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Ein Metaller für Europa

Der Wolfsburger Francesco Garippo kandidiert für die Europawahl am 26. Mai. Der Betriebsrat mit italienischen Wurzeln kommt von der Basis, hat lange am Montageband gestanden. „Er ist einer von uns“, sagen die Kollegen in seiner Abteilung stolz.

1. April 20191. 4. 2019Martina Helmerich


Wenn Franceso durch den Betrieb geht, bleibt er oft stehen. In Halle 4 werden Karosserien für den Golf gefertigt. Schweißroboter fügen den Unterbau zusammen. Längsträger, Stirnwand, Boden, Abschlussblech und Radhäuser werden unter Funkenregen zusammengefügt.

Die Kolleginnen und Kollegen freuen sich, Francesco zu sehen, und nutzen die Gelegenheit, ihn spontan anzusprechen. Er hört zu, macht sich Notizen, telefoniert. „Bei uns im Betrieb bin ich es gewohnt, die Dinge schnell und pragmatisch zu regeln“, sagt Francesco. Alle nennen ihn bei VW nur Franco. Zu seinem vollständigen Namen Francescantonio, 15 Buchstaben, erzählt er eine Geschichte. „Einer meiner Großväter hieß Francesco, der andere Antonio, also haben meine Eltern einen Namen daraus gemacht. Da gab es dann keinen Streit.“

Als freigestellter Betriebsrat bei Volkswagen in Wolfsburg mit Sinn für Verbindendes betreut er ungefähr 1 000 Frauen und Männer, die in drei Schichten im „Karobau“ arbeiten. Da gilt es, so manchen Ausgleich zu schaffen, immer im Sinne der Beschäftigten. Jetzt hat sich Francesco ein neues Ziel gesetzt: Europa. Konkret heißt das Brüssel und Straßburg, die beiden Orte, an denen das Europa­parlament im Wechsel tagt. Wahltermin 26. Mai. Auf dieses Datum hat der Metaller seinen Terminkalender ausgerichtet. Er ist jetzt mehr als vorher auf Achse.

Die Fahne der EU hat er immer im Auto dabei, wenn er zu Wahlveranstaltungen fährt.

Freude über Kandidatur

Das Hallo war groß, als Francesco im Betrieb bekannt gab, dass er sich für die Europawahl aufstellen lässt. Viele freuten sich über seine Kandidatur, weil sie wissen, wie er als Betriebsrat mit Problemen umgeht. Francesco ist bekannt als einer, der sich um alles kümmert. Arbeitnehmerthemen wären bei ihm in guten Händen. „Mir ist klar, dass es mit Platz 34 auf der bundesweiten SPD-Liste nicht einfach sein wird, ein Mandat zu bekommen. Aber ich mache das, weil ich für den Gedanken von Europa stehe“, sagt er.

Unterstützung vor Ort hat er. „Franco hat früher selbst am Band gestanden, er ist einer von uns“, sagt sein Kollege Karsten Wagner im Pausenraum. Seine Kollegen nicken zustimmend. Seine Frau Anna Pia, auch sie Italienerin und im VW-Werk in der Qualitätssicherung beschäftigt, musste sich erst an den Gedanken gewöhnen. Francesco hatte schon vor Jahren das Angebot, mehr in der Politik zu machen. Damals hat er abgelehnt, „der Bambini wegen“. Jetzt sind Sohn und Tochter erwachsen.

Garippo ist gelernter Feinmechaniker. Er versteht sich auf das Zusammenspiel kleiner Bauteile. Auch in Brüssel greifen viele Rädchen ineinander. Von außen ist die Mechanik, die Europa zusammenhält, für die Bürger manchmal schwer zu verstehen. Die Erfahrungen aus seinem Arbeitsleben dürften ihm zunutze sein. Es gibt nicht so viele Betriebsräte unter den EU-Parlamentariern.

Francesco stammt aus Süditalien. Geboren in Palomonte südlich von Neapel kam er schon als Kleinkind nach Deutschland. Dort arbeitete der Vater erst bei einer Ziegelei und dann bei VW. Die Garippos besuchten oft die Heimat. Francesco hat noch das Europa der strengen Grenzkontrollen erlebt. „Wenn wir nach Italien zur Familie gefahren sind, wurde an der Grenze unser Auto manchmal auseinandergenommen. Wir mussten den ganzen Kofferraum auspacken. Heute fahren wir über die Grenzen in Europa, ohne dass man etwas merkt. Für junge Leute ist das selbstverständlich.“


Meilensteine für Integration

Francesco ist in Wolfsburg Stadtratsmitglied und wurde 2016 zum Ortsbürgermeister des Stadtteils Kästorf-Sandkamp gewählt. Dass er sich intensiv um das Thema Integration von Migranten kümmert, ist kein Zufall. In der IG Metall macht er seit 35 Jahren Migrationsarbeit auf allen Ebenen. Das sehr fortschrittliche Integrationskonzept der Stadt Wolfsburg ist maßgeblich auf ihn zurückzuführen. Weitere Meilensteine, die er gesetzt hat, sind der Internationale Tag gegen Rassismus und der Tag des Flüchtlings, die jedes Jahr in der Stadt begangen werden. „Wir sind eine der besten Städte für Integration“, sagt er.

Darüber hinaus hat ihn das Thema Europa schon immer interessiert. „Europa ist ein zerbrechliches Wesen, wir müssen sorgsam damit umgehen. Ich möchte nicht zu der Generation gehören, die Europa kaputt gemacht hat.“

Die Themen Mindestlöhne, Mitbestimmung und Regeln für Arbeitsverträge sind ihm wichtig. Unternehmen sollten in Europa einheitlich besteuert und die Arbeitslosenversicherung angeglichen werden. „Wir haben seit Jahrzehnten den Binnenmarkt, jetzt müssen wir das Europa der Menschen gestalten.“

In seinen vielen Gesprächen appelliert er an die Menschen, am 26. Mai wählen zu gehen. „Wir können es uns nicht leisten, dass bei jungen Leuten nicht mal 30 Prozent zur Europawahl gehen. Europa sichert uns seit vielen Jahren Frieden. Wir müssen weiterdenken. Vielleicht gibt es irgendwann eine Europäische Staatsangehörigkeit. Wir brauchen mehr Standards, zum Beispiel bei der Arbeitssicherheit. Bei den Regeln, die in ganz Europa gelten, liegen wir noch weit auseinander.“

Man merkt, jetzt, wenige Wochen vor der Abstimmung, ist Francesco in seinem Element. „Ich habe als Betriebsrat schon viele Wahlkämpfe gemacht, seit ich mit 26 Jahren als jüngster Betriebsrat bei VW gewählt wurde.“ Da passt es, dass ihm eine italienische Gewerkschaft vor Kurzem eine Armbanduhr geschenkt hat. Der Zeitmesser funktioniert nicht wie jeder andere. Das Zifferblatt zeigt 25 Stunden. Bei Francesco Garippo hat man den Eindruck, dass sein Tag jetzt auch eine Stunde mehr hat als sonst. 25 Stunden in vollem Einsatz für Europa.

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