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Tarifbindung
Warnstreik bei Boryszew für Tarif statt nur Mindestlohn

8,84 Euro in der Stunde – der gesetzliche Mindestlohn. Mehr gibt es bislang nicht für gut 80 Prozent der Beschäftigten des Autozulieferers Boryszew in Prenzlau. Das wollen sie endlich ändern. Gemeinsam mit uns kämpfen sie nun für einen Tarifvertrag.


140 Beschäftigte des Automobilzulieferers Boryszew in Prenzlau in der brandenburgischen Uckermark sind heute für vier Stunden in den Warnstreik getreten, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. 80 Prozent der Beschäftigten erhalten derzeit nur den gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro in der Stunde.

Für das wenige Geld produzieren die Beschäftigten in einer neuen Hochglanzhalle monatlich fast eine Million chromglänzende Kunststoffteile wie Türgriffe und Zierleisten unter anderem für VW, Audi und Daimler. Für den Neubau der Halle hat die polnische Boryszew-Gruppe 4 Millionen Euro staatliche Fördergelder eingeheimst ― und den brandenburgischen Zukunftspreis 2017, auch wegen der „hohen Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ und der „gebührenden Anerkennung ihrer Leistungen“.


Geschäftsleitung verweigert Wertschätzung

8,84 Euro in der Stunde ― das ist die reale „Wertschätzung“ für die allermeisten Beschäftigten, darunter viele Frauen. Die „gebührende Anerkennung ihrer Leistungen“ müssen sie sich nun selbst erkämpfen. 2015 wählten sie einen Betriebsrat. Immer mehr traten in unsere Gewerkschaft ein. Im Februar 2018 forderten wir in Ostbrandenburg die Geschäftsleitung schließlich zu Verhandlungen auf.

„Wir wollen endlich mehr Geld. Die ganzen Jahre haben wir geschrubbt und uns den Rücken dabei kaputt gemacht ― und gehofft, dass wir endlich anständig entlohnt werden“, erzählt Heike Lange. Die 46-Jährige hat 2006 für 5,50 Euro hier angefangen. Aus Prenzlau weg will sie nicht. Sie hat hier ihre Freunde und ihren Garten. Angst, mit ihrem Namen hier zu stehen hat sie nicht. „Es wurde mal Zeit, dass wir einen Betriebsrat bekommen und uns einen Tarifvertrag holen.“


Abwehrhaltung der Geschäftsleitung

Doch die Geschäftsleitung will von einem Tarifvertrag nichts wissen. Sie lehnt die Verhandlung mit uns ab. Auch ein erster Warnstreik Anfang Mai brachte die Geschäftsleitung nicht zur Vernunft.

„Dabei weiß der Arbeitgeber sehr wohl, dass ein Tarifvertrag nichts Schlimmes ist. Boryszew hat sechs Standorte in der Bundesrepublik, davon sind einige an Tarifverträge gebunden ― auch an Tarifverträge mit der IG Metall“, erklärt Peter Ernsdorf, Bevollmächtigter der IG Metall Ostbrandenburg.


Solidarität von überall ― VW’ler fahren 400 Kilometer nach Prenzlau

Doch die Beschäftigten lassen sich nicht unterkriegen. Mit ihrem Entschluss, gleich für vier Stunden die Arbeit niederzulegen, demonstrieren sie ihre Entschlossenheit. Und sie erhalten Unterstützung: Solidaritätserklärungen kommen aus der Politik ― vom Bürgermeister von Prenzlau und vom Land ― und von anderen Betrieben bundesweit.

Eine Delegation von VW in Zwickau ist sogar 400 Kilometer weit angereist, um ihre Solidarität mit ihren Kollegen bei ihrem Zulieferer zu demonstrieren. Man kennt sich: Die Metaller von Boryszew waren Ende letzten Jahres bei der großen Kundgebung zum Auftakt der Metall-Tarifrunde in Chemnitz, aus reiner Solidarität.


Versammlung in rot

Die Geschäftsleitung hatte noch versucht, die Beschäftigten vom Warnstreik abzubringen. Über Aushänge im Betrieb bot sie an, dass es Lohnerhöhungen ohne uns geben soll. Für den Freitag ― am Brückentag ― hat sie die Beschäftigten zu einer Versammlung eingeladen.

Da wollen die Beschäftigten tatsächlich auch hingehen ― allerdings in roten IG Metall-T-Shirts. „Wir haben hier eine sehr selbstbewusste Belegschaft. Das haben wir über Jahre gemeinsam aufgebaut“, meint Metaller Peter Ernstdorf. „Den Beschäftigten ist völlig klar, dass ihnen der Arbeitgeber nichts Verlässliches anbieten wird. Und dass es Sicherheit nur mit einem Tarifvertrag gibt“.

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