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Der andere Blick: Beitrag von Heribert Prantl

Medienmacht und Demokratie

27.10.2011 Ι "Meinungsmacher" ist ein gängiges Wort. Hat derjenige Macht, der Meinungen macht? Ist es Macht, seine Meinung in hohen Auflagen oder mit hoher Einschaltquote zu verbreiten? Und wenn ja, wie wird sie genutzt? Sind Journalisten verkappte politische PR-Agenten? Lautsprecher der Politiker? Oder Jäger der Mächtigen? Welche Macht haben die Medien?

Einer der ganz frühen Sätze, die ich über den Journalismus gehört habe, war sehr böse: "Journalisten sind wie Schnittlauch. Sie schwimmen auf jeder Suppe." Damals, es war 1975/76, war ich Jurastudent und Stipendiat des Instituts für Publizistischen Nachwuchs. Der Satz hat mich so abgeschreckt, dass ich mich erst einmal auf mein Jura-Studium konzentriert habe, Staatsanwalt und Richter geworden und eigentlich nur durch Zufall wieder beim Journalismus gelandet bin. Vielleicht hatte ich ja den Medienwissenschaftler falsch verstanden. Vielleicht hatte er gar nicht den Ist-Zustand des Journalismus beschrieben, sondern nur die Gefahren, die er in sich birgt: Aus einem Journalisten kann ein PR-Mensch werden, der so schreibt, wie es der Auftraggeber will und wie es neue Aufträge bringt. Ich will die PR-Leute nicht diskreditieren. Aber: PR und Journalismus, das sind zwei verschiedene Berufe.


Haltung

Im Journalismus, so lässt es Balzac in seinem Roman "Verlorene Illusionen" den jungen Denker Michel Chrestien sagen, werden "Seele, Geist und Denken" verschachert. Der Satz ist so böse wie der vom Schnittlauch. Aber er stimmt nicht, solange es Journalismus mit Haltung gibt, solange sich journalistische Sachkunde mit Souveränität, Ausdauer, Neugierde und Aufklärungsinteresse vereint. Guter Journalismus ist ein Journalismus, bei dem die Journalisten wissen, dass sie eine Aufgabe haben - und dass diese Aufgabe mit einem Grundrecht zu tun hat: Nicht für jeden Beruf gibt es ein eigenes Grundrecht, genau genommen nur für einen einzigen: für Journalisten. Die große Frage lautet nicht: Wie schafft man Klicks, Reichweite, Auflage. Die große Frage lautet: Wie schafft man Vertrauen? Dann kommen auch Klicks, Reichweite und Auflage.


Aufgabe und Ziele

Wozu und zu welchem Ende betreiben wir Journalismus? Muss man eine Vision haben,wie sie der Journalist Theodor Herzl hatte? Herzl hat eines Tages in sein Tagebuch notiert: "Ich glaube, für mich hat das Leben aufgehört und die Weltgeschichte begonnen." Ein Kollege, von dem ich wüsste, dass er heute so eine Notiz in sein Tagebuch schreibt, wäre mir sehr suspekt. Herzl hatte wohl damals damit begonnen, an seiner Broschüre "Der Judenstaat" zu schreiben - die heute als eine Art Gründungsurkunde des Staates Israel gilt. Theodor Herzl ist wohl der einzige Journalist, dessen Porträt im Plenarsaal eines Parlamentes hängt, in der Knesset. Und er ist der einzige Journalist, dessen Familien-Name "Herzl" ein Vorname, ein beliebter jüdischer Vorname geworden ist. Theodor Herzl - von 1891 an war er Paris-Korrespondent der Neuen Freien Presse.

Ich glaube, ein Journalist soll, er darf kein Herzl sein. Es ist nicht Aufgabe des Journalisten, den Weltlauf zu beeinflussen und einen Staat zu gründen. Es ist aber auch falsch, dass sich ein Journalist mit keiner Sache gemein machen soll. Dies ist ein Satz, den der verstorbene Fernsehjournalist und Moderator Hanns-Joachim Friedrichs gesagt hat: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört." Dieser Satz ziert die Anzeigen, mit denen ein Journalistenpreis ausgeschrieben wird - und ist trotzdem falsch. Er ist falsch, wenn er so verstanden würde, dass einem Journalisten nichts und niemand angelegen sein soll. Wenn einem Journalisten nichts etwas bedeutet, bedeutet der Journalismus nichts.


Demokratie

Die Sache des Journalismus ist die Demokratie, die Sache des Journalisten sind die Grundrechte und Grundwerte der Verfassung - dafür gibt es nämlich die Pressefreiheit. Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie. Und wenn Journalisten dieses Brot missachten und stattdessen Kaviar essen, dann haben sie ihren Beruf verfehlt.


Macht und Kraft

Haltung heißt: für etwas einstehen, Haltung heißt: sich nicht verbiegen lassen, nicht von kurzfristigen Moden, nicht von unrealistischen Renditeerwartungen. Haltung heißt, sich von der Nähe zur politischen Macht nicht korrumpieren zu lassen. Hat Journalismus eigene Macht? Manchmal. Es ist Macht, ein vergessenes oder verdrängtes Thema auf die Agenda zu setzen. Und die Aufdeckungsmacht bei Affären und Skandalen ist auch eine Macht. Meist hat der Journalismus eher Kraft - und wenn es nur die Kraft ist, Geschwätzigkeiten, Durchstechereien und Kleinigkeiten aufzublasen.


Freiheit

Pressefreiheit ist nicht eine Freiheit der publizistischen Scharfrichter, auch nicht die Freiheit der Politik-Claqueure. Pressefreiheit ist die Freiheit verantwortungsvoller Journalisten und Verleger die sich über eines im Klaren sind: Es ist die Pflicht zu harter Arbeit.

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Zum Autor

Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung und Leiter der Redaktion Innenpolitik sowie Mitglied der Jury des Otto Brenner Preises. In seinem neuen Buch "Der Zorn Gottes"geht es unter anderem um den Finanzkapitalismus und seine Auswüchse.

Weitere Infos

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus
Einmal im Jahr vergibt die Otto Brenner Stiftung, die Wissenschaftsstiftung der IG Metall, ihren Preis für "kritischen Journalismus". Eine unabhängige Jury zeichnet Journalisten aus, die unbequeme Fragen stellen, gründlich recherchieren und Missstände aufdecken.

Die Preisträger 2011 sind unter anderen:

Erster Preis:
Volker ter Haseborg und Lars-Marten Nagel für ihre Artikelserie über die
Wohnungsgesellschaft Gagfah. Seit die Gagfah in den Händen einer "Heuschrecke" ist, spart sie systematisch an notwendigen Reparaturen und belügt Mieter.

Zweiter Preis:
Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt für ihre Artikelserie zur HSH
Nordbank, die Mitarbeiter bespitzelte und falsche Beweise zur Kündigung unterschob.

Dritter Preis:
Ursel Sieber für ihr Buch "Gesunder Zweifel" über die Machenschaften von
Pharma- und Krankenhauslobby, Selbstbedienungspraktiken und Zwei-Klassen-Medizin.

Die Preise werden am 22. November 2011 in Berlin verliehen.
Weitere Details zum Preis, zu den weiteren prämierten Beiträgen und zur Jury gibt es hier:

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