich für die Integration von Flüchtlingen. Einen erfolgreichen Ansatz wählte man bei John Deere in Mannheim. Dort wurde ein Verbund mit fünf Unternehmen der Metallbranche gegründet. Insgesamt wurden in einem ersten Schritt 30 Geflüchtete in den Betrieben aufgenommen. Sie kommen aus dem Iran, Syrien und Eritrea. Auch sie durchliefen zunächst eine Praktikumsphase mit drei Tagen Arbeit im Betrieb, einem Tag Berufsschule und einem Tag Sprachunterricht.

Von den Beschäftigten, die bei John Deere die Einstiegsqualifizierung absolviert haben, hat einer im September dieses Jahres die Ausbildung  begonnen. "Der Kollege ist auch gleich in die IG Metall eingetreten", berichtet der Betriebsrat Birol Koca von John Deere. Der Ausbildungsverbund hat sich inzwischen auf sieben Unternehmen erweitert. Es sind jetzt auch Betriebe aus der Chemiebranche dabei. Azubis von John Deere übernehmen das Mentoring für die Geflüchteten. Die Praktika und Ausbildungsplätze für Geflüchtete kommen zu dem bisherigen Stellenangebot des Unternehmend on top dazu.

Sehr wenige Fehltage
Auch bei Siemens in Düsseldorf haben dieses Jahr vier Geflüchtete die Auszubildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik begonnen. Drei stammen aus Syrien und einer aus dem Irak. Alle hatten bereits eine technische Vorbildung und schon praktisch gearbeitet oder ein technisches Fach studiert. Anfangs gab es große Verständigungsprobleme, berichtet der Jugend- und Auszubildendenvertreter Mohamed Alkadi. "Der Fachwortschatz bei Elektrotechnik ist schon für Leute mit Deutsch als Muttersprache schwer zu verstehen."

Die Geflüchteten hatten vor dem Ausbildungsstart bei Siemens eine einjährige Einstiegsqualifizierung durchlaufen. Dafür wurden sie praktisch und theoretisch getestet. Sie mussten beispielweise Lüsterklemmen anschließen. In einem Onlinetext ging es um logisches Denken, Mathematik und Reaktionszeit. Während der Einstiegsqualifizierung bekamen sie 160 Euro und ein Schülerticket, damit sie zur Ausbildungsstätte fahren konnten. Auch hier war die Betreuung durch Mentoren entscheidend für den Erfolg. Jugendvertreter Alkadi äußert sich durchweg positiv über die neuen Kollegen: "Sie sind sehr motiviert und diszipliniert, das sieht man schon daran, dass es sehr wenige Fehltage bei ihnen gibt." Nach den guten Erfahrungen wird Siemens in Köln das Programm fortsetzen und weitere Geflüchtete aufnehmen. 
 

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