15. Dezember 2023
Jahresrückblick
Mach’s gut, 2023! Das war das Jahr der IG Metall
Zum Jahresende werfen wir einen Blick zurück: Was waren 2023 die größten Baustellen für die IG Metall? Was haben wir gemeinsam erreicht? Eine Übersicht von A wie Auto bis T wie Tarif.

Automobil: Neue Geschäftsmodelle als Kernaufgabe

Ab 2035 dürfen in Europa nur noch Pkw verkauft werden, die klimaneutral unterwegs sind. Für die Hersteller und Zulieferer bedeutet das: Sie müssen schon jetzt ihre Produktion umstellen und neue Produkte suchen. Doch gerade kleineren Betrieben fehlen oftmals die Mittel dazu. Daher hat sich die IG Metall bei der Politik für regionale Transformationsnetzwerke eingesetzt. 27 dieser Netzwerke haben dieses Jahr die Arbeit aufgenommen und helfen den Betrieben dabei, neue Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dafür werden sie mit 136 Millionen Euro vom Bund gefördert. Doch ein Selbstläufer ist die Transformation deshalb noch lange nicht, wie der aktuell stockende Hochlauf der E-Mobilität zeigt. Daher hat die IG Metall Vorschläge entwickelt wie Transformation in der Mobilität ökologisch nachhaltig, demokratisch und sozial gestaltet werden kann – und geht mit konkreten Forderungen auf die Politik zu.


Aktionswoche militärische Luftfahrt

Unter dem Motto „Für unsere Sicherheit“ machten Mitte November rund 12.000 Aktive an bundesweit über 20 Standorten auf die bedrohliche Lage in der wehrtechnischen Luftfahrtindustrie aufmerksam. Die Regierung beschafft derzeit vermehrt Flugzeuge und Hubschrauber für die Bundeswehr aus amerikanischer Produktion, ohne dabei jedoch zu regeln, dass Bauteile für diese Maschinen an deutschen Standorten gefertigt werden – oder dass die Wartung oder Weiterentwicklung in heimischen Betrieben ausgeführt wird. Weil das so ist, fürchten die Beschäftigten der Branche zunehmend um ihre Jobs. Die Botschaft der Kolleginnen und Kollegen ist klar: „Wir fordern, dass bei Auftragsvergabe aus Steuergeldern die Beschäftigung und Förderung von technologischer Weiterentwicklung in Deutschland berücksichtigt werden“, betonte Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, bei einem Aktionstag bei Airbus in Taufkirchen. Die Aktionen haben bereits Bewegung in die Politik gebracht: Kurzfristig anberaumte Standortbesuche von hochrangigen Vertretern der Luftwaffe, Abgeordneten und Spitzenpolitikern zeugen davon.


Beschäftigung für Menschen mit Behinderung

Die IG Metall hat lange eine sogenannte vierte Stufe der Ausgleichsabgabe für Betriebe gefordert, die trotz Beschäftigungspflicht keinen einzigen Menschen mit Behinderung beschäftigen. Bislang weigern sich über 40.000 Betriebe dieser gesetzlichen Pflicht gerecht zu werden. Das sind 25 Prozent aller beschäftigungspflichtigen Unternehmen in Deutschland. Mit dem Gesetz zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarktes wurde diese Forderung endlich umgesetzt. In Zukunft müssen Totalverweigerer nun pro nicht besetztem Pflichtarbeitsplatz und Monat bis zu 720 Euro Ausgleichsabgabe zahlen. Das ist zwar noch zu wenig, aber ein großer Schritt in die richtige Richtung. Die Mittel, die dadurch gewonnen werden, werden zukünftig ausschließlich für Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt genutzt. Auch das ist ein wichtiges Zeichen, weil es deutlich macht, dass Sonderarbeitswelten für Menschen mit Behinderung Teil des Problems und nicht Teil der Lösung waren. Gesellschaftliche Teilhabe entscheidet sich nicht zuletzt in der Arbeitswelt – auf dem ersten Arbeitsmarkt.


