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125 Jahre IG Metall - 125 Jahre Einsatz für mehr Gleichberechtigung

Chancen endlich gleich verteilen

20.06.2016 Ι Gleicher Lohn für Mann und Frau? Davon konnten Frauen vor 125 Jahren nur träumen. Damals verdienten Männer noch das Doppelte. 125 Jahre IG Metall - das sind auch 125 Jahre Einsatz für eine gerechte Bezahlung der Frauen. Dem könnten Frauen 2016 einen Schritt näher kommen. Dann, wenn das Entgeltgleichheitsgesetz kommt.

Gleichstellung - dafür hat sich die IG Metall in den vergangenen 125 Jahren immer wieder engagiert - in den Betrieben ebenso wie in der Politik. Dazu gehört auch Equal Pay - also die gleiche Bezahlung für gleichwertige Tätigkeiten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die noch immer nicht selbstverständlich ist. Denn auch jetzt noch finden Unternehmen immer wieder Schlupflöcher, um Frauen nicht die gleichen Chancen zu geben oder sie wie die Männer zu bezahlen  - trotz vergleichbarer Tätigkeiten.

 

"Ich wollte auf jeden Fall etwas mit den Händen machen". Das sagt Carolin Geist und erklärt damit, warum sie sich nach der Schule nicht für einen der typischen Büroberufe entschieden hat. Sie hat Industriemechanikerin bei Volkswagen gelernt und ging nach der Prüfung in die Wellenfertigung des Autobauers als Maschinenbedienerin. Das ist auch 2016 eher ein typischer Männerberuf, so wie viele der Jobs, die in der Produktion oder Montage erledigt werden. Dabei bewegen Frauen so Einiges. Denn überall "dort, wo Frauen eingesetzt werden, haben sich anschließend auch die Arbeitsbedingungen verbessert", erklärt Geist aufgrund ihrer Erfahrung als freigestellte Jugend- und Auszubildendenvertreterin bei VW in Kassel. Sie berichtet von Hebe- und Tragehilfen, die angeschafft werden, um die körperliche Belastung der Beschäftigten zu reduzieren. "Davon profitieren dann natürlich auch die Männer", erklärt sie.

 

Im Jahr 2016 gibt es weder Frauenabschläge, noch Leichtlohngruppen. Zumindest nennt man sie nicht so. Gegen beides hatten Frauen geklagt und gewonnen: 1955 wurden die Frauenabschläge gekappt und 1988 die sogenannten Leichtlohngruppen. Junge Frauen wie Carolin Geist, 24 Jahre, kennen das nur aus den Berichten ihrer älteren Kolleginnen. Aber auch die Jugend- und Auszubildendenvertreterin Geist bekommt ein niedrigeres Entgelt als ihre männlichen Kollegen. Als Erklärung muss ihre Funktion als freigestellte Jugendvertreterin herhalten. Sie könne sich schließlich nicht für ihren Job qualifizieren, da sie Interessenvertretungsarbeit mache, sagen ihre Vorgesetzten. Bei Carolin Geist ist es ihr Engagement, andere Frauen können sich nicht weiterbilden, da sie Teilzeit arbeiten oder wegen der Kinder nicht so flexibel sind. Gründe finden Arbeitgeber immer, um Frauen nicht wie Männer zu bezahlen.

 

Renate Müller, 61 Jahre alt und inzwischen in der Altersteilzeit, war 1975 eine der ersten jungen Frauen, die bei VW einen gewerblich technischen Beruf erlernten. Damals, vor über 40 Jahren war sie eine Ausnahme, doch auch sie wollte, genau wie Caroline Geist nach ihrem Abitur etwas Handwerkliches machen. Nach der Ausbildung arbeitete Renate Müller als Werkzeugmacherin im Werkzeugbau. Dort war sie in der Abgas-Schalldämpfer-Produktion beschäftigt und bog die Auspuffrohre in einen genau definierten Winkel. Danach folgte der Einsatz als Werkzeugmacherin im Werkzeugbau. "Alle, die das machten, waren in der gleichen Lohngruppe - egal ob Frau oder Mann", sagt Renate Müller.

