Die Arbeit des Experten im Berufsbildungsausschuss
Mit Feingefühl und Beharrlichkeit

Der ehrenamtliche Prüfer Reinhard Böckl beruhigt nicht nur die Nerven von Prüflingen während ihrer Abschlussprüfungen. Gemeinsam mit Kollegen steht er auch in der Bildungspolitik für die Arbeitnehmer ein – und bewahrt den Stellenwert von Facharbeiter-, Meisterbrief & Co.

8. August 20138. 8. 2013


In Bayern haben gerade die Ferien begonnen und die Autobahnen sind voll. Da geht es nur im Schneckentempo vorbei an Baustellen, rot-weißen Pylonen und LKWs. „So. Bis Passau hab ich jetzt hoffentlich Zeit zum Reden“, sagt Reinhard Böckl über die Freisprecheinrichtung seines Autos. Dass der ehrenamtliche Prüfer mal ein paar Minuten findet, ausführlich über sein Engagement zu sprechen, ist eher selten. Denn neben seiner Arbeit als Prüfer übt Böckl für die IG Metall so viele weiter Ehrenämter aus, dass man beim Mitschreiben fürchtet, die Tinte könnte einem ausgehen. Oft ist der gebürtige Straubinger auf den Strecken zwischen München, Frankfurt, Bonn und Berlin unterwegs und sammelt ordentlich Meilen. Seine Mission: „Ich gestalte die Berufsbildungspolitik im Sinne der Arbeitnehmer.“ Eine wichtige Aufgabe – und keinesfalls eine ohne Konflikte.


Von der Aufgabenstellung bis zur Auswertung

Am Ende jeder Ausbildung wartet bekanntlich eine Prüfung und Fachleute, die diese abnehmen. Der 53-Jährige ist einer von rund 50 000 Prüferinnen und Prüfern, die das in den Branchen der IG Metall für die Arbeitnehmerseite übernehmen. Im Schnitt bringt jeder von ihnen sechs Prüfungsterminen im Jahr über die Bühne. Sie beschließen Aufgaben für angehende Berufe wie zum Beispiel Mechatroniker, Technische Produktdesigner, Meister oder Betriebswirte und werten die Prüfungsergebnisse aus. Böckl ist darüber hinaus in Fachbeiräten, als Koordinator der Arbeitnehmer im Bundesinstitut für Berufsbildung oder beispielsweise als alternierender Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) Niederbayern aktiv.

Wofür er bei Abschlussprüfungen besonders viel Fingerspitzengefühl brauche? Böckl überlegt und kurz dringt nur Verkehrslärm über das Telefon. Vielen Auszubildenden, erklärt er dann, gehe bei der Facharbeiterprüfung ordentlich die Pumpe. „Schließlich geht es um den Facharbeiterbrief“. Da springe mancher nervös von einem Bein aufs andere, während er seinem Prüfstück den letzten Feinschliff gibt. „Ich bemühe mich dann, für eine lockere Atmosphäre zu sorgen“, sagt der zweifache Familienvater. Warum der Prüfling bei seinem Prüfstück beispielsweise die Gewinde der T-Nutensteine, in denen die Spindel einer Spannvorrichtung läuft, aus Messing gefertigt hat – das müsse er dann doch fragen. Nur so lasse sich erfahren, ob der angehende Facharbeiter auch versteht, was er da macht. „Das Messing verhindert, dass sich die Spindel festfrisst.“ Verstanden.


Konflikte in der Bildungspolitik um verkürzte Ausbildungen

Aus den in Deutschland rund 200 000 Ausbildungsbetrieben nehmen jedes Jahr rund 350 000 Auszubildende an Abschlussprüfungen teil, in der Weiterbildung sind es rund 60 000. Bei einem Prüfungsbogen will jede Formulierung, jedes Komma, die abgefragten Qualifikationen oder die Zeit für die Bearbeitung genau überlegt sein. Auch an den Berufsbildern selbst arbeitet Böckl mit. „Die Arbeitswelt verändert sich ständig, und wenn ein Beruf neue Fertigkeiten verlangt, müssen wir die Ausbildungsinhalte anpassen“, erklärt er. Das sind die Aufgaben der Ausbilder aber auch der Prüfer.

Nicht ohne Konflikte läuft es in der Bildungspolitik ab: Egal ob Studium oder Schulzeit – Verkürzen liegt seit einigen Jahren im Trend. Ein Arbeitgeber hat nicht immer ein Interesse daran, dass ein Beschäftigter einen Abschluss hat, der ihn beruflich flexibel macht. Oft werde versucht, zweijährige „Schmalspurausbildungen“, wie Böckl sie nennt, durchzusetzen. „Aber was wir zu verkaufen haben, ist unsere Arbeitskraft. Und das so gut wie möglich.“ Eine fundierte und umfassende Berufsausbildung öffnet nicht nur viele Türen, für sie kann man auch einen guten Lohn verlangen. Dass beispielsweise der „Speiseeishersteller“, eigentlich inhaltlich abgedeckt durch den „Konditor“, zu einem zweijährigen Ausbildungsberuf wurde, konnten Böckl und seine Kollegen nicht verhindern. Das letzte Wort bei derlei Entscheidungen hat Wirtschaftsminister Philipp Rösler beziehungsweise dessen Ministerium. Inzwischen zeige die geringe Zahl der Auszubildenden, dass der Beruf wohl keine Zukunft habe.


Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung

Berufsabschlüsse sind nach dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingestuft. Der „Meister“ befindet sich auf der dritthöchsten Stufe sechs – zusammen mit dem akademischen „Bachelor“. „Die Hochschulen hätten die Stufen sechs bis acht gern für sich allein“, lacht Böckl, der auch im bayerischen Berufsbildungsausschuss die Fahne der Arbeitnehmer hochhält. Seit Jahren verteidigt er mit seinen Kollegen erfolgreich den Stellenwert des Meisterbriefs. „Es sind ja nicht nur die zwölf Monate bis zur Meisterprüfung, was viele immer sagen. Vorher hat man schon eine mindestens dreijährige Berufsausbildung abgeschlossen“, argumentiert er.

Ja, sein mittlerweile 30 Jahre andauerndes Engagement nehme viel Zeit in Anspruch. „Aber ich bin der Überzeugung, dass eine Gesellschaft nur so funktionieren kann“, sagt Böckl während mit einem Piepsen der nächste Anruf drängelt. „Mein Beitrag für die Gesellschaft ist, dass ich mich für die Berufsbildung einsetze. Im Gegenzug trainiert vielleicht jemand anderes meine Kinder im Sportverein.“

Neu auf igmetall.de

Newsletter bestellen