Bürgergeld

Seit Januar 2023 ist Hartz IV Geschichte. Das neue Bürgergeld hat einige Verbesserungen gebracht: Zum Beispiel bleiben Ersparnisse zunächst geschützt, und Weiterbildung soll Vorrang haben vor schneller Vermittlung in Aushilfsjobs. Probleme bleiben: Die Problematik der Regelsätze ist nicht gelöst. Das Ziel, die Würde und Leistung der Einzelnen besser zu achten, wird nicht erfüllt.


Großer Erfolg bei den SBV-Wahlen

Im Herbst 2022 fanden die Wahlen der Schwerbehindertenvertretungen (SBV) in Betrieben mit mindestens fünf Wahlberechtigten statt – im Jahr 2023 nun wurden die Auswertungen fertig gestellt. Dabei zeigte sich: Die IG Metall ist und bleibt weiter die größte Behindertenorganisation der Arbeitswelt. Darüber hinaus gab es so viele Neugründungen wie noch nie. Unter den gewählten Vertreterinnen und Vertretern sind 80 Prozent IG Metall-Mitglieder: Deutlich über 100.000 Beschäftigte mit Behinderung bilden die Basis für eine aktive gewerkschaftliche Behindertenpolitik. Schwerbehindertenvertreter sind Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für alle Beschäftigten im Betrieb. Sie setzen sich für die Gesundheit erhaltende Arbeit ein, für gleichberechtigte Teilhabe sowie Prävention von Behinderungen. Die SBV-Wahlen, die alle vier Jahre stattfinden, sind von elementarer Bedeutung: Von einer starken SBV profitieren nicht nur Kolleginnen und Kollegen mit einer Behinderung – sondern alle Beschäftigten.


Heimat für alle – die IG Metall

Als einzige große Organisation in Deutschland hat die IG Metall systematisch untersucht, wie viele ihrer Mitglieder einen Migrationshintergrund haben. 2023 gab es eine Neuauflage der Befragung. Ergebnis: Die Vielfalt der Arbeitswelt spiegelt sich in der Mitgliedschaft wieder. In den Branchen der IG Metall haben derzeit 29 Prozent der Beschäftigten einen Migrationshintergrund. Bei den IG Metall-Mitgliedern in den Betrieben sind es 27 Prozent. Viele von ihnen (29 Prozent) sind gewerkschaftlich aktiv: als Vertrauensleute oder in Tarifkommissionen. In der betrieblichen Mitbestimmung sind 21 Prozent engagiert (z.B. Betriebsrat, JAV).


IG Metall mit neuer Führungsspitze

Alle vier Jahre treffen sich hunderte Metallerinnen und Metaller zum Gewerkschaftstag – dem höchsten beschlussfassenden Gremium der IG Metall. Im Oktober fand der Kongress in Frankfurt am Main statt. Die Delegierten beschlossen dort den Kurs der IG Metall in den kommenden vier Jahren. Und: Sie wählten eine neue Führung. Nach acht Jahren an der Spitze der IG Metall trat Jörg Hofmann nicht mehr an. Neue Erste Vorsitzende der IG Metall ist Christiane Benner, neuer Zweiter Vorsitzender Jürgen Kerner.


Kampf für den Brückenstrompreis

Die energieintensive Industrie in Deutschland ächzt unter den hohen Strompreisen. Die Wettbewerbsfähigkeit steht auf dem Spiel. Für Zukunftsinvestitionen fehlt Geld. Die IG Metall hat 2023 immer wieder auf diese Probleme hingewiesen. Tausende Metallerinnen und Metaller gingen auf die Straße. Ihre Forderung: Ein Brückenstrompreis, der die Kosten senkt und den Betrieben Luft verschafft. Die Bundesregierung schnürte daraufhin ein Strompreispaket für energieintensive Unternehmen. Wegen der Haushaltkrise der Ampelkoalition ist aber noch unklar, wie es damit weitergeht.


Krankenkassen in Not

Zum Jahreswechsel 2023/24 steigt der Zusatzbeitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung – mal wieder. Trotzdem ist die Finanznot im Gesundheitssystem groß. Die IG Metall hat sich auch 2023 in die Debatte um Gesundheitsreformen eingeschaltet. Unser wichtigster Reformvorschlag: Die Bürgerversicherung muss kommen! Sie würde viele Gut- und Sehr-gut-Verdiener ins System holen – und damit die Finanzierung der Gesundheitsversorgung auf eine breitere Basis stellen.