 

Doch über Ungerechtigkeiten berichtet auch sie. Renate Müller, die von 2006 bis 2012 stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei VW in Kassel war, erklärt: "Die Lohnunterschiede haben ihre Ursache nicht nur in ungleicher Bezahlung an vergleichbaren Arbeitsplätzen. Sie entstehen vor allem dann, wenn die Chancen nicht gleich verteilt sind, wenn Männer den Frauen davoneilen, immer weiter aufsteigen". Die ehemalige Betriebsrätin hat das in ihrer Berufslaufbahn immer wieder erlebt: Männer entwickeln sich weiter, machen Fortbildung, werden zum Meister befördert. Frauen strampeln sich ab, müssen häufig ein Vielfaches mehr leisten, doch nur wenige von ihnen kommen voran. Warum? Auch, weil Mütter häufiger als Väter die Kinder betreuen und Töchter öfter als Söhne die Pflege von Angehörigen übernehmen.

 

 

Leichtlöhne gibt es nicht mehr

Das Thema Entgeltgerechtigkeit ist so alt wie die IG Metall. Schon beim Streik der Textilarbeiterinnen 1903/04 in Crimmitschau ging es um die Bezahlung. Die Frauen bekamen im Schnitt 13 Mark in der Woche, ihre männlichen Kollegen das Doppelte. Die IG Metall hat einiges getan, damit die Entgeltlücke kleiner wird. In den 1970er- und 80er-Jahren kämpften Metallerinnen und Metaller gegen die Leichtlohngruppen, in denen vor allem Frauen eingruppiert waren. Die Proteste brachten Erfolg: Dass das Bundesarbeitsgericht die Leichtlohngruppen 1988 endlich als mittelbar diskriminierend verbot, war vor allem dem unermüdlichen Protest der Gewerkschaftsfrauen zu verdanken.

 

Kundgebung der beschäftigten Frauen des Fotounternehmens Heinze in Gelsenkirchen für Lohngleichheit, 1977.

 

Der Fortschritt ist eine Schnecke - zumindest fühlte es sich so an, als am 16. März 2016 das Statistische Bundesamt verkündete, die Entgeltdifferenz beträgt 21 Prozent. Obwohl die Gewerkschaften in der Vergangenheit einiges bewirkt haben: Der Mindestlohn verbessert die Einkommenssituation vor allem von Frauen im Osten. Und die ERA-Tarifverträge sind eine gute Ausgangsbasis für eine diskriminierungsfreie Bezahlung. Facharbeiterinnen verdienen in einem tarifgebundenen Unternehmen 3,7 Prozent weniger, in einem nicht tarifgebundenen sind es über 14 Prozent.

 

Auch viele Betriebsräte nutzen ihren Einfluss: Im Rahmen der IG Metall-Initiative "Auf geht's faires Entgelt für Frauen" prüfen die Interessenvertreter die Eingruppierung Beschäftigten. Sie befassen sich mit den Stellenausschreibungen und der Bewertung von Arbeitsplätzen. Und dabei stellen sie fest: Oftmals gibt es keine rationalen Begründungen für die Entgeltdifferenzen. Das zumindest war früher anders. Damals waren es vorwiegend ungelernte Arbeiterinnen, die aus Not in die Fabriken kamen. Gerade einmal 5,8 Prozent hatten 1907 eine Ausbildung. Diese unzureichende Qualifikation kam der Industrie gerade recht, so konnte auch das niedrige Lohnniveau schlüssig begründet werden. Doch heute? Frauen sind heute genauso gut und schlecht gebildet wir ihre männlichen Kollegen. Daran liegt es nicht.

 

Von 50 Prozent Lohndifferenz Anfang des 19. Jahrhunderts auf aktuell 21 Prozent. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dauert es noch viele Jahrzehnte bis tatsächliche Entgeltgleichheit herrscht. Um den Prozess zu beschleunigen, fordert die IG Metall ein Entgeltgleichheitsgesetz, das diesen Namen auch verdient. Das bringt mehr Transparenz, auch wenn allein dadurch noch keine Gerechtigkeit geschaffen würde. Dass es jetzt Eckpunkte zu dem Entgelttransparenzgesetz gibt, begrüßt die IG Metall. Dann müssen die Unternehmen die Entgeltdaten veröffentlichen, analysieren und damit den Weg freimachen, um Diskriminierung abzubauen.

 

Aber auch wenn das Entgelttransparenzgesetz tatsächlich noch in diesem Jahr kommen sollte - Renate Müller und Carolin Geist gehen beide davon aus, dass sie sich noch einige Jahre für gleiche Bezahlung engagieren werden. "Nix kommt von alleine. Wenn wir uns nicht selbst für unsere Interessen einsetzen, tut es niemand für uns", so Renate Müller.

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