Lieferketten kontrollieren

Seit Anfang 2023 ist das Lieferkettensorgfaltsgesetz scharf gestellt. Unternehmen ab 3000 Beschäftigte müssen  Verantwortung für ihre Lieferketten übernehmen. Das bedeutet, sie müssen menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten konsequent nachkommen. In Deutschland betrifft das in der Metall- und Elektroindustrie sowie in den anderen von der IG Metall organisierten Branchen rund 200 Unternehmen mit insgesamt 2,42 Millionen Beschäftigten. Ab dem 1.1.2024 sinkt die Schwelle auf 1.000 Beschäftigte.


Maschinenbau: Mehr Ausbildung gegen Fachkräftemangel

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau hat das Potenzial, zu einer Schaltzentrale für die Transformation zu werden – und dafür zu sorgen, dass das Siegel „Made in Germany“ auch in einer klimaneutralen Wirtschaft Kaufargument bleibt. Doch viele Betriebe gefährden dieses Zukunftsbild. Die personalpolitischen Fehlentscheidungen in der Corona-Krise wirkten sich 2023 auf die Fachkräftesituation aus. So war das Jahr im Maschinen- und Anlagenbau geprägt durch den Fachkräftemangel, woraus sich eine hohe Arbeitsbelastung für die Beschäftigten ergab. Für die IG Metall heißt das: Wir streiten für mehr Festanstellungen, mehr Ausbildungsplätze und gegen Verlagerungsvorhaben. Damit auch die Rahmenbedingungen stimmen, um den Maschinen- und Anlagenbau zu einem Transformationsgewinner zu machen, setzt sich die IG Metall bei der Politik für eine stärkere Industriepolitik ein – und für die Berücksichtigung von Standort- und Beschäftigungssicherung sowie Tarifbindung bei politischer Förderung.


Rente: Wie geht`s weiter?

Wo bleibt es nur? Seit vielen Monaten warten Sozialpolitiker auf das Rentenpaket der Bundesregierung. Eigentlich sollte es schon im Sommer vorgestellt werden. Die wichtigsten Inhalte sollen sein: Eine dauerhafte Stabilisierung des Rentenniveaus und das sogenannte Generationenkapital – ein Fonds, der Geld am Kapitalmarkt anlegt. Der erste Punkt würde Millionen Beschäftigten mehr Sicherheit für ihren Ruhestand geben. Ganz im Gegensatz zu den Kürzungsideen einiger Wirtschaftsweisen. Wenn das Rentenpaket 2024 hoffentlich kommt, wird die IG Metall genau hinschauen.


Stahl: Beschäftigte kämpfen für grüne Produktion

In der Stahlindustrie kämpften die Metallerinnen und Metaller auch 2023 für die Transformation hin zur grünen, klimaneutralen Stahlproduktion. Dafür müssen die Hütten ihre Hochöfen durch Direktreduktionsanlagen ersetzen. Doch dieser Umbau ist sehr teuer, die Betriebe können ihn nicht alleine stemmen. Auf Drängen der IG Metall hat die Politik Fördergelder versprochen, allerdings ließen diese dieses Jahr auf sich warten. Nur bei Salzgitter Flachstahl ging es relativ reibungslos. Bei Thyssenkrupp mussten 12.000 Metallerinnen und Metaller Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auf einem Aktionstag an sein Versprechen erinnern. Der Druck wirkte, mittlerweile sind die Fördergelder für die erste Anlage da.

Noch etwas weiter im Westen lief es ähnlich. Seit Jahren kämpfen die Beschäftigten der Saarländischen Stahlindustrie für ihre grüne Zukunft. Mitte Oktober waren 16.000 Metallerinnen und Metaller in Dillingen und Völklingen bei einem Stahlaktionstag auf der Straße. Auch hier mit Erfolg. Im Dezember kam Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit guten Nachrichten ins Saarland: „2,6 Milliarden habt ihr gewollt, 2,6 Milliarden kriegt ihr.“ Ein guter Anfang. Damit die gesamte deutsche Stahlindustrie die Transformation bestreiten kann, wird die IG Metall weiter Druck machen.


Tarifrunden 2023

Das Tarifjahr war geprägt von der Inflation durch Krieg und Energiekrise. In vielen Branchen konnte die IG Metall nur mit massiven Warnstreiks gute Tarifergebnisse durchsetzen.


Textilindustrie: mehr Geld und bessere Altersteilzeit

24.000 Textil-Beschäftigte waren im März im Warnstreik – so viel wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Warnstreiks brachten die entscheidende Wende in den stockenden Tarifverhandlungen: Der Tarifabschluss in der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie bringt mehr Geld und eine verbesserte Altersteilzeit. Es gibt insgesamt 1500 Euro Inflationsausgleichsprämie, 4,8 Prozent mehr seit Oktober, weitere 3,3 Prozent mehr ab September 2024. Und es gibt 100 Euro mehr Aufzahlung auf die Altersteilzeit.

Und auch in den Textilen Diensten (vor allem Großwäschereien) waren 4000 Beschäftigte im Warnstreik. Sie setzten insgesamt 300 Euro mehr im Monat – auch für Auszubildende – und 1300 Euro Inflationsprämie durch. Auch hier gibt es 100 Euro mehr Aufzahlung auf die Altersteilzeit.


Kfz-Handwerk: 8,6 Prozent mehr Geld

Die Tarifrunde für die Beschäftigten im Kfz-Handwerk lief 2023 auf Hochtouren. 23.000 Beschäftigte machten Druck bei Warnstreiks und Aktionen – so viele wie seit Jahren nicht. Der Durchbruch bei den Verhandlungen Ende April brachte den Beschäftigten 8,6 Prozent mehr Geld und zwei Inflationsausgleichsprämien von 1500 und 1000 Euro. Die Laufzeit beträgt 24 Monate. Im Kfz-Handwerk sind bundesweit 435.000 Menschen beschäftigt.

In vielen weiteren regionalen Branchen im Handwerk setzte die IG Metall deutliche Lohnsteigerungen durch: etwa im Elektrohandwerk, im Glaserhandwerk, im Metallhandwerk, im Schlosserhandwerk, im SHK-Handwerk, in der Technischen Gebäudeausrüstung, für die Tischler.


Leiharbeit: deutlich mehr Geld und Mitgliederbonus

Trotz „Fachkräftemangel“ nutzen immer noch 72 Prozent der Betriebe Leiharbeit. Doch die IG Metall setzte gemeinsam mit den anderen DGB-Gewerkschaften deutlich mehr Geld für Leihbeschäftigte durch. Der tarifliche Mindestlohn in Entgeltgruppe 1 steigt von 10,88 Euro auf 13 Euro, die Entgeltgruppen darüber entsprechend. Ab dem 1. Januar gibt es dann mindestens 13,50 Euro. Zudem machten tausende Leihbeschäftigte mit Demonstrationen Druck für eine Inflationsausgleichsprämie in den Industriebranchen der IG Metall. Bis zu 2300 Euro netto gibt es nun, sowie ab dem ersten Einsatztag Branchenzuschläge. Zudem stieg im November 2023 der Bonus für Gewerkschaftsmitglieder zum Weihnachts- und Urlaubsgeld auf jeweils bis zu 500 Euro. Die Verhandlungen für weitere Tariferhöhungen starten am 15. Dezember.


Kämpfe um Tarifbindung – 123 Tage Streik bei Vestas

150 neue Betriebe mit Tarif gab es 2023. Doch in vielen Betrieben mussten Beschäftigte und IG Metall hart um die Tarifbindung kämpfen. Trotz „Fachkräftemangel“ – das wurde 2023 klar: Von allein geben die Arbeitgeber nichts.

Der härteste Konflikt des Jahres 2023 war der Kampf beim Windradbauer Vestas: 123 Tage Streik und zahlreiche Demos waren nötig, um erstmals den Einstieg in Tarifverträge für die 1700 Beschäftigten in Deutschland durchzusetzen. Ab dem 1. Januar gibt es unter anderem 5,4 Prozent mehr Geld. Jahrelang gab es kaum Lohnerhöhungen, obwohl Vestas Weltmarktführer ist – und dringend Fachkräfte für den Bau tausender Windräder braucht.


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